Interview mit Drag-Queen : Olivia Jones: „Ich bin ein moderner Clown“

Drag-Queen Olivia Jones über ihr schrilles Leben als Kultfigur zwischen Fernsehstudios und dem Kiez von  St. Pauli.

shz.de von
01. Januar 2017, 16:26 Uhr

Hamburg | Die Lobby im noblen Empire Riverside Hotel am Hamburger Hafen ist gut gefüllt. Es ist Mittagszeit, am Fenster sitzt Olivia Jones mit ihren Zeitungen, trinkt Kaffee und wartet auf den bestellten Früchteteller. Noch ist sie in Zivil und niemand erkennt sie oder spricht sie gar an. In ein paar Stunden wird das ganz anders sein. Dann wird sie als schrille Transe mit greller Perücke und buntem Glitzerkleid wieder neugierige Touristen auf ihrer Kiez-Tour durch das Hamburger Rotlicht- und Vergnügungsviertel führen und alle Blicke auf sich ziehen. Olivia Jones gehört inzwischen zu St. Pauli wie Hans Albers und die Herbertstraße. Auf der Großen Freiheit betreibt sie eigene Show-Bars, die zu einer Attraktion geworden sind, seit die Drag-Queen durch Fernsehauftritte bei „Wetten dass ... “, Big Brother, dem RTL-Dschungelcamp und sogar beim „Wort zum Sonntag“ zur Kultfigur wurde. Olivia liebt die Doppelrolle, das ist zu spüren. „Mir macht das so einen Spaß“, sagt sie, „ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich irgendwann sag, die Olivia geht mir auf den Sack, ich mach das nicht mehr.“

Wir treffen uns hier ziemlich privat am Rande von St. Paulis bunter Lichterwelt. Wer sitzt im Moment eigentlich vor mir?

Olivia mit weniger Deko. Ich führe ein wunderbares Doppelleben und ich trenne das verhältnismäßig strikt. Und ich schütze mein Privatleben. Nicht weil ich irgendwas zu verbergen habe, sondern weil ich es mag, auch mal keine öffentliche Person zu sein. Ich brauche diese Aufmerksamkeit nicht rund um die Uhr.

Jeder der sie kennt fragt sich sofort, wie groß sind Sie im echten Leben und auf der Bühne?

Zwei Meter ohne Dekoration, mit High-Heels und Perücke können je nachdem schnell 2,20 Meter zusammenkommen.

Sie sind Deutschlands berühmteste Drag-Queen. Wie würden Sie sich einem Blinden beschreiben?

Ich bin im Grunde eigentlich so was wie ein moderner Clown, eine überzeichnete, schrille Karikatur von einer Frau. Mir geht es darum, die Welt etwas bunter und lustiger zu machen. Und so sehe ich auch aus.

Wann fing es an, dass Sie sich gern in Frauenkleidern zeigen wollten und warum?

Schon sehr früh. Ich hatte eigentlich schon immer diesen Verkleidungswahn und eine sehr starke weibliche Ader. Deshalb habe ich alles geliebt, was irgendwie glitzerte und habe mich früher schon in Mammis Kleider geschmissen, da war ich acht oder neun. Und irgendwann habe ich einen Beruf daraus gemacht.

Wie viel Kunst steckt in der Figur Olivia Jones und wie viel innere Überzeugung, Lebensgefühl oder sexuelle Orientierung?

Olivia ist keine aufgesetzte Kunstfigur, sondern mein „Ich“, das ich auslebe. Was Sexuelles steckt nicht dahinter, ich bin einfach nur ein schwuler Mann, der sich gerne als Frau verkleidet und gern auf der Bühne eine Frau darstellt.

Haben Sie 1989, als das erste Mal die Hamburger Bühnen vom Kabarett Pulverfass und vom neugegründeten Schmidt Theater betraten, daran geglaubt, fast 20 Jahre später eine bundesweite Kultfigur zu sein und davon leben zu können?

Ich habe immer geglaubt, dass ich davon leben kann, aber mir niemals in meinen kühnsten Träumen ausgemalt, dass ich damit irgendwann wirklich bekannt würde. Das war auch gar nicht mein Ziel. Ich wollte einfach so leben, wie ich gerne möchte und mich selbst verwirklichen. An die Prominenz war damals überhaupt nicht zu denken. Und es gab dafür ja auch gar keine Vorbilder.

Sie sind zum Sinnbild des neuen St. Pauli geworden. Wer hat wen mehr beeinflusst und verändert, der Kiez Sie oder Sie das frühere Rotlichtviertel?

Wir Kiez-Urgesteine sind ein bisschen die Identität des Stadtteils und geben dem Ganzen auch viel Seele. Ich finde schade, dass das alte St. Pauli langsam ausstirbt und einer „Kioskisierung“ weichen muss. Deshalb versuche ich mit meinen Läden etwas vom alten St. Pauli am Leben zu erhalten.

Was ist das genau, was Sie vermissen?

Natürlich ein bisschen das Rotlicht, aber auch den Stadtteil, in dem sich die alten Kiezianer und St. Paulianer auch weiterhin die Mieten leisten können. Und in dem es nicht nur Kioske, Hochglanz- und Souvenirläden gibt. Sonst wäre der Stadtteil nicht mehr so unverwechselbar, wie er immer noch ist.

Das alte St. Pauli war aber auch Rotlicht, Frauenhandel, Nepp und Abzocke.

Das ist ja gottseidank in den Hintergrund getreten. Ich meine mit Rotlicht mehr die Show-Bars, die alten Varietés wie das „Pulverfass“, Theaterbühnen wie das Schmidt mit ihren Shows, die neu, schräg und schrill waren, diesen Mix aus Läden wie „Ritze“, „Goldener Handschuh“ und Gastronomie, das ist für mich das alte St. Pauli.

Sie leben privat auf St. Pauli. Genießen Sie es, tagsüber unerkannt in Cafés zu sitzen oder einkaufen zu gehen?

Das ist ganz großer Luxus für mich. Ich kann zum Beispiel in zivil in meine eigenen Bars gehen und mich erkennt keiner. Dort sprechen mich manchmal sogar Leute an und fragen, kommt denn diese Olivia heute noch und wann kommt die denn immer so. Das ist schon sehr lustig.

Sie haben die rechtspopulistische Partei AfD wegen Volksverhetzung angezeigt, ist das ein schriller PR-Gag wie Ihre Kandidatur zur Bürgerschaft 2004 oder ist es Ihnen ernst?

Ich meine das bitterernst. Mir geht es darum, sich nicht alles gefallen zu lassen. Wenn die AfD plötzlich anfängt, Homosexualität mit Pädophilie gleichzusetzen, ist das für mich Volksverhetzung. Dann kann ich die schrille Olivia natürlich als Sprachrohr benutzen, um auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Ich habe so viel an Diskriminierung in meinem Leben erlebt, deswegen versuche ich dagegen zu kämpfen, dass nicht noch weiter gehetzt und die Gesellschaft polarisiert wird. Im Moment können wir Politiker gebrauchen, die Mut machen und nicht noch ständig Öl ins Feuer gießen, Tatsache verdrehen und Ängste schüren, um darüber Stimmen, zu fangen. Das finde ich pervers.

Deswegen waren Sie im Landtag von Sachsen-Anhalt und haben aus Ihrem Kinderbuch „Keine Angst in Andersrum“ gelesen sowie anschließend den AfD-Fraktions- und Landesvorsitzenden André Poggenburg getroffen. Musste das unbedingt sein?

Großen Spaß hat mir das nicht gemacht, PR kann ich viel einfacher haben. Dann gehe ich lieber auf irgendeinen Roten Teppich, da werde ich jedenfalls nicht so angefeindet wie von der AfD. Aber aus meiner Sicht ist Dialog die einzige Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit diesen Leuten. Ich halte nichts von Ausgrenzung wie zum Beispiel, die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry vom Bundespresseball auszuladen. Dadurch gibt man ihr nur noch mehr Aufwind.

Andererseits geben Sie Rechtspopulisten auch ein Forum, dass Poggenburg auf einem gemeinsamen Foto mit Ihnen bis in den „Spiegel“ gebracht hat.

Wenn man mit diesen Rechtspopulisten spricht, gibt man ihnen natürlich eine Plattform. Aber sie entlarven sich dabei auch ganz schnell, weil sie überhaupt keine Inhalte haben. Und das habe ich bei meinem Termin auch gemerkt, sie reden sich um Kopf und Kragen. Ich hoffe, dass irgendwann auch den Wählern auffällt, dass die Rechtspopulisten keine Lösungen haben und man die Probleme dieser Welt nicht auf einen Satz runterbrechen kann. 

Muss eine Drag-Queen eigentlich jung und schlank sein oder anders gefragt, wie lange wollen Sie diese Rolle noch spielen?

Wir sind ja glücklicherweise keine Top-Models und davon leben wir ja grade, von unseren vermeintlichen Fehlern oder Schwächen, die wir als Karikatur nach außen tragen. Man darf sich halt selber nicht so ernst nehmen. Dann gibt es ein breites Spielfeld und man kann diesen Job, wenn es einem Spaß macht, sicher noch mit 85 machen.

Dann spricht die Dame sicher auch über ihr Alter?

Ich bin 48 Jahre alt und habe auch kein Problem damit. Ich bin niemand der krampfhaft versucht jung zu bleiben, das wäre auch lächerlich.

Wer macht Sie jeden Tag so perfekt zurecht?

Ich kann das selbst am besten. Ich habe Kurse als Maskenbildnerin gemacht und bin dann im Pulverfass und im Schmidt Theater hinter der Bühne ausgebildet worden. Gerade im Pulverfass sind nur Travestie-Künstler, die natürlich die besten Tricks und Kniffe kennen.

Wie viele Perücken und Outfits haben Sie?

Mir macht es Spaß, wie ein Chamäleon immer irgendwie ein bisschen anders zu sein. (überlegt länger). Ich kann’s gar nicht genau sagen, bestimmt 150 Perücken, und Outfits? Keine Ahnung, ein paar hundert vielleicht. Ich habe einen großen Fundus, egal was für Anfragen ich bekomme für Shows, egal welches Motto, ich habe für alles etwas.

Sie betreiben vier Bars auf dem Kiez und besitzen inzwischen ein kleines Wirtschaftsimperium, zufrieden mit dem Erfolg?

Was heißt zufrieden? Dass ich mein eigener Chef bin, das war mir sehr wichtig. Und dass ich die Möglichkeit habe zu entscheiden, was man noch machen kann auf St. Pauli, um den Stadtteil ein bisschen zu ergänzen und nicht einfach nur andere zu kopieren.

Gibt es noch ein Leben neben Olivia Jones?

Und wie. Ich nehme meine Auszeiten, dafür habe ich ein schrilles Team, auf das ich mich verlassen kann, das ist die Olivia-Jones-Familie. Ich mache jeden Tag Sport, ernähre mich gesund und achte darauf, dass ich durch meine Freunde geerdet bleibe. Ich brauche das nicht, jeden Tag und überall erkannt zu werden. Ich brauche auch keine Denkmäler. Dieses Gen habe ich gar nicht.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ...

der Hafen. Er ist mein Wohnzimmer, da trinke ich jeden Tag meinen Kaffee und da kriege ich meine Dosis Tageslicht.

Die Küche in meiner Wohnung ist...

kalt, denn es gibt die St. Pauli-Gastronomie. Man kann jeden Tag anders essen, von Chinesisch über Sushi bis Currywurst.

Sport ist...

eine der wichtigsten Komponenten im Leben, ich brauche das einfach: Kondition, Schwimmen, ein bisschen Yoga, Krafttraining.

Politik ist...

für mich eine Herausforderung, die mitgestaltet werden muss. Demokratie ist wunderbar, weil jeder seinen Senf dazugeben kann. Das muss verteidigt werden.

Mein Traum ist...

den lebe ich.

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