zur Navigation springen

Maritime Wirtschaft : Nachwuchssorgen: Wer will Schiffsmechaniker werden?

vom

Der maritimen Industrie bricht der Nachwuchs weg. Dabei gibt es doch Sonnenuntergänge auf hoher See gratis.

shz.de von
erstellt am 03.Nov.2014 | 14:56 Uhr

Hamburg | SCHRAUBE: Die Statistik klingt dramatisch. Die Zahl der Jugendlichen, die eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker beginnen, hat sich in den vergangenen sieben Jahren fast halbiert. 2014 haben nur noch 188 Azubis die Arbeit aufgenommen, berichtet Holger Jäde, Geschäftsführer der Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt in Bremen. Das ist auch deshalb dramatisch, weil die Ausbildung zum Mechaniker für viele ein Zwischenschritt ist auf dem Weg zum Ingenieur oder Kapitän. Jäde warnt daher: „Der Schifffahrtsstandort Deutschland wird an Innovationskraft verlieren, weil der Nachwuchs fehlt.“ Selbst Hapag-Lloyd in Hamburg, die größte deutsche Reederei, macht sich Sorgen. Die Schwierigkeit bestehe allerdings nicht darin, die Jugendlichen für den Job zu begeistern, erzählt Flottenchef Richard von Berlepsch. „Der Engpass besteht darin, dass immer weniger Leute den Weg auch zu Ende gehen.“ Während der dreijährigen Ausbildung würden viele angehende Techniker doch noch in die finanziell lukrativere Nautik wechseln, um Kapitän zu werden. Dabei stünden die Chancen sehr gut, im technischen Bereich Karriere zu machen: „Wir schätzen Bewerber, die die Arbeit von der Pike auf gelernt haben.“ In allen maritimen Industrien, auch an Land, würden mehr Arbeitskräfte gebraucht. Aber: „Vielleicht ist es einfach nicht mehr populär, mit den Händen zu arbeiten.“

LIEBE: Einer, der sich die Hände gerne schmutzig macht, ist Ole Dieckmann. Der 23-jährige Kieler ist jüngst als bester Schiffsmechaniker-Azubi seines Jahrgangs ausgezeichnet worden. 5000 Euro hatte die Stiftung Deutsche Seemannsschule Hamburg ausgelobt - Dieckmann machte das Rennen mit der Note 1,0 in der Praxis und einer 2,0 in der Theorie. Die Liebe zur Schifffahrt entdeckte das Talent schon vor sechs Jahren. Damals fuhr Dieckmann als Schülerpraktikant an Bord des Containerschiffs „Kuala Lumpur Express“ nach Asien. Danach war klar: Nach dem Abitur geht's wieder auf See. „Zu Beginn der Lehre wollte ich noch Kapitän werden und Nautik studieren, aber während der Ausbildung habe ich mich für die technische Seite entschieden.“ Pumpen überholen, Wetterdaten lesen, Generatoren säubern - obwohl jeder Schulabschluss für die Ausbildung berechtigt, ist der Beruf des Schiffsmechanikers ein ganz spezieller. Neben guten Kenntnissen in Mathe, Physik und Englisch wird auch die Bereitschaft vorausgesetzt, viele Entbehrungen in Kauf zu nehmen. „Wer das macht, muss für die Schifffahrt brennen“, sagt Jäde. „Man ist drei bis vier Monate mit der Firma unterwegs, hat kein Facebook und Familie und Freunde sind weit weg.“ Dafür erwarte die Azubis auf den Weltmeeren sogar ein bisschen Romantik: „Sonnenuntergänge auf hoher See - so etwas überholt sich nicht.“ Dieckmann bestätigt das: „Man kommt in der Welt rum, hat auf dem Schiff alles, was man braucht. Die Arbeit ist spannend, weil die Crews ständig wechseln.“

HOFFNUNG: Bei aller Leidenschaft hat die Sache aber zwei Haken: Zum einen müssten die Seeberufe bekannter gemacht werden, sagt von Berlepsch von Hapag-Lloyd. Zum anderen seien die Lohnkosten im internationalen Vergleich zu hoch. Selbst mit vielen europäischen Staaten könne Deutschland nicht mehr mithalten. Auch deshalb fahren nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder (VDR) nur noch 11,4 Prozent der etwa 3500 Schiffe umfassenden deutschen Handelsflotte unter deutscher Flagge. „Wir sind ein globaler Markt, da sind die Lohnunterschiede ein Problem“, sagt von Berlepsch. So sieht das auch Jäde von der Berufsbildungsstelle See. Er hofft, dass die Arbeitgeber künftig reine Nettolöhne bezahlen könnten. „Die Finanzminister müssten dann auf Lohnsteuer verzichten. Das macht natürlich niemand gern. Aber bevor keiner mehr da ist, der überhaupt Steuern zahlt, könnte man so vielleicht die Unternehmen halten.“ Ansonsten würden die besten Leute weiter in Landberufe wechseln. Wie realistisch diese Befürchtung ist, zeigt sich auch an Ole Dieckmann. Der ausgezeichnete Absolvent begründet seinen Fokus auf die Technik nämlich so: „An Land zu gehen ist auf jeden Fall eine Option. Als Schiffsingenieur habe ich da die bessere Perspektive.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen