Bündnis „HVV umsonst“ : Petition fordert Bus und Bahn fahren in Hamburg für einen Euro am Tag

Mit dem ÖPNV den Verkehrsstau eindämmen: Mit günstigeren Tickets könnte es klappen.
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Mit dem ÖPNV den Verkehrsstau eindämmen: Mit günstigeren Tickets könnte es klappen.

Die Bundesregierung prüft einen kostenlosen ÖPNV. In Hamburg wittern die Untersützer eines Billig-HVV Morgenluft.

shz.de von
19. Februar 2018, 17:35 Uhr

Hamburg | Der Vorschlag ist spektakulär: Für einen Euro täglich beliebig oft Bus und Bahn fahren in der Metropolregion Hamburg – mit dieser Forderung macht das Bündnis „HVV umsonst“ Druck auf den Senat. Seit Ende voriger Woche sammeln die Aktivisten im Internet Unterstützer, bis Montagnachmittag hatten sich knapp 1300 Menschen ihrer Online-Petition „HVV für Alle – 1 Euro am Tag ist genug!“ angeschlossen.

In der Metropolregion Hamburg ist die ÖPNV-Nutzung im Bundesvergleich besonders teuer. Beim Kostendeckungsgrad ist die Hochbahn als Betreiber der U-Bahn- und Bus-Linien mit Werten von mehr als 90 Prozent deutschlandweit Klassenbester. Dennoch erhöht der HVV seine Tarife jedes Jahr und begründet dies vor allem mit steigenden Kosten für Energie, Personal sowie den Ausbau des Angebots.

Seit voriger Woche wittern die Fürsprecher des Billig-HVV kräftige Morgenluft. Die Bundesregierung hat Pilotversuche in fünf deutschen Städten mit Null-Tarif-ÖPNV vorgeschlagen, um die überhöhten Stickoxidwerte zu senken. Der rot-grüne Senat lehnt einen Nulltarif aus Kostengründen bisher entschieden ab. Laut Hamburger Verkehrsverbund würden jährliche Einnahmen von 830 Millionen Euro fehlen, in etwa die Baukosten der Elbphilharmonie.

Erklärtes Vorbild ist österreichische Hauptstadt Wien, wo ein ÖPNV-Jahres-Abonnement für 365 Euro zu haben ist. Die Erfahrungen sind positiv, die Zahl der Autonutzer ist dort deutlich gesunken. „Das Beispiel Wien zeigt: Die Einführung des 1-Euro-Tarifs wird eine große Anzahl an neuen Abos zur Folge haben, so dass die Preissenkung wieder ausgeglichen werden kann“, schreiben die Macher von „HVV umsonst“.

 

Hinter dem Bündnis stehen mehrere linksgerichtete und Gruppen, darunter Attac, Unterstützung kommt vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Seit mehreren Jahren versucht das Bündnis vergeblich, einen kostenfreien Nahverkehr im Großraum Hamburg durchzusetzen, rief schon einen „Umsonst-Tag“ aus und kaperte symbolisch eine Hafenfähre.

 

Die Initiatoren der Online-Petition halten dagegen: Ein Zugang zu Mobilität für alle werde zur Verringerung von Luftverschmutzung und Verkehrslärm führen, Hamburg „deutlich lebenswerter“ machen. Zur Finanzierung schlagen sie vor, den notwendigen Ausbau des ÖPNV durch eine City-Maut oder eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung zu bezahlen. Auch solle sich die Stadt dafür stark machen, dass Arbeitgeber die Kosten für das 365-Euro-Jahresabonnement ihrer Mitarbeiter als steuerfreie Sachleistung übernehmen. Schülern, Studenten und sozial Schwachen soll die Stadt das Ticket zahlen.

Den Versuch ist es wert

Ein Kommentar von Markus Lorenz

Mehr als 1000 Euro für ein HVV-Jahres-Abo im Großbereich, 7,70 Euro für eine Tageskarte: Die Preise für Busse und Bahnen im Großraum Hamburg sind allzu happig – und bundesweit leider spitze. Zumal das Fahren mit dem umweltfreundlichen ÖPNV jedes Jahr zuverlässig teurer wird.

Wie ein Blick auf die dauerverstopften Straßen der Metropole zeigt, steigen noch viele zu wenige Autofahrer auf den HVV um, was sehr wahrscheinlich zu einem erheblichen Teil daran liegt, dass die Tour mit der Benzinkutsche immer noch deutlich billiger kommt als die Nutzung des Verkehrsverbundes. Es ist daher höchste Zeit, andere Wege zu erproben, um die unerträglichen gewordenen Folgen der Autoflut einzudämmen: Bessere Luft und weniger Straßenlärm wird es in Hamburg erst geben, wenn deutlich mehr Menschen ihr Kfz stehen lassen.

Der Vorstoß für einen günstiges, aber eben nicht ganz kostenloses 1-Euro-HVV-Ticket ist den Versuch allemal wert. Gewiss, das ÖPNV-Defizit wird sich zumindest vorübergehend deutlich vergrößern und mit Steuergeld gestopft werden müssen. Aber das sollte unserer Gesundheit wert sein.

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