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„An den Rand der Verzweiflung“ : NDR-Moderatorin Annika de Buhr über Karriere und das Mutter-Sein

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Annika de Buhr spricht im Interview über ihre Arbeit als TV-Moderatorin und das Mutter-Sein, ihr ehrenamtliches Engagement und ihr Auftreten in sozialen Netzwerken.

Hamburg | TV-Moderatorin Annika de Buhr (44) trägt gerne Rot und verkörpert damit Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Zuletzt strahlte die Ex-ZDF-Heute-Moderatorin in auffälligem rotem Abendkleid auf dem Semper-Opernball. Auch zum Interview in der Lobby des Atlantik-Hotels erscheint sie in knallroter Lederjacke. Ein Gespräch bei Klaviermusik und Kamillentee über ungeplante Auszeiten, Klinken putzen und Bingobär Michael Thürnau.

Sie moderieren seit Sommer die Nachrichten im Nordmagazin des NDR sowie ein Doku-Magazin auf dem neuen Sender „kabel eins Doku“...
Oh ja, da war ich mächtig froh.

Warum?
Ich brauchte endlich wieder eine Herausforderung.

Was haben Sie vorher gemacht?
Beruflich nicht viel. Ich musste eine kindbedingte Auszeit machen, sehr lang und so überhaupt nicht geplant. Das hat mich ehrlich gesagt zum Teil an den Rand der Verzweiflung getrieben.

Das Kind oder die Auszeit?
Beides. Ich hab mit dem Kind viel Zeit bei Ärzten und in Kliniken verbracht. Das war so natürlich nicht geplant. Eigentlich war mein Anspruch, dass ich drei Wochen nach der Geburt, spätestens nach drei Monaten, wieder auf dem Dienstplan stehe. Bis dahin wusste ich noch nicht, dass Karrieren ganz anders verlaufen können. Bis dahin hatte immer alles funktioniert, genau so wie ich mir das gedacht hatte. Von der Zeitung zum Fernsehen, zum Kleinen und zum Großen, wie das ZDF. Ich hatte gedacht, dass das so weitergeht. Das war mit einem Kind nicht so. Unvorstellbar für mich: Pausieren zu müssen, nur weil ich ein Kind bekommen hatte.



Wann haben Sie gemerkt, dass es nicht so funktionierte, wie Sie es sich gedacht hatten?
Es wurde eine ungewohnte Rücksicht auf mich genommen. Ich hatte mit meinem Sender vereinbart, dass ich bald wiederkomme: Warum stehe ich dann nicht auf dem Dienstplan, und dem nächsten auch nicht? Ich hab mein Hirn nicht verloren, und auch keine 25 Kilo zugenommen, ich bin willens. Ich wollte mich wieder einbringen. Ich habe nette Mails geschrieben, habe im Vorzimmer angerufen, nachgefragt. Ich hatte den Eindruck, man meinte, ich bräuchte den Job nicht mehr.

Hat Sie das sauer gemacht?
Es hat mir nicht gefallen. Sauer war ich nicht, aber wirklich sehr verzweifelt. Irgendwann musste ich realisieren, dass es so ist. Es war eine Auszeit, die ich mir so nie genommen hätte. Und das fand ich recht unbefriedigend. Aber ich bin relativ hartnäckig. Nach einer Auszeit, die dann wirklich sein musste, weil ich mich in stärkerem Ausmaß um meinen Sohn kümmern musste, hab ich wieder angefangen mich zu melden, bei Veranstaltungen zu erscheinen, Kontakte zu suchen  ...

Klinken putzen?

Ja, das war Klinken putzen par excellence. Das ist mühsam und nicht sonderlich befriedigend. Aber ich hab es gemacht. Ich dachte, irgendwann wird es schon funktionieren. Vor dem Kind gab es ja auch genügend Einsatzmöglichkeiten, ich bin ja noch dieselbe. Wenn ich Dienste zusage, dann bin ich auch da. Irgendwann ist dann mal jemand beim NDR darauf gekommen, dass ich es wirklich ernst meine. Da war ich dann plötzlich NDR-Außenmoderatorin für „Mein Nachmittag“.

Wann war das?
Viereinhalb Jahre nach der Geburt. Endlich habe ich mich wieder wahrgenommen gefühlt, nicht nur als Mutter. Muttersein war für mich eine Form der Reduzierung, die mich nicht glücklich gemacht hat. Jeder muss für sich die eigenen Gewichtungen setzen. Ich wollte wieder Geld verdienen und das tun, was ich gern mache. Für „Mein Nachmittag“ war ich in ganz Norddeutschland unterwegs, das waren sehr aufwendige Produktionen. Ich wollte das so, also habe ich mich auch nicht beschwert. Und die Babysitterin hat sehr gut verdient.

Von dem Vater Ihres Kindes sind Sie mittlerweile getrennt. Wer passt auf Ihren Sohn auf, wenn Sie nicht da sind?
Eine Indonesierin ist als Aupair bei uns eingezogen. Sie wird von meinem Sohn als große Freundin wahrgenommen. Das zeigt mir: Wir haben die Richtige.

Ist Hamburg Ihr Zuhause?
Ich habe mich schon in verschiedenen Städten zu Hause gefühlt. Momentan pendle ich zwischen Schwerin, Hannover und Hamburg. Ich war lange Zeit in Berlin, hab mich auch dort sehr wohl gefühlt. Es gehört für mich zum Beruf dazu, Städte zu wechseln.

Sie teilen und posten viel auf Instagram, Facebook, Twitter. Gehört das heutzutage zum Job dazu?
Was ich zeige, sind andere Facetten und Einsichten als das, was man auf dem Schirm sehen würde. Ich ermögliche einen Blick hinter die Kulissen. Wer keine Lust hat sich zu zeigen, sollte sich einen anderen Beruf suchen. Ich trenne Berufliches und echt Privates. Selbstverständlich poste ich nirgendwo mein Kind.

Gibt es einen Unterschied zwischen Annika und der Moderatorin Frau de Buhr?
Da ich beruflich sehr genau und sortiert vorgehe, würde man nicht glauben, wie zu Hause mein Schreibtisch aussieht. Ich möchte da lieber nicht in die Details gehen.

Bekannt wurde die TV-Journalistin Annika de Buhr als Moderatorin der Heute-Nachrichten im ZDF. Seit dem Start des neuen Fernsehsenders „kabel eins Doku“ im September vergangenen Jahres ist sie das Gesicht des dort mehrmals wöchentlich ausgestrahlten Doku-Magazins. Für den NDR spricht sie seit einem halben Jahr die Nachrichten im Nordmagazin. Die 44-Jährige war unter anderem für den NDR, Spiegel TV, XXP und Vox vor der Kamera im Einsatz. Ihre journalistische Karriere startete sie bei der „Neuen Presse“ in ihrer Heimatstadt Hannover, wo sie auch volontierte. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat einen Sohn, der bei ihr aufwächst.



Sie tun viel Gutes: Wie wichtig ist Ihnen soziales Engagement?
Ich freu mich gerade auf ein ganz neues Projekt: Dabei engagiere ich mich für einen ambulanten Hospizdienst. Ich habe schon früh Berührung gehabt mit der Hospizarbeit, habe viel Leid gesehen. Zum Teil ist es ja so, dass Krankheiten in Schüben verlaufen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen Kinder und Jugendliche nach Hause dürfen. Gerade mobile Hospizdienste können den Familien sehr helfen, den Geschwisterkindern und den Eltern, auch in ganz alltäglichen Dingen. Das liegt mir am Herzen. Ich hab das selbst erlebt: Durch Fälle in meiner Familie ist mir das sehr bewusst geworden. Und dann war ich ehrenamtliche Botschafterin der Deutschen Krebshilfe und für die Stiftung Kinderjahre bin ich immer noch sehr engagiert.

Haben Ihre Engagements immer eine persönliche Intention?
Wenn die Themen mir näher sind, macht es für mich mehr Sinn. Ich möchte etwas zu den Themen sagen können, dann sind es meine und damit meine Anliegen.

Wie helfen Sie den Stiftungen?
Ich bin zum Teil bei Aktionen und Projekten dabei. Ich helfe aber vor allem dabei, Spenden zu sammeln. Es geht oftmals darum, Öffentlichkeit zu schaffen, ohne die es nicht geht. Ich helfe mit meinem Namen und meinem Gesicht.

Ihr neues Projekt ist die Moderation des Dokumentations-Magazins bei „kabel eins Doku“. Sind Sie ein Doku-Junkie?
Absolut. Ich komme selten zum Fernsehgucken. Was ich schaue, gucke ich ganz bewusst. Was mich wirklich interessiert, sind sehr gute Dokumentationen. Ich schaue mir genauso gerne Geschichtsdokus an wie auch Technikdokus.

Klingt, als sei der Job das perfekte Format?
Ich habe eine große Nähe zu den Themen, die wir behandeln. Ich habe einen größeren Ehrgeiz, wenn es um Themen geht, die von Belang sind: Ob sie von Welt sind oder von regionaler Bedeutung, wie bei uns im NDR-Nordmagazin.

Sie waren als Moderatorin erster Stunde beim Aufbau des neuen Senders „kabel eins Doku“ dabei. Wie war das?
Toll. Ich bin sehr gerne schon bei den allerersten Überlegungen dabei, kann mich dann noch besser einbringen. Das Doku-Magazin, das ich moderiere, entwickeln wir im Team. Viele Kollegen kenne ich noch von meiner Zeit bei XXP, einem Nachrichtensender von Spiegel TV. Da habe ich damals meine ersten Schritte im TV-Business gemacht.

Wie kamen Sie zum Moderieren?
Ich war mit Mitte 20 für die Zeitung bei einem Casting in Hannover, wollte darüber schreiben. Der NDR suchte Assistentinnen für eine Spielshow, Bingo mit Michael Thürnau. Alle Teilnehmerinnen mussten durch die Dekoration laufen. Ich hatte Freude daran, ihnen zuzuschauen. Das hat auch der Produzent mitbekommen und sich einen Spaß daraus gemacht, mich auch durch die Kulissen laufen zu lassen. Ich hab mich mit Händen und Füßen gewehrt. Keine Chance. Also bin ich da mit Leichtigkeit über die Stufen. Dann kam ich zu Michael Thürnau, ich wusste, er wird mir jetzt Fragen stellen, wie auch bei den anderen Damen. Ich drehte den Spieß um, hab mir das Mikrofon geschnappt und das Interview stattdessen mit ihm geführt. Auf dem Heimweg bekam ich einen Anruf des Produzenten. Er wollte mich für die Produktion eines Fernseh-Piloten als Co-Moderatorin. Ich war unerschrocken und hab zugesagt. Danach verlief meine Karriere erstmal prächtig. Ich kam nicht auf die Idee, dass etwas dazwischen kommen könnte.

Was haben Sie aus dem zwischenzeitlichen Aus gelernt?
Karrieren funktionieren nicht von alleine. Mit Hartnäckigkeit, Talent, einem großen Willen und letztendlich auch einer Freude an dem, was man macht, kann eine Karriere gelingen. Muss sie aber nicht.

Annika de Buhr persönlich...

Zuhause fühle ich mich… in einer netten Umgebung mit Menschen, die mir viel bedeuten.

Ich lerne von… allen, jeden Tag, und bleibe auch hoffentlich offen dafür.

Arbeit bedeutet für mich… ziemlich viel.

Der beste Moderator… den lerne ich hoffentlich noch kennen, und hoffentlich lerne ich dann auch noch was von ihm/ihr.

Die Elbphilharmonie… ist sicherlich schick, groß und ein Wahrzeichen für Hamburg. Aber ich war nicht einmal da, als sie eröffnet wurde, ich habe gearbeitet.

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erstellt am 25.Feb.2017 | 10:00 Uhr

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