Mehrere Hundert Tote : NS-Massaker: Beschuldigter muss nicht vor Gericht

Ein Mann soll an der Tötung von mehreren Hundert Zivilisten im Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen sein. Angeklagt wird der 93-Jährige nicht.

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28. Mai 2015, 11:11 Uhr

Hamburg | Rund 70 Jahre nach einem NS-Massaker in einem italienischen Bergdorf hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg das letzte Ermittlungsverfahren gegen einen der mutmaßlich beteiligten Kriegsverbrecher eingestellt. Der heute 93 Jahre alte Beschuldigte sei demenzkrank und dauerhaft verhandlungsunfähig, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit.

Ursprünglich hatte in dem Fall aus dem Jahr 1944 die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen 17 Beschuldigte ermittelt - mehrere davon lebten oder leben in Baden-Württemberg. Die grün-rote Landesregierung stellt deswegen als Zeichen der Wiedergutmachung 30.000 Euro für die Gestaltung eines zentralen Erinnerungsortes in dem Ort Sant'Anna di Stazzema bereit.

In dem toskanischen Bergdorf hatten am 12. August 1944 Angehörige der 16. SS-Panzergrenadierdivision 560 Menschen umgebracht, darunter vor allem Frauen, etwa 130 Kinder und Alte. Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg war den mutmaßlichen Tätern auf die Spur gekommen.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte die Ermittlungen in dem Fall 2012 eingestellt. Den mutmaßlichen Kriegsverbrechern seien die Taten nicht nachzuweisen gewesen. Noch während der Ermittlungen starben acht der Beschuldigten.

Die Überlebenden des Massakers erhoben gegen die Einstellung Beschwerde, die aber von der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart 2013 verworfen wurde. Dagegen hatten eine Angehörigen-Anwältin und ihr Mandant, der das Massaker im Versteck überlebte, aber seine ganze Familie verloren hatte, eine Erzwingung der Anklage beim Oberlandesgericht Karlsruhe (OLG) beantragt. Dieses urteilte 2014, dass zumindest gegen den damaligen Kompanieführer Anklage erhoben werden kann. Der 93-Jährige, der in Hamburg lebt, soll als Kompaniechef an der Tötung mitgewirkt haben.

Die Auswertung des Aktenmaterials habe zu dem Ergebnis geführt, dass der Beschuldigte - wäre er verhandlungsfähig gewesen - mit hoher Wahrscheinlichkeit „wegen grausamen und aus niedrigen Beweggründen begangenen Mordes in 342 Fällen anzuklagen wäre“, heißt es in der Erklärung der Hamburger Staatsanwaltschaft. In Italien war der Mann bereits in Abwesenheit zu lebenslanger Haft wegen vielfachen Mordes verurteilt worden.

Der stellvertretende Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung der NS-Verbrechen, Thomas Will, sagte über die Entscheidung des Gerichts: „Wir wollen ja nicht auf Biegen und Brechen Verbrecher vor Gericht bringen, sondern nur solche, die ein Verfahren durchstehen können.“

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