zur Navigation springen

Sterbehilfe Deutschland : Roger Kusch: Der Ex-Senator und die „Tatherrschaft“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit seinem Verein hilft der Hamburger Ex-Justizsenator Roger Kusch Menschen, die sterben wollen – bewusst an der Grenze zur Legalität.

Hamburg | Diesen Showdown vor Gericht hat er wohl gewollt: Die Staatsanwaltschaft hat Hamburgs ehemaligen Justizsenator Roger Kusch wegen Totschlags in zwei Fällen angeklagt. Der 59-Jährige soll als Vorsitzender des Vereins Sterbehilfe Deutschland (StHD) zwei 81 und 85 Jahre alten Frauen zum Suizid verholfen haben, ohne diese über Alternativen zu informieren. Die Seniorinnen waren laut Staatsanwaltschaft weder unheilbar krank noch schwerstbehindert. Sie hätten allein aus Angst vor dem Alter einen Selbstmord erwogen und seien deshalb in den Sterbehilfeverein eingetreten.

Bei der Selbsttötung im November 2012, so die Staatsanwälte gestern in einer Mitteilung, hätten Kusch und der mitangeklagte Psychiater Johann Friedrich S. die „Tatherrschaft“ übernommen. Somit liege ein Fall von Totschlag vor. S. hatte die Rentnerrinnen zuvor begutachtet, um die Voraussetzungen für eine Sterbehilfeleistung zu prüfen – so wie es die Vereinssatzung vorschreibt. Suizidhilfe ist nach den Statuten nur bei „hoffnungsloser Prognose, unerträglichen Beschwerden oder unzumutbarer Behinderung“ zulässig. Diese Voraussetzungen hätten bei den beiden Frauen erkennbar nicht vorgelegen, so die Ankläger.

Die psychiatrische Untersuchung, für die Nervenarzt S. 2000 Euro verlangte, sei zu dem Schluss gekommen, „dass die Betroffenen geistig und körperlich rege und sozial gut eingebunden waren und der Grund für ihren Wunsch allein ihre Angst vor dem Altern und dessen Folgen war“, heißt es in der Mitteilung. Alternativen hätten Kusch und S. verschwiegen.

Die Seniorinnen vergifteten sich schließlich in ihrer Wohnung mit einer Überdosis des Malariamittels Chloroquin, das Kusch über den Verein beschafft haben soll. Als S. die Frauen am ausgewählten Todestag in der Wohnung aufsuchte, so die Staatsanwaltschaft, habe sich „Frau M. schmerzlich betroffen gezeigt, weinte und haderte gemeinsam mit Frau W. mit ihrer Entscheidung“. Dennoch habe der Arzt suggeriert, ihre Entscheidung sei „durchdacht und ohne Alternative“.

Die Staatsanwälte gehen davon aus, dass Kusch und S. gezielt einen Musterprozess in Sachen Sterbehilfe provozieren wollen: „Bereits Anfang 2012 hatten die Angeschuldigten sich entschlossen, einen Präzedenzfall zu schaffen.“ Den beiden Beschuldigten drohen bis zu 15 Jahre Haft. Noch hat das Landgericht nicht entschieden, ob es die Anklage zulässt und das Hauptverfahren eröffnet. Kusch und S. wollen sich erst heute zu den Vorwürfen im Rahmen einer Pressekonferenz äußern.

Roger Kusch ist seit Jahren der prominenteste Befürworter und Kämpfer für organisierte Sterbehilfe in Deutschland. Der ehemalige Justizsenator (2001 bis 2006) hatte 2008 fünf Menschen bei der Selbsttötung mit Giftcocktails geholfen, dies auf Video dokumentiert und veröffentlicht. Dafür berechnete er pro Fall 6500 Euro Honorar sowie 1500 Euro für einen Psychologen. Die Polizei untersagte ihm Ende 2008 jede weitere Sterbehilfe. Das Verwaltungsgericht bescheinigte Kusch ein „unerlaubtes Gewerbe“ und eine „sozial unwertige und gemeinschaftsschädliche Tätigkeit“.

Organisierte Sterbehilfe bewegt sich hierzulande in einer rechtlichen Grauzone. Beihilfe zum Suizid ist nicht strafbar, wird als kommerzielle Dienstleistung aber heftig kritisiert. 2009 gründete Kusch die Sterbehilfe Deutschland e.V., die nur Mitgliedern beim Freitod zur Seite steht. Die Beiträge liegen zwischen 200 Euro jährlich und 2000 Euro für eine lebenslange Mitgliedschaft. Und: Wer einmalig 7000 Euro zahlt, erhält eine „Sondermitgliedschaft“ – mit sofortigem Anspruch auf Sterbehilfe.

Der in Oststeinbek (Kreis Stormarn) und in Zürich ansässige Verein hat nach eigenen Angaben mehr als 100 Personen geholfen, aus dem Leben zu scheiden. Wer das bereitstehende Gift nicht mehr schlucken kann, dem bietet Kusch einen selbst entwickelten Injektionsapparat an. Dabei lösen die Betreffenden die Giftspritze per Knopfdruck aus.

zur Startseite

von
erstellt am 13.Mai.2014 | 09:33 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen