Hamburg : Obdachlose leiden unter Kälteeinbruch

Obdachlose sitzen und liegen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt zwischen Decken und Matratzen unter einer Brücke an der Helgoländer Allee.

Obdachlose sitzen und liegen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt zwischen Decken und Matratzen unter einer Brücke an der Helgoländer Allee.

Die kalten Wintermonate sind für die Menschen auf Hamburgs Straßen eine besonders harte Jahreszeit.

shz.de von
24. November 2018, 16:21 Uhr

Hamburg | Bereits drei Kältetote hat das Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ bis Ende November vermeldet, Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigten das bislang nicht. Fest steht aber: Temperaturen um den Gefrierpunkt können für oft ohnehin schon körperlich geschwächte obdachlose Menschen schnell gefährlich werden.

AUF DER STRASSE leben in Hamburg rund 2000 Menschen. Das hat eine von der Stadt in Auftrag gegebene Befragung ergeben, die aber bislang noch nicht offiziell veröffentlicht ist. Seit 2009 hat sich die Zahl der Menschen ohne festen Wohnsitz in der Hansestadt demnach verdoppelt. Rund zwei Drittel von ihnen hat einen ausländischen Pass, die meisten kommen aus Osteuropa sowie Ländern des Baltikums und des Balkans.

UNTERSTÜTZUNG in der kalten Jahreszeit bietet unter anderem das Winternotprogramm, das überwiegend vom städtischen Unternehmen „Fördern und Wohnen“ im Auftrag der Stadt betrieben wird. Es stellt bis Ende März insgesamt 760 zusätzliche Übernachtungsplätze zur Verfügung. Außerdem werden kostenlose Beratungen angeboten. Laut Sozialbehörde konnten so im vergangenen Winter 331 Menschen von der Straße geholt werden.

Ein Ruheraum mit Betten in der Tagesaufenthaltsstätte 'herz as' für wohnungslose Menschen.
Christian Charisius/dpa

Ein Ruheraum mit Betten in der Tagesaufenthaltsstätte "herz as" für wohnungslose Menschen.

 

KRITIK am städtischen Hilfsangebot kommt vom Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ sowie den kirchlichen Hilfswerken Diakonie und Caritas. In einer gemeinsamen Erklärung beklagen sie, dass die Einrichtungen des Winternotprogramms tagsüber geschlossen sind. Das schrecke viele Obdachlose ab, heißt es in dem Schreiben: „Nach den Erfahrungen von Hinz&Kunzt meiden viele Obdachlose die Großunterkünfte – auch weil sie die Einrichtungen morgens wieder verlassen müssen.“ Für die Unterzeichner ist das ein Grund dafür, dass aktuell erst rund Zweidrittel der Übernachtungsplätze belegt sind.

EIN GANZTÄGIGES WINTERNOTPROGRAMM ist keine neue Forderung – und wie bereits in den Vorjahren hält die Stadt dagegen: Wären die Unterkünfte auch tagsüber geöffnet, würden sie den Charakter einer öffentlich-rechtlichen Wohnunterkunft erhalten, heißt es auf der Homepage der Sozialbehörde. Dann könnten dort nur noch Menschen leben, die in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf Sozialleistungen haben. „Der niedrigschwellige Charakter des Winternotprogramms wäre bei einer Tagesöffnung also nicht mehr gewährleistet.“ Gegen ein Rund-um-die-Uhr-Angebot spreche außerdem, dass die Einrichtungen tagsüber mehrere Stunde lang intensiv gereinigt werden müssten, damit sich ansteckende Krankheiten wie Läuse oder die Krätze nicht ausbreiten könnten, so die Behörde.

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EINEN KÄLTEBUS nach Berliner Vorbild hält die Sozialbehörde ebenfalls für nicht sinnvoll. Die Stadt finanziere in Hamburg zahlreiche Sozialarbeiter, die in intensivem Kontakt mit den wohnungslosen Menschen stünden, erklärte Pressesprecher Marcel Schweitzer. „Diese guten Beziehungen wollen wir nicht aufs Spiel setzen, indem wir sie durch einen Kältebus mit anderen Sozialarbeitern ersetzen.“ In Berlin suchen die Betreiber des Kältebusses Obdachlose einzeln auf und fahren sie bei Bedarf direkt in eine Notunterkunft. In den Augen von „Hinz & Kunzt“, Diakonie und Caritas könnte so ein Bus Leben retten: „Den Obdachlosen muss auf ihren Platten ein konkretes Angebot gemacht werden“, wird ein Sozialarbeiter in der Erklärung zitiert.

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