Hamburger Hafen : „Nach mir kommt nur noch Gott“ – Arbeit über den Toren zur Welt

Benjamin Lüders an seinem Arbeitsplatz in 54 Metern Höhe.

Benjamin Lüders an seinem Arbeitsplatz in 54 Metern Höhe.

Einst schleppte Benjamin Lüders im Hamburger Hafen kiloweise Stückgut, heute leistet er Präzisionsarbeit. Die Technisierung hat ihm neue Perspektiven gegeben – könnte sie ihm jedoch auch wieder nehmen.

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06. August 2018, 20:17 Uhr

Hamburg | „Früher hieß es: Du bist pleite, suchst einen Job? Dann ab in den Hafen.“ Benjamin Lüders (41) faltet die Hände zusammen. „Die Zeit ist vorbei!“, fügt er lachend hinzu, ehe sein Blick am vorbeifahrenden Containerschiff haften bleibt. Der gebürtige Hamburger ist eine aussterbende Zunft: Ein Urgestein, das noch am eigenen Leib erlebt hat, was Hafenarbeit mal für ein Knochenjob war. „Ich würde schon sagen, dass ich ein harter Hund bin. Früher musstest du das sein“, sagt er. Der kräftige Händedruck verleiht seinen Worten Nachdruck.

Im Hamburger Hafen haben die harten Kerle jedoch schon lange ausgedient. Das Bild von bärtigen, muskelbepackten Arbeitern, die schwitzend und schnaubend tonnenschweres Stückgut aus afrikanischen Frachtern ausräumen – es ist ein Relikt vergangener Tage, die romantisierte Vorstellung des ehrlichen Tagelöhners, wie sie heute höchstens noch in Hans-Albers-Filmen oder im angrenzenden Hafenmuseum bestaunt werden kann.

Technischer Sachverstand statt Muskelkraft gefragt

Der Hafen ist längst zum durchgetakteten Herzstück der Hamburger Industrie geworden, mehr als 150.000 Jobs hängen heute direkt oder indirekt von ihm ab. Mit der zunehmenden Professionalisierung der Schifffahrt stiegen auch die Anforderungen an die Arbeiter: Technischer Sachverstand statt Muskelkraft, Schichtdienst statt Tagelohn, Gleichberechtigung statt Männerdomäne. „Unser Berufsbild hat sich in den letzten 25 Jahren radikal verändert“, sagt Benjamin, ehe er in den Transporter steigt, der ihn zum Terminal „Tollerort“ bringt.

Die Automatisierung schreitet voran: Der 41-Jährige blickt einer ungewissen Zukunft entgegen.
dpa

Die Automatisierung schreitet voran: Der 41-Jährige blickt einer ungewissen Zukunft entgegen.

 

Das volle Ausmaß dieses Wandels wird deutlich, als er mit breitem Grinsen seinen eigenen Werdegang skizziert. Es sind die Umrisse eines Lebens, das symptomatisch die Transition des Hafens zum Experten-Pool beschreibt. Aufgewachsen im Stadtteil St. Pauli war Benjamin schon von Kindesbeinen an von Hafenarbeitern umgeben. Der Vater, ein Zeitsoldat, stellte ihn dann mit 16 Jahren vor die Wahl. „Er sagte: Schule oder Lehre. Ich wollte arbeiten, also ging ich in den Hafen“, erzählt er. Vor ihm schießen die Containerkräne wie Ranken in den Himmel.

Mit der Wende kamen die Frauen

Nach zwei Probetagen in einer Reederei bekommt der damals 16-Jährige einen Lehrvertrag. Er absolviert die Ausbildung zum Ewerführer, ein „Schutenschupser“ im Hafenjargon, geschult in der Be- und Entladung von Schiffen im Hamburger Stromgebiet. Danach folgen Jahre körperlicher Schwerstarbeit, tonnenweise Kisten, Fässer, Kästen und Säcke müssen per Hand verladen werden. Eine Arbeit für „echte Kerle“, die anpacken, ohne unnötige Fragen zu stellen. Der Hafen ist zu dieser Zeit unangefochtenes Männermetier – zumindest bis zum Fall der Mauer. „Nach der Wende kamen die ersten Frauen aus ostdeutschen Betrieben in den Hafen“, erinnert er sich. „Mit einem Mal saßen die auf den Containerbrücken“, sagt er, während er mit einer Hand in die Höhe zeigt. Hatte davor stets ein rauer Ton geherrscht, vollzog sich mit den weiblichen Kolleginnen langsam der Wandel vom derben „Hafenschnack“ hin zum gesitteten Umgang. „Sogar die alteingesessenen Kollegen durften in dieser Zeit öfter mal in die Chefetage, wenn sie sich im Ton vergriffen“, erinnert er sich.

Heute sind Frauen im Hafenbetrieb längst keine Besonderheit mehr. Seit dem 1. Januar 2017 leitet mit Angela Titzrath erstmals eine Frau die Geschicke der Hamburger Hafen und Logistik AG. Doch nicht nur der Umgangston, auch die Arbeit selbst änderte sich.

Schließlich mussten die Unternehmen auf das stetig wachsende Arbeitspensum reagieren: Während das erste Containerschiff im Hafen 1968 mit gerade einmal 87 Containern beladen war, können es heute bis zu 14.000 sein. „Plötzlich waren Spezialisten gefragt, die oben auf den Containerbrücken schnell und präzise die Container von Bord holen und später auch wieder auf die vorgegebene Position setzen konnten“, sagt Benjamin. So wurde das Löschen und Laden deutlich beschleunigt – bares Geld für die Reedereien. Um nicht den Anschluss zu verlieren, beschließt er vor zehn Jahren, sich bei der HHLA auf die Zusatzausbildung zum Containerbrückenfahrer zu bewerben. Am Ende bekommt Benjamin den Zuschlag. „Nach einer 20-tägigen Ausbildung haben sie mich auf die Menschheit losgelassen“, sagt er, bevor er den kleinen Aufzug betritt, der ihn direkt zu seinem Logenplatz in rund 54 Metern Höhe bringt. Hier thront er in einer geräumigen Kabine, ein hydraulischer Sitz in der Mitte, der von mehreren Hebeln und zahlreichen Knöpfen flankiert wird. Ein Glasfenster im Boden gibt den schwindelerregenden Blick in die Tiefe frei.

Benjamins Arbeitsplatz gleicht einem überdimensionalen Greifautomaten wie man ihn von der Kirmes kennt – nur dass hier nicht Spielwaren, sondern tonnenschwere Container erfasst werden. Mit einem Hebelzug bewegt er dann Massen, für die ein Arbeiter früher einen Tag benötigt hätte. „Es fühlt sich an wie ein Spielplatz für große Kinder“, erzählt er. „Nur, dass hier selbst kleinste Fehler Tausende Euro Schaden verursachen können.“

Ungewisse Zukunft

Hier oben, so nah an den Wolken, die Werft „Blohm + Voss“, den Michel und den Fernsehturm im Blick, ist Benjamin angekommen. „Man ist alleine, so weit oben und denkt sich: Nach mir kommt nur noch Gott“, sagt er stolz. Doch auch wenn Benjamin sich den gesellschaftlichen und industriellen Veränderungen erfolgreich angepasst hat, ist seine Zukunft ungewiss. Sein Blick streift den Terminal Altenwerder, der als einer der modernsten Terminals der Welt gilt. Dort läuft heute fast alles automatisch ab, lediglich die Beförderung der Container über die Kaimauer erfolgt noch händisch. „Wir wissen, dass das die Zukunft ist. Das kann man nicht aufhalten“, sagt Benjamin, das erste Mal leicht verunsichert. Viele Kollegen hätten Angst vor dem, was kommt. „Ich weiß, wenn ich mal arbeitslos werden sollte: So einen Job wie diesen hier werde ich nie wieder kriegen.“

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