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Thomas Drach : Reemtsma-Entführer verlässt Deutschland

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Mit der Entführung des Millionen-Erben Reemtsma hatte er einst viele Millionen erpresst: Jetzt ist Thomas Drach auf freiem Fuß und hat das Land verlassen. In Deutschland gelten für den Entführer strenge Auflagen. Der Leiter der damaligen Soko spekuliert, wo die Lösegeld-Millionen sein könnten.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2013 | 09:34 Uhr

Hamburg | Reemtsma-Entführer Thomas Drach ist nach mehr als 15 Jahren hinter Gittern auf freiem Fuß und hat Deutschland verlassen. Wo genau sich Drach aufhält, ist unbekannt. Der 53-Jährige war am Montagmorgen gegen 6.30 Uhr aus dem Gefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel entlassen worden. Sein Anwalt holte ihn mit einem BMW-Cabrio aus der Strafanstalt ab. Der Verteidiger erklärte, Drach werde sich nicht gegenüber Medien äußern und habe auch keine weiteren Erklärungen oder Informationen zu geben.

Der verurteilte Entführer habe bereits vor seiner Entlassung angekündigt, dass er aus Deutschland ausreisen wolle, sagte der Sprecher der Justizbehörde. Damit entzöge sich der Schwerverbrecher größtenteils den strengen Auflagen, die von der Hamburger Justiz gegen ihn verhängt wurden. Er müsste zum Beispiel eine elektronische Fußfessel tragen. Diese wurde ihm jedoch im Hinblick auf seine bevorstehende Ausreise gar nicht erst nicht angelegt. Die Auflagen gelten bis zu fünf Jahre nach der Entlassung, können unter bestimmten Voraussetzungen aber auch noch verlängert werden.

Doch mit Drachs Entlassung ist die Geschichte um Verbrechen, Gier und Geld noch nicht zu Ende. Von dem Lösegeld von umgerechnet rund 15 Millionen Euro, das er und seine Komplizen 1996 von der Familie des entführten Unternehmenserben Jan Philipp Reemtsma erpressten, sollen noch mindestens 8 Millionen Schweizer Franken (6,5 Millionen Euro) vorhanden sein. Dafür interessieren sich staatliche Ermittler, Privatdetektive im Auftrag des Opfers - und vermutlich Kriminelle.

Der notorische Schwerverbrecher Drach gilt in Polizei- und Sicherheitskreisen auch weiterhin als brandgefährlich. Fast die Hälfte seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht und alle Angebote zur Resozialisierung ausgeschlagen. Stattdessen kultivierte er in der Öffentlichkeit immer wieder die Pose des Gesetzlosen. „Das haben Sie in 15 Jahren nicht erfahren, und das werden Sie auch heute nicht erfahren“, sagte er zum Beispiel 2011, als er wegen Drohungen gegen seinen Bruder nochmals vor Gericht stand und nach dem Lösegeld gefragt wurde. Die Brüder sind verfeindet. „Ich traue der Ratte nicht“, schrieb Thomas Drach einst in einem Brief. „Der soll auf keinen Fall noch mal auf meine Kosten leben.“ 

Nach Einschätzung der Ermittler ist Drach der Meinung, das Lösegeld stehe ihm durch die lange Haft quasi zu. „Es ist ein störender Gedanke, dass er möglicherweise von dem Geld, was er auf die Seite gebracht hatte, sich ein gutes Leben machen kann“, sagte sein Opfer Reemtsma vor einigen Tagen im Radiosender NDR Info. „Solche Verbrechen sollten keine Erfolge sein.“ Der heute 60-jährige Sozialforscher und Autor hat bei der Suche nach dem Geld eine private Sicherheitsfirma eingeschaltet, weiß aber auch nicht, ob noch etwas da ist. „Er hat ja irgendwelche Kumpane, die möglicherweise das Geld längst durchgebracht haben.“ 

Reemtsma hofft, dass sein Entführer auch nach dem Gefängnis kein schönes Leben führen kann. „So sicher lebt er ja nicht mit dem Wissen anderer Leute, dass er über viel Geld verfügt.“ Dieter Langendörfer, der ehemalige Leiter der Kripo-Sonderkommission, die Drach in den 90er Jahren verfolgte, sieht das ähnlich. „Dass neben dieser privaten Sicherheitsfirma auch andere hinter dem Geld her sein werden, also Kriminelle, das kann ich mir gut vorstellen“, sagte Langendörfer. „Ich denke, dass von dieser Gesellschaft von Kriminellen, die ihn eventuell fragen, wo das Geld ist, eine wesentlich größere Gefahr ausgeht als von anderen, weil die weder an Recht noch an Gesetz gebunden sind.“ 

Drach selbst ist schon lange polizeibekannt. Mit 13 Jahren knackte er Autos, hatte in der Jugend Kontakt zu Drogen und kassierte mit 18 seine erste Gefängnisstrafe. Gutachter beschreiben Drach als durchaus intelligent, aber unreif und uneinsichtig in das von ihm begangene Verbrechen. Er nehme keine Rücksicht auf andere, sei auf einen „gehobenen Lebensstil“ fixiert und trachte einzig nach einem Leben in Saus und Braus.

Vor Gericht präsentiert Drach sich aufbrausend und aggressiv. Er scheut nicht davor zurück, Justizbeamte zu bedrohen. In einem Gutachten hieß es noch vor zwei Jahren: „Es ist davon auszugehen, dass er in Freiheit weitere schwere Straftaten begehen wird.“

Drach konnte sich nach der Reemtsma-Entführung zunächst nach Südamerika absetzen und führte knapp zwei Jahre lang ein luxuriöses Leben in Uruguay. Im März 1998 wurde er in Argentinien aufgespürt und festgenommen, wo er ein Rockkonzert besuchen wollte. Erst gut zwei Jahre später, im Juli 2000, wurde Drach nach Deutschland ausgeliefert und wegen erpresserischen Menschenraubes zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. In der Haft kam eine weitere Strafe hinzu. Da Drach eisern über den Verbleib des Geldes schwieg und keine Reue zeigte, musste er die Strafe vollständig verbüßen.

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