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German Open in Hamburg : Plopp und „Ohhh“: Tennis fast wie damals - ein Tag am Rothenbaum

vom
Aus der Onlineredaktion

Immer wieder Zank um das Turnier am Rothenbaum: Früher top, heute Flop? Ein Erfahrungsbericht von einem, der es wissen könnte.

von
erstellt am 28.Jul.2017 | 19:48 Uhr

Hamburg | Wann ich zuletzt beim Tennis am Rothenbaum war? Das ist bestimmt… das müssen … also… zehn Jahre ist das mindestens her. Warum ich das Turnier dann schlecht rede, wenn ich doch so lange nicht da war? Die Fragen stellte mir ein Freund. 

Meine Argumente? Die, die alle „Nicht-Fans“ Jahr für Jahr auftischen, denn die Diskussion um das Event ist ja nicht neu. Kaum noch Stars. Zu teuer. Zu klein. Und Tennis lockt seit Haas und Kiefer doch niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. „Schau´s dir doch erst mal an. Dann kannst du urteilen“, sagt der Freund. Er hat Recht.

Gesagt, getan. Als ich die U1, Haltestelle „Hallerstraße“ verlasse, höre ich längst vergessen geglaubte Töne. Plopp.  Plopp. „Uhh.“ Plopp. „Ohh“. Dann: Applaus. Noch vor dem Turniergelände überkommt mich ein altbekanntes Gefühl. In meiner Jugend war ich fast jährlich hier.

Damals waren es Familienausflüge. Den ganzen Tag waren wir auf dem Turnier unterwegs, pendelten zwischen Centre-Court und den anderen Turnierplätzen. Dazwischen: Unterhaltung auf dem Freigelände, Pommes, Cola. Und heute?

Eigentlich kein Grund für hängende Mundwinkel. Das Turnier am Rothenbaum präsentiert sich unserem Autoren überraschend entspannt und charmant.

Eigentlich kein Grund für hängende Mundwinkel. Das Turnier am Rothenbaum präsentiert sich unserem Autoren überraschend entspannt und charmant.

Foto: Soenke Schierer

Ich betrete das Gelände und habe das Gefühl, nie weg gewesen zu sein. Ich weiß genau, was ich wo finde. Die Menschen, die sich an diesem Nachmittag unter der Woche hierher „verirrt“ haben, sind entspannt. Viele chillen in Sitzsäcken und gucken die Spiele auf einer Leinwand. Ich suche den Center-Court auf. Warten bis zum nächsten Seitenwechsel − dann öffnen sich die Stadionzugänge. Im Inneren sind die Oberränge zum Teil abgedeckt. Keine neue – aber  auch keine unelegante Maßnahme. Wohl ein Eingeständnis an rückläufige Zuschauerzahlen. Die, die da sind, platzieren sich vornehmlich in der Sonne.

Entspannt ist auch hier das Zauberwort. Die Ränge, die freigegeben sind, sind erstaunlich gut gefüllt. Fast wie damals. Neben mir sitzt eine ältere Frau und ein Junge. Oma und Enkel. Auf der anderen Seite, mit einem Platz Abstand, ein älteres Paar. Es wird gegessen, getrunken, gesonnt und vor allem kommentiert. Wer da auf dem Platz steht? Ich kenne die Namen nicht. Und auch bei meinen Sitznachbarn ist man sich uneinig, wie die Spieler ausgesprochen werden.

Mir ist das egal. Ich ertappe mich, wie ich beginne mitzufiebern. 40:30, Einstand Deuce, Vorteil und Spiel. Mir nichts, dir nichts  ist ein Satz durch. Zeit den „Spielplatz“ zu wechseln. An einem Nebenplatz tummeln sich Menschen. Es wird immer voller. Die Zuschauer sitzen auf Betontreppen. Sitzschalen? Fehlanzeige.

Mit Schirm, Charme und Filzkugel. Bei gutem Wetter sind auch die Nebenplätze gut besucht.

Mit Schirm, Charme und Filzkugel. Bei gutem Wetter sind auch die Nebenplätze gut besucht.

Foto: Soenke Schierer
 

Und wer keinen Platz auf der Tribüne hat, reckt sich über Zäune und Absperrungen. Warum? Ein Doppel mit Tommy Haas. Ein  großer Tennisname vor vollen Rängen in Hamburg – das ist ja wie damals. Auch wenn das Spiel ein wenig langsamer scheint -  der Name zieht noch. Und wer sind die anderen drei Spieler? Keine Ahnung. Aber ich bin ja auch kein Crack.

Mein Fazit: Es ist wahr. Die Stars der Szene habe ich nicht gesehen (glaube ich). Das Turnier scheint etwas in die Jahre gekommen zu sein. Das Gelände wirkt nicht mehr taufrisch. Und Promis sah ich auch nicht. Aber: Ich hatte eine richtig schöne Zeit. Und das, obwohl ich kein wirklicher Tennisfan bin. Ja – die Preise, auch auf der Anlage, zum Beispiel eine Bratwurst für vier Euro, sind saftig. Ja – hier und dort ist im wahrsten Sinne  der Lack etwas ab. Ja – man sieht fast mehr Menschen mit Badge am Hals, einem Ausweis, weil sie eine offizielle Rolle innehaben, als normale Besucher. Und ja – man wird nicht von Besuchermassen getragen. Aber genau das ist es, was mir gefallen hat.

Tommy Haas lockt die Menschen noch immer an den Platz. Dieses Jahr allerdings letzmalig. Er ist auf Abschiedstour.

Tommy Haas lockt die Menschen noch immer an den Platz. Dieses Jahr allerdings letzmalig. Er ist auf Abschiedstour.

Foto: Soenke Schierer
 

Essen und Trinken ist auch auf anderen Events überteuert. Und Promis kann man in Hamburg, wenn man das denn will, woanders sehen. Was es aber selten gibt, sind durchweg entspannte Großveranstaltungen mit entspannten Gästen und Veranstaltern.

Fast jedes Wochenende gibt’s in Hamburg Events, auf denen man sich aufgrund von hunderttausenden Besuchern kaum noch bewegen kann, und die die halbe Stadt lähmen. Das Turnier am Rothenbaum ist da ein sehr angenehmer Gegenpol. Nicht laut, nicht überlaufen, nicht übertrieben.

Sandplatztennis ist auch für Laien unterhaltsam. Und ausreichend Rahmenprogramm gibt es auch. Ob das  in Zukunft reicht, um das Event  zu erhalten? Keine Ahnung. Ob tatsächlich mehr Menschen kämen, wenn wieder mehr  Stars auf den Plätzen stünden? Weiß nicht. Wäre es schade, wenn Hamburg kein Tennisturnier mehr hätte? Nach meinem Besuch muss ich sagen – ja. Die Menschen gehen ja auch zu anderen Events, ohne dass sie wirklich Ahnung haben von dem, was geboten wird. Warum also nicht mal zum Tennis?

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