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Kandidat für Olympia 2024 : Olympische Spiele in Hamburg kosten 11,2 Milliarden Euro

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Falls Hamburg den Zuschlag bekommt, muss der Steuerzahler 7,4 Milliarden Euro für Olympia zahlen.

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2015 | 13:58 Uhr

Hamburg | Olympische Spiele 2024 in Hamburg würden rund 11,2 Milliarden Euro kosten, auf den Steuerzahler kämen dann 7,4 Milliarden Euro zu. Der Erlös wird auf 3,8 Milliarden Euro geschätzt. Das geht aus dem am Donnerstag in Hamburg vorgelegten Finanzplan hervor.

Die Hansestadt hat sich für Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg 2024 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beworben. Konkurrenten sind Los Angeles, Paris, Rom und Budapest. Am 29. November sollen die Bürger der Hansestadt abstimmen, ob sie für die Spiele in ihrer Stadt sind.

Der Finanzreport wurde von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und dem Chef der Senatskanzlei, Christoph Krupp, präsentiert. „Das sind die am besten durchgerechneten Olympischen Spiele“, sagte Scholz.

„Olympische Spiele und Paralympische Spiele 2024 werden weniger kosten als die Olympischen Spiele in London“, sagte Scholz. Der Bürgermeister betonte, dass die „höchsten Zahlen“ bei den notwendigen Investitionen zugrunde gelegt worden seien. Preissteigerungen und Inflation seien berücksichtigt worden - und manche Projekte seien doppelt so teuer eingeplant.

Olympia-Botschafter Alexander Otto lobt die Kostenplanung und Transparenz der Hamburger Olympia-Bewerbung. „Die Investitionen liegen im Rahmen dessen, was verantwortbar und notwendig ist“, sagte der Hamburger Unternehmer am Donnerstag. „Die Bürgerinnen und Bürger haben damit ausreichend Zeit, die Planungen zu bewerten und sich bis zum Referendum am 29.11. ein eigenes Urteil zu bilden“, sagte Otto, der sich auch als Mäzen des deutschen Sports einen Namen gemacht hat. „Mit dieser Form der Transparenz setzt unsere Stadt neue Maßstäbe. Ich hoffe sehr, dass Hamburg sich diese einmalige Chance nicht entgehen lässt.“

Hintergrund: Olympia 2024 in Hamburg - die Kosten

Olympische Spiele in Hamburg werden nach Berechnungen der Stadt rund 11,2 Milliarden Euro kosten. Die Positionen im Einzelnen (in geschätzten Preisen von 2024):

  • Olympische Stätten (Stadion, Halle, Schwimmbad): 1,97 Mrd. Euro
  • OlympiaCity (Einrichtung Olympia-Dorf): 1,66 Mrd. Euro
  • Mobilität (Verkehrsinfrastruktur): 2,1 Mrd. Euro
  • Hafen (Verlagerung Betriebe): 1,3 Mrd. Euro
  • öffentliche Sicherheit: 0,46 Mrd. Euro
  • übrige Sportstätten: 0,94 Mrd. Euro
  • Maßnahmen in Kiel (Segelstandort): 0,146 Mrd. Euro
  • Durchführung der Spiele: 2,6 Mrd. Euro
 

Fritz Horst Melsheimer, Präses der Handelskammer Hamburg, bewertet die Finanzplanungen ebenfalls positiv: „Die 7,4 Milliarden Euro Nettokosten, davon 1,2 Milliarden Euro für Hamburg, sind eine hervorragend angelegte Investition für den Sport, den Wohnungsbau, die Integration, die Beschäftigung, das Wachstum, die Bekanntheit und für die Zukunft unserer Stadt, Norddeutschland und das gesamte Land.“

Der Masterplan für die geplanten Sportstätten und für die Bebauung auf der Elbinsel Kleiner Grasbrook nahe der Innenstadt steht bereits. Für das Olympia-Gelände müssten dort tätige Hafenbetriebe umgesiedelt werden, was nach Einschätzung der Hafenwirtschaft mindestens eine Milliarde Euro kosten dürfte. Unterschieden wurde bisher in drei Kostenblöcke: die Ausrichtung der Spiele, der Sportstättenbau sowie Infrastrukturmaßnahmen, darunter neue U-Bahn-Anschlüsse und Radwege.

Hintergrund: Sportstättenkonzept

Die letzten Fragen um das Sportstättenkonzept der Hamburger Olympiabewerbung sind weiterhin ungeklärt. Nachdem der Zuschlag für die Golfturniere an Gut Kaden in Alveslohe (Kreis Segeberg) ging, sind noch die Austragungsorte für den Kanuslalom und die Schießwettbewerbe offen.

Für Letztere schien Garlstorf (Nordniedersachsen) gesetzt, doch prüfen die Verantwortlichen nun überraschend auch Norderstedt (Kreis Segeberg) als Alternative. Dort müsste allerdings eine moderne Schießanlage erst noch gebaut werden. Deshalb gilt Garlstorf, wo eine solche vorhanden ist, weiterhin als Favorit.

Ähnlich ist die Situation beim Wildwasserkanu. Der Neubau eines künstlichen Wettkampfkanals in Hamburg oder in der Umgebung würde rund 80 Millionen Euro kosten, ohne dass eine rentable Nachnutzung in Sicht wäre. Deshalb neigt die Bewerbungsgesellschaft inzwischen dazu, die vorhandene Strecke im fernen Markkleeberg bei Leipzig zu nutzen. Aber auch das ist nicht endgültig entschieden.

Desweiteren fehlt noch die Festlegung auf die Stadien für die Vorrundenspiele im Fußball. In der Auswahl sind mehrere Arenen in Norddeutschland, darunter Bremen, Wolfsburg und Rostock.

 

Zuschüsse sollen vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) sowie vom Bund kommen. Einnahmen kommen aus Ticket-Verkäufen, Werbung und TV-Übertragungsrechten.

Für Spiele in Hamburg sollen den Planungen zufolge auf der Elbinsel das Olympiastadion, die Olympia-Halle, die Schwimmhalle und das olympische Dorf gebaut werden. Danach soll dort langfristig ein neuer Stadtteil für bis zu 18.000 Bewohner mit rund 8000 Wohnungen und etwa 7000 Arbeitsplätzen entstehen. In dem Quartier sollen die Olympia-Bauten weiter genutzt werden, aber in veränderter Form. Am Leichtathletikstadion bleiben demnach von etwa 60.000 Tribünenplätzen 20.000 bestehen, die Laufbahn wird mit Wohnungen ummantelt. Die Olympia-Schwimmhalle wird in ein Freizeitbad umgebaut, die Sporthalle später als Kreuzfahrtterminal genutzt.

In Kiel stellte Oberbürgermeister Ulf Kämpfer den Kostenplan vor: Olympische Segelwettbewerbe 2024 vor Kiel würden nach bisherigen Berechnungen 146 Millionen Euro kosten. Für die Stadt blieben laut dem vorliegenden Finanzierungskonzept 30 bis maximal 41 Millionen Euro übrig. Diese Summe halte er aus Sicht der Stadt für finanzierbar, sagte er am Donnerstag. „Olympia ist für Kiel und die ganze Region eine Riesenchance.“ Zu den 146 Millionen kämen nach den Spielen Kosten für den Rück- und Umbau des Olympiazentrums im Stadtteil Schilksee in Höhe von rund zehn Millionen Euro hinzu. Die Kostenplanungen seien realistisch, sagte Kämpfer. „Wenn Bund und Land sich wie geplant beteiligen, können wir uns Olympia leisten.“

Als sogenanntes Durchführungsbudget hat Kiel von den Olympia-Organisatoren 33 Millionen Euro zu erwarten. Die Kieler rechnen zudem mit knapp 100 Millionen Euro an privaten Investitionen für Hotels, Segeldorf und Segelcampus im Stadtteil Schilksee.„Allerdings wird auch ohne Olympia in den kommenden Jahren eine umfangreiche Modernisierung des Olympiazentrums notwendig, wenn wir Kiels Ruf als Welthauptstadt des Segelns sichern wollen“, sagte Kämpfer. Deshalb belaufe sich der letztlich aus dem Stadthaushalt zu finanzierende zusätzliche „Olympia-Anteil“ nur auf 15 bis 20 Millionen Euro.

Insgesamt 78 Projekte vom Olympischen Segeldorf bis hin zu den Hafenanlagen und Molen sind in dem Finanzierungskonzept berücksichtigt. „Auf die Zahlen wurden alleine 20 Prozent Unsicherheit draufgeschlagen, die durch nichts begründet sind“, sagte Kämpfer. Außerdem seien auch Bau-Nebenkosten, die Inflation und Projektmanagement-Kosten berücksichtigt worden.

Kämpfer rechnet mit beträchtlichen regionalwirtschaftlichen Effekten, sollte die Wahl letztlich auf Hamburg und Kiel fallen. Sie ließen sich nur schwer beziffern. „Aber sie würden aus meiner Sicht allemal im dreistelligen Millionen-Bereich landen“, sagte er. Insgesamt seien die Olympia-Pläne deshalb eine „sehr gute Investition in die Zukunft des Segelsports“ und in die Zukunft von Kiel. Der Verwaltungschef hofft zudem auf einen Olympiaschub für Verkehrsprojekte im Norden wie den laufenden Ausbau der Bundesstraße 404 zur Autobahn 21. Dieser sollte 2024 abgeschlossen sein, sagte er.

Bekommt Hamburg den Zuschlag für Olympische Sommerspiele 2024, werden die Segelwettbewerbe vor Kiel ausgetragen. Mit dem Finanzierungskonzept sollten sich noch am Donnerstag die zuständigen Kieler Ausschüsse befassen. Am 15. Oktober stimmt die Ratsversammlung darüber ab. Am 29. November sollen schließlich die Kieler in einem Bürgerentscheid über die Olympia-Pläne abstimmen.

Weitere Reaktionen auf den Finanzreport:

Anjes Tjarks, Vorsitzender der Grünen Bürgerschaftsfraktion: „Wir wollen die Schuldenbremse einhalten und gleichzeitig keine sozialen und kulturellen Projekte kürzen. Darum ist der Vorschlag, dass Hamburg von 2018 bis 2024 etwa 200 Millionen Euro im Jahr beitragen kann, ehrgeizig, aber tragbar. ... Der Bund muss jetzt in Ruhe diesen Finanzreport bewerten und sich dann zu seinem Beitrag positionieren.“

Norbert Hackbusch, haushaltspolitischer Sprecher Bürgerschaftsfraktion Die Linke: „Für alle, die sich Klarheit noch vor dem Referendum erhofft haben, war diese Präsentation eine kräftige Enttäuschung. ... Immer war davon die Rede, dass der Bund zwei Drittel bezahlt und Hamburg ein Drittel. Jetzt heißt es, dass diese Frage erst im Februar geklärt wird - also nach dem Referendum.“

Katja Suding, FDP-Fraktionsvorsitzende Hamburg: „Der Bürgermeister und seine Planer haben sich viel Zeit mit der Vorlage der Kosten für olympische Spiele gelassen. Dafür ist die Kalkulation allerdings jetzt auch sehr detailliert und zumindest auf den ersten Blick in den entscheidenden Punkten schlüssig.“

Dirk Seifert, Sprecher der Olympia-Gegeninitiative „Fair spielen“: „Die Zeit der bunten Bildchen und tollen Versprechungen hat nun einen Anker in der Wirklichkeit ... Diese Daten fallen etwas niedriger aus, als die Spiele in London gekostet haben, aber bislang noch jede Planung Olympischer Spiele stellte sich am Ende als teurer raus.“

Alexander Porschke, Landesvorsitzender des NABU Hamburg: „Die hohen Kosten für die Olympia-Ausrichtung bestätigen uns in unserer Forderung nach Rückzug der Bewerbung, wenn ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele mit dem versprochenen Kostenrahmen unvereinbar sind.“

Lorenz Palte, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler Hamburg: „Wir werden größte Sorgfalt bei der Planung und Ausführung dieses Sport-Großereignisses einfordern und merken schon jetzt an, dass eine Verletzung der Schuldenbremse von uns nicht toleriert werden wird.“

Jens Gauger, Initiative „Stop Olympia Hamburg“: „Kosten, die auf uns zukommen, müssen erst mal gewuppt werden.“

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