Hamburg-Wilhelmsburg : Phlake und Cigarettes after Sex: „MS Dockville“-Festival gestartet

Der Sänger Dennis Lloyd und seine Band spielen auf der Bühne „Maschinenraum“ auf dem Gelände des Dockville-Festivals in Hamburg-Wilhelmsburg.

Der Sänger Dennis Lloyd und seine Band spielen auf der Bühne „Maschinenraum“ auf dem Gelände des Dockville-Festivals in Hamburg-Wilhelmsburg.

Das „MS Dockville“ setzt seine Erfolgsgeschichte fort: Zur zwölften Auflage strömen erneut Tausende an die Süderelbe.

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18. August 2018, 11:06 Uhr

Hamburg | Vom 17. bis 19. August 2018 werden auf der Elbinsel in Hamburg-Wilhelmsburg bis zu 60.000 Besucher zur zwölften Ausgabe des Festivals für Kunst und Musik erwartet. Bei sommerlichen Temperaturen wird getanzt, getrunken – und nebenbei auch mal einem Headliner die Show gestohlen.

Hartgesottene Festivalgänger sind Kummer gewohnt. Verdreckte Toiletten, überfüllte Duschen – und im schlimmsten Fall niemals enden wollende Regenschauer, die in ihrer Unnachgiebigkeit die eigenen Gummistiefel zu perforieren drohen. Umso glücklicher dürften die Tausenden Besucher des „MS Dockville“ gewesen sein, als sie am Freitag bei strahlendem Sonnenschein auf die Elbinsel in Hamburg-Wilhelmsburg gelotst wurden.

Viele von ihnen dürften dabei noch die Bilder des vergangenen Jahres vor Augen gehabt haben: Riesige Matschpfützen, Regencapes und tosende Gewitter, die das eh schon graue Industriegelände noch trister erscheinen ließen, als es ohnehin schon ist. Der Anblick zum Festivalauftakt in diesem Jahr müsste da der Einführung des Farbfernsehens gleichgekommen sein.

Plötzlich erstrahlt alles in hellen Farben und taucht die industriell gehaltenen Bühnen, die Holzkonstruktionen und Kunstprojekte in ein malerisches Licht.  Spätestens in dem Moment, als die Nachmittagssonne hinter den Industriebrücken im Hintergrund zu sinken beginnt, offenbart sich die wahre Schönheit, die den Reiz des „MS Dockville“ ausmacht. Hier trifft Kunst auf Musik, konventionell auf verrückt, rau auf zart.

Die Besucher schweben vom Bazaar zum Zirkuszelt, von einer Kunstinstallation zur nächsten Disko-Kajüte, tief verborgen im dichten Gestrüpp. Den Gästen offenbart sich eine künstlerische Bandbreite, die den Wandel vom einstigen Geheimtipp zu einem der begehrtesten Indie-Festivals Europas erklärt.

Insgesamt 140 Künstler stehen hierfür auf dem Programm, um mit Konzerten und Projektinstallationen ihren Teil zum „Kaleidoskop der Ideen und Klänge“, wie die Veranstalter es angekündigt haben, beizutragen. Und tatsächlich dröhnt einem von jeder der insgesamt elf Bühnen ein anderer Sound entgegen – an einer Ecke gefühlvoller Soul wie vom dänischen Duo Phlake, wenige Meter weiter die maskierten Peruaner Dengue Dengue Dengue, die mit tropischen Beats und schamanischen Gesängen die Menge zum Tanzen bringen. 

In manchen Fällen ist der Kontrast so groß, dass es sich kurzzeitig anfühlt, als würde er das Festivalgelände in rivalisierende Lager teilen. Während etwa der iranische Straßenrapper Nimo seine Fans über die Vorteile professionell angefertigter Nacktbilder aufklärt, singt sich nebenan auf der Hauptbühne der Frontmann der amerikanischen Ambient-Pop-Band Cigarettes After Sex mit melancholischen Balladen den Schmerz von der Seele. „Ein bisschen zu einschläfernd“, ruft ein junger Mann seinen Freunden zu, ehe er sich zum benachbarten Rapbarden aufmacht.

Passend zur musikalischen Vielfalt hat sich ein Großteil der Besucher am Freitag auch in Schale geworfen. Viele tragen Glitzerschminke im Gesicht, Lichterketten um den Hals oder halten bunte Leuchtfiguren und Schilder, die sie an langen Stöcken in den Sommerhimmel strecken.

Als nach Einbruch der Nacht der Elektro-Visionär Simon Green alias Bonobo die Hauptbühne betritt, verwandelt sich die Menge in ein Lichtermeer, während im Hintergrund tanzende Menschen an die grauen Fabriktürme projiziert werden.

Doch auch wenn der Auftritt des Briten am Freitag bei vielen Besuchern als Höhepunkt gilt, scheint das eigentliche Stimmungshoch zeitgleich vor einer der Nebenbühnen zu entstehen. Auslöser hierfür ist Hip-Hop-Veteran Trettmann, der jüngst mit dem Hamburger Gangsterrapper Gzuz diverse Charterfolge verbuchen konnte. Schon den ersten Song schmettern die Fans textsicher in den Hamburger Nachthimmel und tanzen, als hätte der Tag gerade erst begonnen. Als Trettmann seinen Hit „Knöcheltief“ zum Besten gibt, hallen die Stimmen Tausender Fans über das Festivalgelände. Gut möglich, dass man sie auch vor der Hauptbühne noch gehört hat.

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