Neuer Weg auf dem Ring 3 : Radfahren in Hamburg: Autofahrer sollen Fahrspur abgeben

Ein Radfahrer auf der neuen Fahrradstraße an der Außenalster in Hamburg.
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Ein Radfahrer auf der neuen Fahrradstraße an der Außenalster in Hamburg.

Wo ein Wille ist, entsteht in Hamburg ein Radweg - aber mitunter kein guter, meinen Kritiker der Radverkehrspolitik.

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07. Juli 2015, 07:15 Uhr

Hamburg | Radfahrer sollen im Straßenverkehr keine Randerscheinung mehr sein. Sie kehren in Hamburg auf die Fahrbahn zurück. Teilweise drängen sie schon die Autos an den Rand, wenn Fahrradstraßen ausgewiesen werden. Einbahnstraßen gibt es praktisch nicht mehr, 80 Prozent dürfen offiziell von Radlern in Gegenrichtung befahren werden. Auch der reine Fußweg ist so gut wie abgeschafft.

Viele Bürgersteige sind für Radfahrer freigegeben oder sind zugleich offizieller Radweg, auf den übrigen Strecken wird ebenfalls geradelt.„Hamburg soll Fahrradstadt werden“, hat Verkehrssenator Frank Horch (parteilos) kürzlich verkündet. Von Anfang 2013 bis Ende 2014 habe die Stadt 42 Kilometer Radwege ausgebaut oder instandgesetzt. Bis 2020 solle Hamburg über ein Netz von 14 Velorouten verfügen. Die Radverkehrspolitik des Senators kommt an, zumindest bei denen, die davon profitieren. Eine Zählstelle an der Außenalster in Höhe der Gurlittinsel zeigte bereits Ende Juni den millionsten Radfahrer in diesem Jahr an. Mit dieser Zahl war erst Ende Juli gerechnet worden.

Auch auf Hauptverkehrsstraßen müssen Autofahrer an immer mehr Stellen mit Pedalisten rechnen. Die Verkehrsbehörde und das Bezirksamt Altona prüfen derzeit, ob Radfahrer auch auf dem Ring 3 im Stadtteil Osdorf einen eigenen Fahrstreifen bekommen können. Täglich sind auf diesem Abschnitt rund 20.000 Autos unterwegs - bei erlaubten 60 km/h. Die CDU hält derartige Planungen für bedenklich, die Sicherheit bleibe auf der Strecke. Fahrradstreifen auf Fahrbahnen von Hauptverkehrsachsen zu verlegen, sei gegen jede Vernunft, meint der Bürgerschaftsabgeordnete Dennis Thering.

Er verweist auf den Anstieg der Fahrradunfälle. Elf Radler starben im vergangenen Jahr auf Hamburgs Straßen, im Jahr davor waren es nur zwei. Die Zahl der verletzten Radfahrer stieg von 2212 um 9,4 Prozent auf 2420. An 3274 Unfällen waren Radfahrer im vergangenen Jahr beteiligt, 8,6 Prozent mehr als 2013, als es noch 3014 waren. „Der Senat muss die Sicherheit endlich zum obersten Gebot seiner Verkehrspolitik machen“, fordert Thering. „Die Verkehrswende erreicht man nicht mit der Brechstange.“

Dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) geht es dagegen nicht schnell genug. „Es hat sich noch nicht viel getan“, sagt der Vize-Chef des ADFC-Landesverbands, Dirk Lau, zur Bilanz nach einem Vierteljahr Rot-Grün. Dabei erhöhten gerade Fahrstreifen auf der Fahrbahn die Sicherheit von Radfahrern ganz extrem. Es sei ein Gebot der Vernunft, den begrenzten Raum an Verkehrsfläche neu aufzuteilen.

Empört ist Lau, dass eine wichtige Verkehrsader wie die Budapester Straße auf St. Pauli für Autofahrer gerade neu asphaltiert wurde, die Radfahrer aber weiterhin gezwungen sind, auf einem Bürgersteig in schlechtem Zustand zu fahren.

Tatsächlich hat der Senat Änderungen zugunsten der Radfahrer auch schon schnell durchgesetzt, etwa an der Außenalster. Der auch bei Hamburg-Besuchern beliebte Harvestehuder Weg wurde im vergangenen Winter - vor der Bürgerschaftswahl - zur Fahrradstraße erklärt, obwohl der Umbau noch gar nicht abgeschlossen war. Ein Teil der Radfahrer nutzt seitdem zusammen mit Autos und Sightseeing-Bussen die Fahrbahn, ein mindestens ebenso großer Teil radelt auf dem alten Radweg durch die Alsterwiesen oder sogar auf dem Wanderweg direkt am Wasser.

Fußgänger reagieren genervt. „Einige Radfahrer sind ziemlich rücksichtslos“, findet die Vorsitzende des Hamburger Wandervereins, Mechthild Pingler. Ältere Menschen würden beschimpft, wenn sie das Klingeln überhörten und nicht gleich Platz machten. Die Politik sollte für breitere und bessere Radwege in Hamburg sorgen, die Polizei aber konsequenter auf die Einhaltung der Regeln achten, fordert Pingler.

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