Hamburger Landgericht : Raser oder Mörder? 25-jähriger Taxidieb steht vor Gericht

Das Wrack eines der Taxis, das mit anderem Taxi zusammengestoßen war. /Archiv
Das Wrack eines der Taxis, das mit anderem Taxi zusammengestoßen war. /Archiv

Der Angeklagte hatte betrunken ein Taxi gestohlen und war damit durch Hamburg gerast. Ein Mensch starb.

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14. Dezember 2017, 15:59 Uhr

Hamburg | Er hatte 1,2 Promille Alkohol im Blut, stahl ein Taxi, beschleunigte den Wagen bei der Flucht vor der Polizei auf Tempo 145 und verursachte einen verheerenden Zusammenprall, bei dem ein Mensch starb. So weit sind die Fakten klar in diesem besonderen Strafprozess, der am Donnerstag vor dem Hamburger Landgericht unter großem öffentlichen Interesse begonnen hat.

Doch ist der angeklagte 25-jährige Raser auch ein Mörder? Vor allem diese Frage wird die Schwurgerichstkammer in den kommenden Wochen zu klären haben. Erstmals in Hamburg hat die Staatsanwaltschaft nach einem tödlichen Verkehrsunfall den Verursacher wegen Mordes angeklagt. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. 

Zum Prozessbeginn schweigt der angeklagte Mann aus Litauen. Der Verteidiger verliest eine Erklärung des 25-Jährigen. „Mein Mandant erinnert sich an die Fahrt und an den Unfall nicht. Er kann sich noch nicht einmal daran erinnern, wie er an das Auto gekommen ist.“

Der Angeklagte sitzt blass im gelben T-Shirt daneben, lauscht ohne erkennbare innere Bewegung, wie die Dolmetscherin die in seinem Namen formulierten Worte übersetzt. „Er hat sich erschrocken, als er erfahren hat, dass seinetwegen ein Mensch gestorben ist und zwei verletzt wurden. Es fällt ihm schwer, sich zu entschuldigen, weil er keine Worte findet“, versichert der Verteidiger.

Laut Anklage hatte der Litauer Anfang Mai dieses Jahres gegen 4 Uhr das Taxi auf einem Parkplatz in Eilbek gestohlen. Den Zündschlüssel fand er in der Mittelkonsole. Als ein Streifenwagen mit Blaulicht die Verfolgung aufnahm, gab der Autodieb Gas – ohne Licht an dem Kombi, mit halsbrecherischer Fahrweise und in nicht beherrschbarer Geschwindigkeit. 5,6 Kilometer ging die Jagd von Barmbek Richtung Süden. 14 Kreuzungen durchraste der Fahrer, mindestens zwei davon bei Rotlicht. In Höhe Kennedybrücke angekommen, habe der Angeklagte das Taxi nochmals beschleunigt und „bewusst in den Gegenverkehr gelenkt“, so die Staatsanwaltschaft. Am Ballindamm/Ecke Glockengießerwall kam es zum Frontalzusammenstoß mit einem Großraumtaxi. Ein Fahrgast (22) starb an der Unfallstelle, eine weitere Person wurde lebensgefährlich am Kopf verletzt, der Taxifahrer brach sich die Wirbelsäule. 

Die Staatsanwaltschaft begründet die Mordanklage damit, dass der Raser den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen habe. Laut Sprecherin Nana Frombach lägen zwei Mordmerkmale vor: Motiv der irrsinnigen Flucht über die Straßen sei gewesen, den Autodiebstahl zu vertuschen. Und: Der Angeklagte habe das geklaute Taxi als „gemeingefährliches Werkzeug“ eingesetzt.

Die Verteidigung betont dagegen: Einen Tötungsvorsatz anzunehmen sei „fernliegend“. Es handele sich eher um einen „Gefährdungsvorsatz“.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Dann sagen der Taxifahrer und der überlebende Insasse aus.

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