Hamburger Chefarzt : Querschnittslähmung nach Tauchgang: Wie ein paar Meter ein Leben veränderten

Nach einem Tauchgang wird dem Chefarzt Thomas Grundmann übel. Noch ahnt er nicht, was das genau bedeutet.

Nach einem Tauchgang wird dem Chefarzt Thomas Grundmann übel. Noch ahnt er nicht, was das genau bedeutet.

Das Leben des Chefarztes Thomas Grundmann ändert sich nach einem Tauchgang radikal. Er ist querschnittsgelähmt – aber nicht mutlos.

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15. Mai 2019, 14:25 Uhr

Tauchen will er, nach zwei Jahren endlich mal wieder. Bei einem Freund verbringt Thomas Grundmann, 50 Jahre alt und Chefarzt an der Hamburger Asklepios Klinik Altona, seinen Urlaub an der Côte d’Azur. In der kleinen Tauchschule der Stadt Fréjus ist nicht mehr ganz so viel los, die Nebensaison hat begonnen.

Grundmanns Bekannter wird einer Anfängergruppe zugeteilt, der Hamburger selbst gesellt sich zu zwei französischen Profi-Tauchern, die ein „Blaues Loch“ erkunden wollen. Schön sei es, nicht mehr als 30 Meter tief, versichert der Tauchlehrer, bevor er die Dreiergruppe mit dem Boot zur Ankerstelle fährt. „Kein Deko-Tauchgang?“, fragt Grundmann, der in den 80er-Jahren in Kiel als Marine-Taucharzt tätig war, nach. Denn für eine sogenannte Dekompression in Tiefen ab 35 Metern fehlt ihm die Erfahrung, ebenso das Equipment.

Was ist ein Deko-Tauchgang?

Je größer die Tauchtiefe ist, desto kürzer kann der Taucher unten bleiben. Ansonsten würde sich zu viel Stickstoff in den Geweben anreichern, der bei zu schnellem Aufstieg zu einer Dekompressions-Krankheit (Deko-Krankheit) führen kann.

Es gibt Tabellen, in denen man ablesen kann, wie die sogenannte Nullzeit in der entsprechenden Tiefe ist. Bleibt der Taucher länger unten als erlaubt, muss er in verschiedenen Tiefenstufen eine entsprechende Zeit pausieren, ehe er weiter auftauchen darf. Dem Körper wird somit die Möglichkeit gegeben, den Stickstoff langsam loszuwerden.

Deshalb ist ein Tauchgang, der über die Nullzeit hinausgeht, ein „Deko-Tauchgang“, weil man dekomprimieren (den Druck von etwas verringern) muss.

Ein Tiefenmesser ist unerlässlich bei diesen Tauchgängen, die aufgrund des Umgebungsdrucks am Meeresgrund ein Aufsteigen mit Zwischenstopps erfordern. „Relax“, lautet die Antwort des Tauchlehrers. Wie ein Spät-Hippie sieht der eher wortkarge Franzose aus. „30 Meter!“

Vom Boot ins Wasser

Vom Boot aus lassen sich die drei Taucher rückwärts in die Wellen fallen. Langsam steigen sie ab ins Blaue Loch, vom Tageslicht erhellt. Das Wasser ist klar, Grundmann hat gute Sicht, was bei Tiefen ab 35 Metern hingegen eher nicht der Fall wäre. Eine Muräne, ein paar kleinere Fische, Felsen – viel ist nicht zu sehen an diesem Herbsttag.

Der Hamburger hatte sich mehr erhofft. Als nicht mehr ganz so geübter Taucher verbraucht er seine Luft schneller, sein Vorrat neigt sich dem Ende zu. Dass er hochschwimmen solle, kommunizieren die drei Taucher mit Handzeichen. Die Franzosen, mit Tiefenmesser ausgestattet, begleiten den Chefarzt nicht, was eigentlich üblich wäre.

Auf sich allein gestellt

Allein auf sich gestellt, macht Grundmann alles so, wie es für einen 30-Meter-Tauchgang erforderlich ist. Im Tempo der aufsteigenden Pressluft gelangt er an die Oberfläche, schwimmt dann zum Boot. An Deck wird ihm übel. Vielleicht bahne sich eine Erkältung an?, denkt er. Der Hanseat ruht sich aus, doch das Unwohlsein bleibt, ihm wird schummrig. Klar zu denken, fällt ihm schwer.

Der Tauchlehrer schickt ihn zur „nassen Rekompression“ erneut ins Wasser, zehn Meter tief. Der Umgebungsdruck soll eventuell entstandene Gasblasen im Körper verkleinern. Eine früher oft angewandte Methode, die mittlerweile als überholt gilt, denn die Blasen können sich noch leichter im Körper verteilen, schlimmstenfalls bis ins Rückenmark.

Im Wasser ist Grundmann erneut auf sich gestellt. „Wäre ich in Ohnmacht gefallen“, sagt der HNO-Chefarzt, „dann wäre ich jetzt tot.“ Zumindest in dieser Hinsicht hat er Glück. Doch Sorgen macht sich der Sporttaucher, Typ Frohnatur, weiterhin nicht. „Dass mir selbst etwas passieren könnte, war für mich absolut undenkbar.“

Per Hubschrauber ins Krankenhaus

Als Thomas Grundmann auftaucht, ist der Druck auf der Brust auch tatsächlich weg, die Übelkeit verschwunden. Die inzwischen komplette Tauchgruppe fährt zurück zum Steg. Die Stimmung des Mediziners bessert sich. Er verstaut sein Equipment, fährt im Auto die halbe Stunde zum Feriendomizil des Freundes. Bei der Ankunft sind seine Beine wie eingeschlafen. Grundmann stelzt ins Gebäude, nimmt einen Schluck Rotwein, eine Aspirin. Das werde schon wieder, denkt er. „Kein Deko“ – davon geht der ausgebildete Taucharzt weiterhin fest aus.

Weil aber 15 Minuten später auch die Arme taub werden, wählt der Freund den Notruf. Per Hubschrauber wird der Hamburger nach Toulon geflogen, denn das städtische Krankenhaus besitzt eine Druckkammer. Fünf Stunden nach dem Tauchgang schließt sich deren Stahltür hinter Grundmann.

Der geschiedene Vater von drei Kindern liegt in der Stille und starrt die nächsten 480 Minuten an die Decke. Das Blaue Loch muss tiefer gewesen sein, mehr als 30 Meter. Die einzige Erklärung, die ihm einfällt. Und der Chefarzt weiß, was das bedeutet. Wenn Menschen länger der Tiefe ausgesetzt sind und zu schnell wieder aufsteigen, können die Gasperlen im Körper die Blutgefäße irreparabel verstopfen. Verunglückte Taucher müssen daher so schnell wie möglich in eine Dekompressionskammer, damit unter Druck der Stickstoff wieder ausgeschieden wird.

Gedanken in der Dekompressionskammer

Allein in der Kammer, kreisen Grundmanns Gedanken. Wie konnte das passieren? Hätte er nicht merken müssen, dass es tiefer runter ging? Der Verunglückte schließt einen Pakt mit sich selbst. Ab jetzt werde er, der Sportfanatiker, mehr auf sich achten, bewusster leben, runter vom Gaspedal gehen. Grundmann betet und hofft.

 Verunglückte Taucher müssen so schnell wie möglich in eine Dekompressionskammer, damit unter Druck der Stickstoff wieder ausgeschieden wird.
Privat

 Verunglückte Taucher müssen so schnell wie möglich in eine Dekompressionskammer, damit unter Druck der Stickstoff wieder ausgeschieden wird.

Der französische Arzt, der ihn nach der Dekompression untersucht, wird deutlich:

Dieser Tauchgang wird ihr Leben ändern. Ein französischer Arzt

Er geht davon aus, dass sein Patient an den Gliedmaßen hochgradig gelähmt bleibt. Der Verletzte selbst will das nicht wahrhaben. Ein Erinnerungsfoto entsteht, das ihn im Rollstuhl in Begleitung des Facharztes vor der Druckkammer zeigt. Grundmann grinst. Sein Körper wehrt sich gegen den Stickstoff, sein Kopf dagegen, das Unfassbare zu akzeptieren.

Thomas Grundmann vor der Dekompressionskammer.
Privat

Thomas Grundmann vor der Dekompressionskammer.

Nach weiteren Untersuchungen erfolgt die Diagnose: inkomplette Querschnittslähmung ab der Brustwirbelsäule. Der Hamburger kann die Tatsache nicht mehr leugnen, und von einem Moment zum nächsten ist alles anders. Wieder versinkt er in einem Loch, diesmal jedoch in einem weit tieferen. Eins, das seine Seele quält, das Herz bedrückt.

Ein Alptraum ohne Erwachen

„Scheiße“ ist der erste Gedanke, der ihm am nächsten Morgen auf der Intensivstation in den Sinn kommt. Ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Nein, denkt Grundmann, das könne doch nicht wahr sein. Nicht er. Nicht jetzt. Bitte nicht. Und doch ist da dieser Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wieder auftauchen aus dem Loch, dafür will er kämpfen, gleich von der ersten Minute an. Noch in Toulon beginnen Therapien. Eine Woche nach dem Unfall gelingt dem Sporttaucher ein erster Erfolg: Er wackelt mit dem rechten Zeh.

Ein fünfmonatiger Aufenthalt in der Reha-Klinik Hamburg-Boberg folgt. Thomas Grundmann trainiert eisern auf der Matte, im Wasser, auf dem Rüttelbrett und Pferderücken – auch wenn er oft noch so verzweifelt ist. „Was bringt das alles noch?“, fragt sich der 50-Jährige, der im Krankenbett aber Zuversicht vorspielt, um seine jüngste Tochter, neun Jahre alt, zu beruhigen.

November 2008 schafft es Grundmann, erstmals wieder aufzustehen.
Privat

November 2008 schafft es Grundmann, erstmals wieder aufzustehen.

Langsames Vorankommen

Die Gefühle in den Armen des Patienten nehmen langsam zu, in den Beinen nur bedingt. Trotzdem schafft es Grundmann im November 2008, erstmals wieder aufzustehen, ein paar Wochen später gelingen ihm Schritte.

Heute, zehn Jahre später, sind die Arme des Chirurgen voll funktionsfähig. Mit viel Anstrengung kann er Strecken bis zu 300 Meter gehen. Seine Beine fühlen sich wie in Verband gewickelt an, er kontrolliert sie dennoch derart gut, dass er wieder hinterm Steuer sitzt. Mit seinem Automatik-Audi fährt er in seiner Freizeit gern an die Ostsee zum Kite-Surfen, eine Sportart, die der Hamburger neu für sich entdeckt hat und mit der er auf den Damper Handicap-Tagen als Mitglied des inklusiven Lübecker Vereins „Sail United“ anderen Menschen mit Behinderungen Mut machen möchte (siehe Infokasten).

Grundmann hat nach dem Unfall das Kite-Surfen für sich entdeckt.
Privat

Grundmann hat nach dem Unfall das Kite-Surfen für sich entdeckt.

Auch gelingt Grundmann das in Deutschland bislang Einmalige: Er, der weiterhin im Rollstuhl sitzt, arbeitet erneut als Chefarzt in der Hamburger Klinik. Vier bis fünf Operationen am Tag absolviert er von einem Spezial-Stuhl aus am höhenverstellbaren OP-Tisch.

Ein Unfall, der ein Leben veränderte

Tiefgründiger sei er geworden, einfühlsamer, nachdenklicher und dankbarer für die schönen Momente des Alltags, sagt Grundmann. Das Leben sei ein anderes – aber nicht unbedingt ein schlechteres.

Sein Leben hat sich verändert: Thomas Grundmann lässt sich nicht entmutigen.
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Sein Leben hat sich verändert: Thomas Grundmann lässt sich nicht entmutigen.

Nachtrag: Zwei Jahre nach dem Deko-Unfall meldete die französische Tauchschule Insolvenz an, mittlerweile ist sie geschlossen. Ein Gutachter bescheinigte dem Blauen Loch in einem Gerichtsverfahren eine Tiefe von 45 Metern. Nicht 30, wie der Spät-Hippie mehrmals versichert hatte.

Damper Handicap Tage

Am Wochenende, 18. und 19. Mai, finden die kostenlosen Damper Handicap-Tage statt – eine Veranstaltung für Menschen mit körperlichen Behinderungen sowie allen Interessierten. Zur Auswahl stehen 50 Aktionen,  Workshops, Lesungen, Coachings und Fachvorträge, darunter Reanimations- und Selbstverteidigungskurse für Behinderte und  ein Inklusions-Chor. Mehr Infos gibt es hier.

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