Messerattacke in Hamburger Supermarkt : Opfer im Prozess: „Er holte mit dem Messer aus und stach mir in die Brust“

Messerstecher Barmbek

Der Angeklagte Ahmad A. bekennt sich im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude Hamburg zu der Tat.

Bei der Messerattacke im Sommer 2017 stirbt ein Mann. Sechs Verletzte berichten vor Gericht über ihre Erlebnisse.

shz.de von
26. Januar 2018, 10:33 Uhr

Hamburg | Die Messerattacke kam für sie aus heiterem Himmel, die Folgen quälen sie noch immer: Opfer der Bluttat eines abgelehnten Asylbewerbers vor einem halben Jahr in Hamburg-Barmbek haben am Freitag vor Gericht ihre körperlichen und seelischen Verletzungen geschildert. „Er holte mit dem Messer aus und stach mir in die Brust“, sagte der erste Zeuge am zweiten Prozesstag vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts. Der 56-Jährige überlebte das Attentat nur dank einer Notoperation. Körperlich habe er sich von dem Angriff einigermaßen erholt. Psychisch nehme ihn die Tat aber noch immer sehr mit, er sei seither krankgeschrieben, berichtete der 56-Jährige.

Laut Bundesanwaltschaft war die Tat islamistisch motiviert. Sie wirft dem Angeklagten Ahmad A. Mord sowie versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vor. Es sei dem Palästinenser darauf angekommen, möglichst viele deutsche Staatsangehörige christlichen Glaubens zu töten. Der 26-Jährige hatte bei Prozessauftakt vor zwei Wochen gestanden, am 28. Juli 2017 sieben Menschen in einem Supermarkt und auf einer Einkaufsstraße angegriffen zu haben.

Der junge Mann mit dem dichten Bart, der während der Verhandlung eine Wollmütze auf dem Kopf behielt, versuchte nicht, sein Gesicht vor den Kameras zu verstecken. Während der recht kurzen Befragung der Opfer wirkte Ahmad A. teilnahmslos – ein Wort der Entschuldigung gab es weiterhin nicht.

Der erste Zeuge berichtete vom Beginn der Attacke: „Es kam ganz plötzlich.“ Während er in der Edeka-Filiale an der Fleischtheke bedient worden sei, habe er plötzlich einen Tumult mitbekommen. „Der eine Mann versuchte vor dem anderen zu fliehen.“ Vergeblich – die Messerstiche verletzten den 50 Jahre alten Kunden tödlich. Der Täter hielt nach weiteren Opfern Ausschau. „Da erblickte er mich und kam mit schnellen Schritten auf mich zu“, erinnerte sich der 56-Jährige. Er erlitt schwere Verletzungen am Oberkörper und am Bein.

In Panik rannten Menschen aus dem Supermarkt. Mit dem blutigen Messer in der Hand lief Ahmad A. auf die belebte Einkaufsstraße. Er stach einem 19-Jährigen in den Rücken. „Die Narben tun immer noch sehr weh“, erklärte der Auszubildende. „Ich denke noch oft daran zurück.“ Dann traf Ahamd A. auf einen 57-Jährigen, der an seinem ersten Urlaubstag noch mal kurz ein paar Besorgungen machen wollte. „Er hat auf mich eingedroschen wie ein Wahnsinniger mit einem Riesenmesser“, sagte der Mann. Er habe versucht, einen Stuhl zur Verteidigung zu greifen – doch der war angekettet. „Er hat mich fürchterlich verletzt.“ Er hörte demnach noch Rufe anderer Passanten: „Wir kriegen ihn.“ Mutige Verfolger stellten den Messerstecher, der auf seiner Flucht noch drei weitere Menschen verletzte, schließlich.

Er ist nach Ansicht der Anklage voll schuldfähig. In seiner Flüchtlingsunterkunft wurde eine kleine, selbstgebastelte IS-Fahne gefunden. Doch die Terrormiliz hat sich nicht zu der Messerattacke bekannt. „Die Taten hatten aus seiner Sicht einen religiösen Hintergrund“, hieß es in einer vom Verteidiger verlesenen Erklärung beim Prozessauftakt. Mehr wollte der Angeklagte zum Hintergrund der Tat nicht sagen. Für Wirbel hatte im Sommer gesorgt, dass der Mann ausreisepflichtig war – doch es fehlten Papiere.

Fünf der Verletzten treten als Nebenkläger auf – ebenso Angehörige des Todesopfers. Der 50-Jährige stammte aus Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern, lebte aber schon seit vielen Jahren in Hamburg. Die Eltern und Geschwister waren bisher nicht im Prozess und werden wahrscheinlich auch weiter nicht teilnehmen, weil das zu belastend für sie sei, wie Nebenklage-Vertreter Thomas Weichelt sagte.

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