„Lieber tanz' ich als G20“ : Proteste zum G20-Jahrestag in Hamburg starten friedlich

Unter dem Motto „Grenzenlose Solidarität statt G20“ führt ein Demonstrationszug ein Jahr nach dem G20-Gipfel in der Hansestadt vom Schanzenviertel nach St. Pauli.

Unter dem Motto „Grenzenlose Solidarität statt G20“ führt ein Demonstrationszug ein Jahr nach dem G20-Gipfel in der Hansestadt vom Schanzenviertel nach St. Pauli.

Mit einem Demo-Rave ziehen linke Aktivisten durch Hamburg. Sie erinnern damit an die Proteste vor einem Jahr.

shz.de von
07. Juli 2018, 18:29 Uhr

Hamburg | Mit zahlreichen Aktionen hat die linke Szene am Samstag in Hamburg an den G20-Gipfel vor einem Jahr erinnert. Am Neuen Pferdemarkt versammelten sich bis zum frühen Abend rund 1500 Menschen, die Polizei sprach von 600. „Bisher ist alles friedlich verlaufen“, sagte ein Polizeisprecher. Zuvor hatten sich rund hundert Menschen an einer Fahrraddemo beteiligt. Auf Transparenten forderten die Teilnehmer „Freedom of movement“ und „Freie und solidarische Stadt Hamburg“. Einige solidarisierten sich auch mit Flüchtlingen. An einem Stand konnte man sich über die Aktion „Seebrücke“ informieren, die sich für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen einsetzt.

Am Abend startete ein Demo-Rave. Die Veranstalter erwarteten dazu rund 2500 Teilnehmer. Sie wollen mit Techno-Musik vom Neuen Pferdemarkt aus an zentralen Orten der damaligen Proteste vorbeiziehen. Stationen sind die Rote Flora, die Messehallen, Landungsbrücken, der Fischmarkt und das St.-Pauli-Stadion. Der Umzug soll bis Mitternacht gehen. Die Polizei erwartet einen störungsfreien Verlauf.

„Lasst unsere Leute endlich frei und hört auf, G20-Protestierer bis in die letzten Ecken der Republik zu jagen, während alle Verfahren gegen Polizisten, die uns geschlagen haben, eingestellt werden“, forderte Emily Laquer von der Interventionistischen Linken bei der Auftaktkundgebung. Die Organisation war zusammen mit dem Roten Aufbau nach Angaben des Verfassungsschutzes maßgeblich daran beteiligt, gewaltbereite Linksextremisten aus dem In- und Ausland für die G20-Proteste in Hamburg zu mobilisieren.

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Ein Vertreter der NSU-Gedenkinitiative „Kein Schlussstrich“ sagte, die Erfahrung zeige, dass der Staat weder bei G20 noch beim NSU wirksam gegen sich selbst ermittele: „Wir respektieren keinen Staat, der nicht gegen Rassisten aufrüstet, sondern gegen Geflüchtete und Antirassisten.“ Vor Gericht gehörten nicht die Aktivistinnen, sondern die Staats- und Regierungschefs, die derzeit wieder Menschen im Mittelmeer ertrinken ließen, sagte er. Zudem wurde ein Grußwort der Seenotretter der „Lifeline“ verlesen, deren Kapitän derzeit in Malta vor Gericht steht.

Die Veranstalter wenden sich auch gegen das „nächste Stelldichein von Kriegstreibern, autoritären Führern und kalten Neoliberalen“ beim kommenden G20-Gipfel im November in Argentinien. Die Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) repräsentiere den globalen Kapitalismus, der für weltweite Ungerechtigkeit, Klimakrise und Kriege verantwortlich sei.

Innensenator Andy Grote (SPD) hatte die linke Szene kürzlich vor neuen Ausschreitungen gewarnt. „Macht lieber einen Bogen um Hamburg“, sagte er. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hatte am Dienstag eine Warnung an die Rote Flora ausgesprochen: „Wenn es aus der Roten Flora heraus Gewalt gibt, dann gehen wir da rein.“ Das Gipfeltreffen der wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt im Juli 2017 war von massiven Ausschreitungen überschattet. Randalierer hatten zahlreiche Autos angezündet und mehrere Streifenwagen angegriffen. Jüngsten Angaben von Polizei und Feuerwehr zufolge wurden 797 Polizeibeamte bei dem Einsatz verletzt. Innensenator Andy Grote (SPD) bezifferte die Schäden im öffentlichen Raum mit 200.000 Euro, die von privaten Eigentümern mit 10,8 Millionen Euro.

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