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Kongress in Hamburg : Rückblick: So extrem ist das Wetter in SH

vom
Aus der Onlineredaktion

In Hamburg findet in dieser Woche der Extremwetterkongress statt. shz.de hat einige der schwersten Unwetter in SH zusammengetragen.

von
erstellt am 06.Okt.2014 | 16:09 Uhr

Hamburg | Schneekatastrophe, Hochwasser, Orkan: Auch Schleswig-Holstein ist vor Unwettern nicht gefeit. Darüber sprechen in dieser Woche Experten und Interessierte beim Extremwetterkongress in Hamburg. shz.de fasst einige der größten Wetterkapriolen zusammen.

5. Dezember 2013: Orkantief „Xaver“

Als Orkantief Xaver vor einem Jahr über SH tobte, hatten diese zwei Männer alle Mühe, sich beim überfluteten Fähranleger in Dagebüll an einem Geländer festzuhalten.
Der überflutete Fähranleger in Dagebüll (Kreis Nordfriesland): Das Orkantief „Xaver“ hat den Norden mit voller Wucht erreicht. Foto: dpa Foto: dpa
 

Am 4. Dezember 2013 nahm „Xaver“ bereits südlich von Grönland kommend Kurs auf Europa, einen Tag später traf er mit voller Wucht auf Schleswig-Holsteins Nordseeküste. Der Orkan brachte kalte Luft mit Graupel und Schnee mit sich. Mehrere Halligen meldeten Land unter, auf den Nordseeinseln gab es Dünenabbrüche und Sandabtragungen. In Hamburg wurden die zweithöchsten Pegelstände seit den Aufzeichnungen ab 1825 gemessen.

„Xaver“ trägt die Bezeichnung als Orkantief zu recht: Die Spitzenböen erreichten zwischen 150 und 160 km/h. Glücksburg/Meierwik (Kreis Schleswig-Flensburg) meldete für den 6. Dezember eine maximale Böe von 158,4 km/h.

Vorsorglich blieben Schulen geschlossen, Bahnen und Fähren standen still, Flüge fielen aus – man hatte von Orkantief „Christian“ gelernt, vorsichtig zu sein. Dennoch forderte „Xaver“ europaweit mehr als zehn Tote.

28. Oktober 2013: Orkantief „Christian“

Überschwemmte Hafencity in Hamburg nach dem Orkan: Ein Auto gerät in der Straße „Am Sandtorkai“ ins Schwimmen. Foto: dpa
Überschwemmte Hafencity in Hamburg nach dem Orkan: Ein Auto gerät in der Straße „Am Sandtorkai“ ins Schwimmen. Foto: dpa Foto: Christian Charisius, lno
 

Orkantief „Christian“ traf Europa unerwartet stark: Die noch Laub tragenden Bäume boten eine optimale Angriffsfläche für die starken Orkanböen. Böen von 118 km/h und mehr waren bei „Christian“ keine Ausnahme. Die Messstation in Sankt Peter Ording meldete mit einer Böe von 172 km/h den Maximalwert im Messnetz des Deutschen Wetterdienstes, die stärkste Windböe des Tages betrug in Hamburg 120,2 km/h, die höchste Windgeschwindigkeit auf deutschem Gebiet wurde mit je 191 km/h auf den Inseln Helgoland und Borkum gemessen.

„Christian“ löste vor allem in Schleswig-Holstein stärkere Niederschläge aus. Groß Wittensee, südöstlich von Schleswig, meldete sogar knapp 32 Liter pro Quadratmeter.

Außerdem setzte „Christian“ Halligen unter Wasser, riss Löcher in Dächer oder deckte Häuser komplett ab. Auf Straßen und Schienen führte der Orkan zu einem Verkehrschaos – Bahnen und Fähren waren lahmgelegt, Flüge gestrichen und Brücken gesperrt.

Europaweit gab es mindestens 15 Todesopfer, davon sechs in Deutschland. Bei der Regionalleistelle Nord in Harrislee gingen 432 Anrufe pro Stunde aus den Kreisen Schleswig-Flensburg und Nordfriesland ein.

Die starken Winde hatten jedoch auch eine positive Wirkung: Windenergieanlagen speisten in Deutschland am 28. Oktober zwischen 11 Uhr und 12 Uhr eine maximale Leistung von 24,7 GW ins Netz – bis dahin ein neuer deutscher Rekord, der jedoch bereits Anfang Dezember während des Orkantiefs „Xaver“ wieder übertroffen wurde. Im Tagesschnitt wurden über 20 GW geliefert, mit Minimalwerten im Bereich von 18 GW. Die insgesamt an diesem Tag produzierte Strommenge lag bei rund 500 Millionen kWh.

Juni 2013: Hochwasser in Lauenburg

Hochwasser: So sah es in Lauenburg an der Elbe im Juni 2013 aus.
Hochwasser: So sah es in Lauenburg an der Elbe im Juni 2013 aus. Foto: dpa Foto: dpa
 

Tagelange Regenfälle sorgten für schwere Überflutungen. In Lauenburg (Kreis Herzogtum-Lauenburg) wurde am 5. Juni damit begonnen, rund 150 Häuser nahe der Elbe zu räumen. Der Höchststand der Elbe von 9,64 Metern wurde am 12. Juni erreicht.

Bei dem Hochwasser entstanden Schäden in Höhe von 30 Millionen Euro. Teile der tiefliegenden Altstadt Lauenburgs standen tagelang unter Wasser. Rund 300 Anwohner mussten ihre Häuser verlassen.

Mehr als ein Jahr später sind noch immer nicht alle Schäden beseitigt. Außerdem kämpfen Stadt und Anwohner um Geld für den Schutz gegen künftige Hochwasser. Nach der Flut im Juni vorigen Jahres hatte das Land der Stadt zugesagt, die Kosten für einen einen wirksamen und nachhaltigen Hochwasserschutz zu übernehmen. Nach Angaben der Stadt Lauenburg war dabei kein Höchstbetrag genannt worden. Die Kosten für den Hochwasserschutz werden mit rund 25 Millionen Euro veranschlagt. Umweltminister Robert Habeck hatte auf einem Besuch in Lauenburg erklärt, das Land würde zwar ein geologisches Gutachten finanzieren, um die Gefahr eines Abrutschens der Häuser am Elbufer durch Ausspülungen zu untersuchen. Die Übernahme der Kosten der Errichtung von Spundwänden und den Bau einer erhöhten Uferpromenade seien jedoch nicht vorgesehen.

18. April 2013: Sandsturm über SH

Und plötzlich kommt die 'Sandwand': Autofahrer auf der A7 kämpfen zwischen Schleswig und Flensburg mehrmals mit schlechter Sicht. Foto: Langmaack
Und plötzlich kommt die "Sandwand": Autofahrer auf der A7 kämpfen zwischen Schleswig und Flensburg mehrmals mit schlechter Sicht. Foto: Langmaack
 

Schlechte Sicht auf der A7 zwischen Schleswig und Tarp: Mit 76 Stundenkilometern fegten Böen am Nachmittag des 18. April 2013 über die Felder links und rechts der Autobahn, wirbelten Erde auf und trugen sie durch die Luft. Die Sicht lag stellenweise bei weniger als 50 Metern. Unfälle gab es nicht. Auf der Fehmarnsundbrücke, der Rader Hochbrücke über die A7 und dem Autozug zwischen Niebüll und Westerland kam es wegen des starken Windes zu Einschränkungen.

Bereits im Mai 2011 hatte ein Sandsturm die Fahrt auf der A7 zwischen Flensburg und Schuby behindert: Über Kilometer hinweg war die Sichtweite der Autofahrer auf nur 200 Meter beschränkt. Als der Regen einsetzte, war es mit dem Staub-Phänomen vorbei. Welche Gefahr von solchen Sandwolken ausgeht, zeigt die verheerende Massenkarambolage am 8. April 2011. Hier kam es auf der Autobahn 19 bei Rostock zu einem Unfall mit acht Toten. 100 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, 79 Autos, vier Lastwagen und ein Reisebus rasten ineinander, knapp 30 Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Das Inferno richtete einen Millionenschaden an, schätzten Polizisten an der Unfallstelle.

9. November 2007: Sturmtief „Thilo“

Ein Auto schwimmt an der Fischauktionshalle in Hamburg in der Elbe. Foto: dpa
Ein Auto schwimmt an der Fischauktionshalle in Hamburg in der Elbe. Foto: dpa Foto: dpa

In Deutschland warnte der Deutsche Wetterdienst am Nachmittag des 8. November vor dem Sturm. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie warnte vor einer Sturmflut. Und „Thilo“ hielt, was er versprach: Er sorgte mit einem Pegelstand von 3,33 Metern über dem normalen Hochwasser für die schwerste Sturmflut in Hamburg seit 1990. Teile der Speicherstadt und des Altonaer Fischmarkt standen unter Wasser. Auf Helgoland kam es zu großen Dünenabbrüchen. Es wurden mehrere 100.000 Kubikmeter Sand von den Stränden gespült. Damit wurden jüngste erhebliche Anstrengungen zum Küstenschutz wieder zunichte gemacht. Der Fährverkehr zu den Inseln wurde schon am Tage zuvor wegen starken Seegangs eingestellt.

Nur über der Nordsee erreichte der „Thilo“ Orkanstärke. Landseitig blieb es bei orkanartigen Böen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 km/h.

8. Januar 2005: Orkantief „Erwin“

„Erwin-Fans“ an der Mole des Fährhafens Dagebüll. Foto: Wrege
„Erwin-Fans“ an der Mole des Fährhafens Dagebüll. Foto: Wrege Foto: Wrege

In der Nacht zum 8. Januar 2005 traf Orkantief „Erwin“ mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 181 Stundenkilometern auf die deutsche Nordseeküste. Durch das aufgewühlte Meer vor Sylt wurde so viel Sand abgetragen, dass die Insel an der Südspitze um 20 Meter kürzer wurde. Mindestens 14 Menschen starben.

Februar 2002: Orkantief „Anna“

Die Nordsee trat bei Orkantief „Anna“ im Wyker Hafen über die Ufer. Foto: Kölschbach
Die Nordsee trat bei Orkantief „Anna“ im Wyker Hafen über die Ufer. Foto: Kölschbach

Am 26. Februar 2002 erreichte „Anna“ in der norddeutschen Tiefebene Spitzengeschwindigkeiten von fast 180 Stundenkilometern. In Dithmarschen entwurzelte der Sturm mehr als 100 Bäume. In und um Rendsburg mussten Polizei und Feuerwehr rund 450 mal ausrücken, Züge verspäteten sich. Die Schäden des Sturms beliefen sich insgesamt auf rund 25 Millionen Euro. Drei Menschen starben.

3. Dezember 1999: Orkantief „Anatol“

Mühsam kämpft sich die Fähre in den rettenden Fährhafen von Dagebüll (Kreis Nordfriesland).
Mühsam kämpft sich die Fähre in den rettenden Fährhafen von Dagebüll (Kreis Nordfriesland).
 

„Anatol“ tobte mit heftigem Regen und Orkanböen über Nordeuropa. Der Orkan verursachte in Dänemark und Norddeutschland erhebliche Schäden. In Dänemark gilt er seitdem als schlimmster Orkan des 20. Jahrhunderts. Auf Sylt brach nach einer Böe von 180 km/h der Strom zusammen. Auf Föhr wurden hunderte Bäume umgeweht. Auf der Nordsee führten die starken Winde zu einer schweren Sturmflut. Die dänische Insel Rømø wurde überflutet. In Hamburg wurde mit 3,90 Meter über dem Mittleren Hochwasser der vierthöchste Pegelstand seit der Aufzeichnung registriert. „Anatol“ forderte mindestens 20 Tote.

Schneekatastrophe 1978/79

Städte und Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten, der Zugverkehr kam zum Erliegen und auf Autobahnen türmten sich meterhohe Schneemassen auf.
Städte und Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten. Foto: dpa Foto: dpa
 

Ein ungewöhnlicher Temperatursturz von sieben auf minus 15 Grad ging dem voraus, was heute als Schneekatastrophe bekannt ist. Gesperrte Straßen, von der Außenwelt abgeschnittene Dörfer, Stromausfall, dramatische Rettungsaktionen und Todesfälle: Kurz vor der Jahreswende 1978/79 brach der Winter über Norddeutschland ein. Vielerorts fielen Strom- und Telefonnetze aus – die bis zu 30 Zentimeter dicken Eispanzer um die Leitungen ließen viele Strom- und Telefonmasten unter dem Gewicht zusammenbrechen. Dazu fielen Ölheizungen aus, Schweine kollabierten in den Ställen, und die Landwirte mussten ihre Kühe von Hand melken. Die Milch mussten sie wegschütten – abgeholt werden konnte sie nicht.

Räumfahrzeuge der Gemeinden konnten die Schneemassen nicht mehr bewältigen, Panzer wurden eingesetzt, um liegengebliebene Fahrzeuge und Züge zu erreichen. Die Inseln waren nicht mehr erreichbar und auf sich allein gestellt.

Durch den Nordost-Sturm bekamen die Hafenstädte Flensburg, Eckernförde, Kiel, Lübeck große Hochwasserprobleme. Mehr und mehr Eisschollen stapelten sich in den Häfen übereinander und brachten den Schiffsverkehr völlig zum Erliegen. Die hafennahen Straßen waren vom Eis bedeckt, Autos bis zur Türkante im Eis eingefroren. Flensburg wurde völlig abgeschnitten, bis zu 1200 Menschen wurden in Notquartieren untergebracht. In der Bundesrepublik starben 17 Menschen. Die Schäden betrugen 140 Millionen Mark.

Im Februar 1979 folgte ein weiterer Wintereinbruch mit starkem Schneefall und -verwehungen. Erneut gab es Todesopfer.

16./17. Februar 1962: Sturmflut

Die folgenschwerste Sturmflut des Jahrhunderts suchte Norddeutschland am 16. und 17. Februar 1962 heim. An rund 60 Stellen brachen die Deiche. Allein in Hamburg kamen durch das Sturmtief „Vincinette“ 315 Menschen ums Leben. Rund ein Sechstel des Stadtgebietes war überschwemmt.

Außergewöhnlich schwer betroffen war das Unterelbegebiet mit der Hansestadt Hamburg, wo vor allem der Stadtteil Wilhelmsburg durch Deichbrüche in Mitleidenschaft gezogen wurde; dort starben die meisten der zu beklagenden Todesopfer. Insgesamt wurden in Schleswig-Holstein etwa 5000 bis 10.000 Menschen evakuiert. In Schleswig-Holstein waren die Inseln Amrum, Sylt sowie die Halligen stark in Mitleidenschaft gezogen. Menschen starben hier nicht.

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