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Hamburg-Schnelsen : Nach Misshandlungen: In der Mattisburg finden Kinder Schutz

vom
Aus der Onlineredaktion

Immer wieder werden Kinder von ihren Eltern misshandelt. Ein Kinderschutzhaus soll den Kleinen Sicherheit geben.

shz.de von
erstellt am 26.Jan.2016 | 19:29 Uhr

Hamburg | Vom Vater geschlagen, vom Onkel missbraucht oder von der Mutter vernachlässigt - die Kinder der „Mattisburg“ in Hamburg-Schnelsen haben schon Schlimmes erlebt. In dem Kinderschutzhaus sollen sie sich sicher und geborgen fühlen, so wie „Ronja Räubertochter“ in Astrid Lindgrens Roman in der Burg ihres Vaters Mattis.

In Hamburg sind in vergangenen Jahren mehrere Kinder gestorben, weil ihre Eltern sie misshandelt hatten. Der kleine Tayler ist erst im Dezember gestorben. In Politik und Medien wird die Frage diskutiert, ob strukturelle Probleme bei den Hamburger Jugendämtern zum Tod mehrere Kinder beigetragen haben.

„Die Kinder könnten tot sein, von dem, was sie erlebt haben“, sagt die Gründerin der Stiftung „Ein Platz für Kinder“, Johanna Ruoff (39). Die Stiftung hat maßgeblich geholfen, das 1,2 Millionen Euro teure Haus im Jahr 2014 zu errichten. Betrieben wird es von der Großstadt-Misson Altona, einer diakonischen Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe.

In der großen Wohnküche toben die etwa fünfjährigen Karolin* und Ben* herum und essen vor dem Mittagessen noch schnell ein Stück Melone. Sie gehören zu den acht Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen vier und zwölf Jahren, die derzeit in der Mattisburg leben. Die Kinder sind nicht einfach. Pflegeeltern oder Heime sind mit ihnen nicht zurechtgekommen. Die 15 pädagogischen Mitarbeiter des Hauses müssen mit viel Geduld herausfinden, was mit den Kindern geschehen ist. Meist können sie selbst darüber nicht sprechen.

„Manchmal wissen wir gar nichts über die Kinder“, sagt Hausleiter Thorsten Bierbaum. „Wir versuchen, die Körpersprache der Kinder zu übersetzen.“ Er bezeichnet das Haus als eine diagnostische Einrichtung, die eine Art von Pausentaste im Leben der Kinder drückt und versucht, innerhalb eines halben Jahres eine längerfristige Perspektive für sie zu finden.

„Hauptziel bleibt die Reintegration in die Familie“, sagt Ruoff. Doch etwa 80 Prozent landen anschließend bei Pflegeeltern. Die leiblichen Eltern kommen einmal pro Woche in das Haus, um ihre Kinder zu besuchen, aber auch, um mit den Therapeuten zu sprechen. „Wir arbeiten hier mit potenziellen Schädigern“, sagt Bierbaum. Es komme vor, dass ein Kind seine Mutter oder seinen Vater gar nicht sehen wolle. Die Architektur des Hauses berücksichtigt das. Es gibt zwei Eingänge für Kinder und Erwachsene.

Die „Körpersprache“ der Kinder kann heftig sein. Im ersten Schutzhaus der Stiftung in Hannover rissen sie Heizungen aus den Wänden, zerschlugen Waschbecken und zertrümmerten Schränke. Im Hamburger Haus sind darum die Heizkörper unter der Decke angebracht, die Waschbecken aus Gummi, die Schranktürenscharniere besonders stabil. Dennoch war nach einem halben Jahr die erste Renovierung fällig. Weitere 30.000 Euro hat die Stiftung im vergangenen Jahr investiert.

Auf der Terrasse sind herausgerissene Pflastersteine zu sehen, die helle Hauswand ist mit Matsch beworfen. Manchmal genüge der Geruch eines Aftershaves, der an den gewalttätigen Vater erinnert oder die Stimme einer Betreuerin, die wie die der schlagenden Mutter klingt, um bei einem traumatisierten Kind einen „Impulsdurchbruch“ hervorzurufen, sagt Bierbaum. Das Verhalten sei aber meist eine normale Reaktion auf das Erlebte. Wenn etwa ein Kind sein Zimmer vollkote, versuche es möglicherweise, einen gefährlichen Erwachsenen auf Distanz zu halten. „Das sind Überlebensstrategien“, erklärt der Diplompädagoge.

Die Betreuer versuchen die Kinder zu verstehen, aber sie lassen nicht alles durchgehen. Es gibt strenge Regeln in der Mattisburg. Wer Unrecht getan hat, muss sich entschuldigen und den Schaden wiedergutmachen. „Natürlich können Kinder keine Terrassentür ersetzen.“ Aber sie können für ein anderes Kind den Tisch abräumen oder einen Kuchen backen.

Die strengen Regeln und der klare Tagesablauf vermitteln den Kindern das Gefühl von Sicherheit. In der Wohnküche hängt für jedes Kind eine Kette von Symbolbildern an der Wand. Ganz oben der Wecker, dann das Anziehen, Frühstück, Zähneputzen, Schule - die Kinder können selbst sehen, was sie jeden Tag erwartet.

Rund 3000 Hamburger Kinder können nach Angaben der Sozialbehörde nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, weil diese sie vernachlässigt oder geschlagen haben. Schicksale wie das der dreijährigen Yagmur, die 2013 von ihrer Mutter zu Tode gequält wurde, haben die Öffentlichkeit bewegt. Stiftungssprecherin Britta Geyer ist sich sicher, dass in der Mattisburg das Leiden des Mädchens rechtzeitig erkannt worden wäre. „Man hätte mit Sicherheit herausfinden können, wer das Kind schlägt.“

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