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Hamburg : Neue „Praxis ohne Grenzen“ ist startbereit

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Patienten ohne Krankenversicherung können sich im Hamburger Osten an Peter Ostendorf wenden. Neben dem pensionierten Arzt kümmern sich im Norden bereits mehrere andere Mediziner um bedürftige Patienten. Die Zahl der Nicht-Versicherten wird deutschlandweit auf 800.000 geschätzt.

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2014 | 17:16 Uhr

Hamburg | Wer in die neue Praxis des 74-jährigen Peter Ostendorf in Hamburg-Horn kommt, wird nicht nach seiner Versichertenkarte gefragt, muss nicht einmal seinen Namen angeben. In der „Praxis ohne Grenzen“ ermöglicht Ostendorf Patienten ohne Versicherung eine kostenlose Behandlung. Dafür wurden ihm vom Seniorenzentrum Horn Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, Mobiliar und Ausstattung stammen vom Marienkrankenhaus, wo der pensionierte Arzt lange Zeit gearbeitet hat, und Spenden sollen die laufenden Kosten der Praxis decken. Er selbst und Kollegen aus den Fachbereichen Gynäkologie und Hals-Nasen-Ohren arbeiten ehrenamtlich. Einmal in der Woche, mittwochs von 15 bis 18 Uhr, ist Sprechstunde für die bedürftigen Patienten – zum ersten Mal am 7. Mai. Offiziell eröffnet wird die Praxis aber schon heute.

Was den Arzt bei den zukünftigen Sprechstunden erwartet, könnten ihm einige Kollegen aus Schleswig-Holstein schon berichten. Hier gilt der 76-jährige Dr. Uwe Denker aus Bad Segeberg als Vorreiter. Er gründete 2010 die erste Praxis ohne Grenzen in seiner Heimatstadt. Es folgten Praxen von Kollegen in Stockelsdorf, Preetz, Husum, Rendsburg und Flensburg, in diesem Monat startete ein Projekt in Neustadt, und nun folgt Hamburg. Es gibt bei dem Projekt, das Denker 2010 angestoßen hat, keine Dachorganisation. Jede Praxis wird von eigenständigen Vereinen getragen, die auf Spenden angewiesen sind, damit in Not geratene Kranke mit Medikamenten versorgt werden können. Gibt es keine anderen Kostenträger, werden von den Spenden – wenn möglich – auch Operationskosten beglichen. Jeder Hilfesuchende, der in die Praxen kommt, wird kostenlos behandelt.

„Im Unterschied zu meiner früheren Praxis kommen in unsere Einrichtungen wirklich nur noch diejenigen, denen es richtig schlecht geht“, sagt Denker. Entsprechend groß sei die Dankbarkeit der Patienten. Dabei sind Hartz-IV-Empfänger oder ausländische Mitbürger eher die Ausnahme: „Es sind vor allem Menschen aus dem Mittelstand, die aus irgendeinem Grund abgestürzt sind und ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen konnten.“ Unter den rund 400 Patienten ist der Kaufmann ebenso wie der Web-Designer, eine Ärztin ist darunter, die fünf Jahre lang ihre Mutter gepflegt und wegen fehlenden Einkommens keine Kassenbeiträge leisten konnte, es ist ein Immobilienmakler darunter, ein Transportunternehmer, ein Dachdeckermeister. „Das ist eine schleichende Katastrophe, die von Politik und Gesellschaft nicht wahrgenommen wird“, sagt Denker. Rund 800.000 Menschen in Deutschland stünden ohne Krankenversicherung da. Im Norden gibt es bereits mehrere Einrichtungen, die sich der ärztlichen Versorgung dieser Menschen verschrieben haben.

 
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