Messerangriff von Barmbek : Radikalisierung von Ahmad A. im Fokus des Prozesses

Einsatzkräfte der Polizei sperren am Tag der Messerattacke den Tatort in Hamburg-Barmbek ab.
Einsatzkräfte der Polizei sperren am Tag der Messerattacke den Tatort in Hamburg-Barmbek ab.

Die tödliche Messerattacke in einem Hamburger Supermarkt hatte einen religiösen Hintergrund - das gesteht der Angeklagte

shz.de von
09. Februar 2018, 18:09 Uhr

Hamburg | Der Angeklagte im Prozess um die Bluttat in einer Edeka-Filiale im Sommer 2017 hat nach Aussage von Zeuge schon früh Radikalisierungstendenzen gezeigt. „Die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft meldete sich im März 2016 bei mir“, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter einer Beratungsstelle für religiös motivierte Radikalisierung am Freitag vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts. Schon bei ihrem Kennenlernen sei der Angeklagte „instabil, misstrauisch und hoffnungslos“ gewesen, sagte der 60-jährige Radikalisierungsexperte.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem 26 Jahre alten angeklagten Ahmad A. Mord versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vor. Er soll in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek einen 50 Jahre alten Mann aus Neubrandenburg unvermittelt mit einem Messer angegriffen und getötet haben. Anschließend verletzte der abgelehnte Asylbewerber noch sechs weitere Menschen. Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass die Tat islamistisch motiviert war.

Der Pädagoge habe sich zunächst nicht als Mitarbeiter der Beratungsstelle zu erkennen gegeben und Ahmad A. zunächst angeboten, ihn ehrenamtlich bei seinem Asylverfahren zu unterstützen. Er traf ihn ein zweites Mal im April und wurde schließlich erneut im November von der Leiterin angefordert. „Da habe ich gemerkt, dass er noch religiöser geworden ist“, sagte der Zeuge.

Der Angeklagte habe ihn als „Agent von der Behörde“ bezeichnet. „Ich habe den Eindruck gehabt, dass er paranoid ist oder an einer anderen psychischen Erkrankung leidet.“ Zudem habe er sich vom Angeklagten bedroht gefühlt. „Ich hatte Angst vor ihm und dachte, dass ich diesen Tag nicht überleben werde“, berichtete der Pädagoge. Er habe es für das Beste erachtet, dass Ahmad A. in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen und das Landeskriminalamt benachrichtigt werde.

Die Veränderung des Angeklagten schilderte auch ein ehemaliger Klassenkamerad, der mit ihm zusammen einen Deutschkurs besucht hatte. Ahmad A. sei anfangs kontaktfreudig gewesen, habe studieren wollen und auch regelmäßig Alkohol getrunken und Marihuana geraucht. Dann habe er sich immer mehr verändert. „Am Schluss hatte ich Angst vor ihm“, gab der 27-jährige Informatikstudent an.

Dass die Radikalisierung spätestens im November erfolgte, bestätigt auch ein islamwissenschaftliches Gutachten von dem Notizbuch des Angeklagten, welches der Vorsitzende Richter verlas. „Die Flammen des Krieges werden auch euch früher oder später erreichen“, schrieb der Angeklagte etwa darin - adressiert an die Deutsche Bundesregierung.

Während des Prozesstages sagten noch weitere Zeugen aus, darunter auch ein Auszubildender des Supermarktes, der zu Beginn der Tat gerade auf dem Weg in die Pause war. Dann habe er Schreie gehört und den Täter bereits blutverschmiert auf sich zukommen sehen. „Er hat Mordlust ausgestrahlt“, gab der 20-Jährige an. Er habe sich ins Lager eingeschlossen und gewartet bis Hilfe kam.

Des Weiteren wurden ein weiterer damaliger Auszubildender des Edeka-Marktes sowie zwei Passanten befragt, die beide als Teil der sogenannten „Helden von Barmbek“ bekannt wurden. Sie verfolgten den Angreifer und hielten ihn davon ab, weitere Menschen zu verletzten. „Er griff alle an, die sich in seiner Nähe befanden“, schilderte der 21-jährige Ex-Azubi. Einer der Passanten, der auch arabisch spricht, berichtete, der Angeklagte habe zu ihm gesagt, er wolle „nichts mit uns zu tun haben, er will die anderen“, also „die Ungläubigen“.

Am kommenden Prozesstag, 14. Februar (9 Uhr), werden unter anderem Aussagen eines gerichtsmedizinischen Sachverständigen sowie eines psychiatrischen Gutachters erwartet.

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