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Mord an Zweijähriger : Mutmaßlicher Kindermörder aus Hamburg in Spanien verhaftet

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Ein Vater soll seine zweijährige Tochter getötet haben. Die Auslieferung könnte sich über Wochen hinziehen.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 11:30 Uhr

Hamburg | Nach dem Mord an einer Zweijährigen in Hamburg und der Ergreifung des verdächtigen Vaters in Spanien dürfte sich die Auslieferung an die deutschen Behörden einige Wochen hinziehen. Mit dem internationalen Haftbefehl, den die Staatsanwaltschaft Hamburg in der vergangenen Woche ausgestellt hatte, sei auch bereits das Ersuchen um Auslieferung gestellt, sagte ein Sprecher der Behörde am Montag. Es gebe keine Auslieferungshindernisse. Der Verdächtige sei pakistanischer Staatsangehöriger und werde nicht wegen eines politischen oder militärischen Deliktes gesucht. Dennoch könnten die Formalitäten und die Organisation der Auslieferung einige Wochen dauern.

Der Vater sei am Sonntagmittag in der spanischen Region San Sebastian verhaftet worden, wie die Polizei am Sonntagnachmittag mitteilte. Nach den bisherigen Erkenntnissen führte die Flucht des 33-Jährigen über Frankreich nach Spanien. Der Mann hatte offenbar Schutz bei einem Bekannten gefunden. Als die Polizei ihn am Sonntag aufgespürt habe, sei er in Begleitung des Mannes gewesen, der ebenfalls festgenommen wurde, berichtete die baskische Zeitung „El Diario Vasco“ am Montag. Die Festnahme des 33-Jährigen erfolgte demnach auf offener Straße durch Polizisten aus Madrid südlich von San Sebastian im spanischen Baskenland.

Der 33-Jährige, der seiner Tochter die Kehle aufschlitzt haben soll, war bei der Polizei, beim Jugendamt und bei der Staatsanwaltschaft bekannt. Zuletzt war die 32-jährige Mutter am Tattag zur Polizei gegangen, um ihren Mann wegen Bedrohung anzuzeigen. Doch da war es schon zu spät: Als die Beamten die Wohnung betraten, entdeckten sie das tote Kind.

Doch auch schon vor der Tat waren Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung und Bedrohung seiner Ehefrau und seines sechsjährigen Stiefsohns eingeleitet worden. Das Jugendamt hatte die Familie seit längerer Zeit betreut, weil sich der Mann immer wieder aggressiv verhalten hatte. Der zweimal in den Akten geäußerte Verdacht der Kindeswohlgefährdung habe sich aber in beiden Fällen nicht bestätigt.

Die CDU wirft außerdem die Frage auf, warum sich der als hoch aggressiv geltende Mann, der den Behörden bekannt war, noch immer in Deutschland aufhielt. Denn der 33-Jährige ist ein abgelehnter Asylbewerber aus Pakistan. Er hatte Ende 2011 in Hessen Asyl beantragt. Anfang 2012 wurde der Antrag abgelehnt. Im Juli 2012 war der Mann ausreisepflichtig, konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er angeblich seinen Ausweis verloren hatte. 

Nach der Geburt des Mädchens 2015 durfte der Pakistaner im Januar 2016 nach Hamburg ziehen. Hier wurde sein Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis abgelehnt. Dagegen legte der Vater Widerspruch ein. Sein Anwalt erreichte mit einem Eilantrag einen sogenannten Hängebeschluss des Verwaltungsgerichts. Das bedeutet: Der Mann durfte aufgrund der familiären Bindung nicht abgeschoben werden.

Dennis Gladiator, innenpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, bezeichnet das als ein Unding. Generell gelte zwar, Schutz, wem Schutz gebühre. „Wer aber seine Ausweispapiere zurückhält oder die Beschaffung von Ausweispapieren behindert und sogar polizeilich in Erscheinung tritt, gehört in Abschiebehaft“, fordert der CDU-Politiker.

Immer wieder wurden in Hamburg Kinder getötet oder starben, weil ihre Eltern sie vernachläsigten. Eine Chronologie.

Tayler, 2015 - Baby totgeschüttelt
Der 27-Jährige muss lange in Haft.

Der 27-Jährige muss lange in Haft.

Foto:dpa

 

Am 12. Dezember 2015 wird der kleine Tayler in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Eppendorf gebracht. Mit schwersten Hirnverletzungen, Einblutungen in beiden Augen und einem Schütteltrauma wird der dreizehn Monate alte Junge eingeliefert. In einer Notoperation im Krankenhaus wird Tayler ein Teil seines Schädelknochens entfernt, um den Hirndruck zu reduzieren. Dies kann ihn jedoch nicht mehr retten - eine Woche später ist er tot. Der 27 Jahre alte Stiefvater wurde im Dezember 2016 verurteilt und muss für elf Jahre in Haft.

Der Stiefvater hatte das Kind massiv und gewaltsam „10 bis 15 Mal geschüttelt“, so die Richterin. Trotz lebensbedrohlicher Symptome ruft der Stiefvater keinen Notarzt, sondern wartet, bis seine Lebensgefährtin vom Einkaufen zurück ist.

Yagmur, 2013 – Dreijährige von Mutter zu Tode misshandelt

 

Die dreijährige Yagmur war am 18. Dezember 2013 in der Wohnung ihrer Eltern Melek und Hüseyin Y. in Hamburg-Mümmelmannsberg an einem Leberriss innerlich verblutet. Das Kind wurde von seiner Mutter über viele Monate so schwer misshandelt, dass es schließlich starb. An dem Körper der Dreijährigen fanden sich mehr als 80 Hämatome und Quetschungen. Das Landgericht Hamburg verurteilte Yagmurs Mutter Ende November 2014 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haft. Der Vater muss für viereinhalb Jahre ins Gefängnis, weil er sein Kind nicht schützte.

 

In der Kritik stehen aber auch die zuständigen Jugendämter. Weil die Eltern überfordert waren, kam Yagmur sofort nach der Geburt 2010 in die Obhut des Jugendamtes. Dieses brachte das Mädchen in einer Pflegefamilie unter. Mitte 2013 fiel die Entscheidung, dass Yagmur bei ihren leiblichen Eltern leben durfte - obwohl es schon vorher den Verdacht gab, dass das Mädchen dort misshandelt wurde. Es gab offenbar viele Warnhinweise, die von den Mitarbeitern in den Jugendämtern nicht richtig bewertet wurden – teils auch, weil die Zuständigkeiten häufig wechselten. Zum Todeszeitpunkt war das Bezirksamt Mitte zuständig. Vorher hatten die Bezirksämter Eimsbüttel und Bergedorf mit dem Fall zu tun.

Chantal, 2012 - Elfjährige stirbt an Methadonvergiftung
Frauen hielten Grablichter und Kerzen während eines Schweigemarsches zum Gedenken an Chantal im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Das elfjährige Pflegekind war am 16. Januar an einer Überdosis der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben. Foto: dpa

 

Die elfjährige Chantal starb am 16. Januar 2012 an einer Methadon-Vergiftung. Das Kind lebte bei drogensüchtigen Pflegeeltern und hatte in der Wohnung in Hamburg-Wilhelmsburg Zugang zu der Heroin-Ersatzdroge. Die 50 Jahre alte Pflegemutter hatte den vorherigen Tag sowie die Nacht außer Haus verbracht. Am Vorabend des Todes hatte sie Chantal geraten, ein Allergiemittel einzunehmen. Nach Darstellung des Gerichts hatte der Pflegevater (54) die im Sterben liegende Chantal sich selbst überlassen und war am Morgen zur Arbeit gegangen - ohne den Notarzt oder seine Lebensgefährtin zu verständigen. Am Nachmittag fand die Pflegemutter das Mädchen bewusstlos im Bett. Chantal starb kurz darauf. Die Pflegeeltern wurden vom Hamburger Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt.

 

Vor ihrem Tod schrieb die Elfjährige in einem Brief an ihren leibliche  - ebenfalls drogensüchtigen Vater: „Bitte geh zum Jugendamt und hole mich aus dieser schrecklichen Familie.“ Eine Frau, die im Auftrag des Jugendamts Chantals Pflegeeltern beraten hatte, sagte aus, eine Mitarbeiterin der Behörde habe mit dem Kind über das Schreiben gesprochen. Den Darstellungen der Zeugin zufolge wurden die Aussagen im Brief nicht weiter untersucht. Die Frau sah das Wohl des Kindes in der Pflegefamilie grundsätzlich nicht als gefährdet an. Nach Darstellung von  Zeugen war den Mitarbeitern des Jugendamts die Drogenvergangenheit der Pflegeeltern nicht bekannt. Laut Staatsanwaltschaft war das Jugendamt Hinweisen von Chantals Verwandten, die Angeklagten würden Drogen oder die Ersatzdroge Methadon konsumieren, nicht nachgegangen.

Lara Mia, 2009 – Neun Monate altes Baby verhungert
Kerzen und Kuscheltiere lagen nach Lara Mias Tod in einem Hauseingang im Stadtteil Wilhelmsburg. Foto: Dpa

Bei ihrem Tod wog die neun Monate alte Lara Mia nur 4,8 Kilogramm - das Doppelte wäre für ein Kind in dem Alter normal gewesen. Im März 2009 wird das völlig ausgemergelte Baby tot in einer Wohnung in Hamburg-Wilhelmsburg gefunden. Lara Mia war bei ihrem so abgemagert, dass sie ein „greisenhaftes“ Gesicht hatte, berichteten Polizisten vor dem Hamburger Landgericht. „Sie sah aus wie ein Kind aus Afrika“, sagte eine Nachbarin im Zeugenstand.

Anderen gegenüber machte die damals 19-jährige Mutter den „wählerischen Geschmack“ ihrer Tochter für deren Untergewicht verantwortlich. Für das Gericht steht hingegen fest, dass die junge Frau einfach nicht die nötige Energie und Geduld aufbringen konnte, um ihre kleine Tochter zu füttern. Letztlich habe sie sich mit deren Tod abgefunden. Die genaue Todesursache konnte nicht aber geklärt werden. Rechtsmediziner konnten auch einen plötzlichen Kindstod nicht ausschließen.

Die im Prozess um den Tod ihrer Tochter Lara Mia angeklagte Jessica R. vor dem Hamburger Landgericht. Archivbild vom 20. September, dpa

 

Das Hamburger Landgericht verurteilte die Mutter im November 2011 zu drei Jahren Jugendstrafe - wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht.

Eine Betreuerin des Jugendamtes sollte die junge Mutter unterstützen - doch die Sozialarbeiterin versagte völlig. Nach einem Besuch der Familie kurz vor dem Tod von Lara Mia erklärte die Betreuerin noch, das Mädchen sei wohlauf. Auch als die Mutter selbst anmerkte, sie wolle mit Lara Mia zum Arzt gehen, wurde sie von der Mitarbeiterin des Jugendamtes vertröstet - sie wolle erst noch in den Urlaub fahren. Wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen verhängte das Hamburger einen Strafbefehl gegen die Sozialarbeiterin, 2700 Euro musste sie zahlen.

Jessica, 2005 - Siebenjährige stirbt ausgehungert im dunklen Zimmer
Trauer um die unbekannte Jessica: „Warum bist du kleines Mädchen nicht aufgefallen, den Behörden und den Nachbarn?“
Trauer um die unbekannte Jessica: „Warum bist du kleines Mädchen nicht aufgefallen, den Behörden und den Nachbarn?“ Foto:dpa

 

In Hamburg-Jenfeld verhungerte im März 2005 die siebenjährige Jessica - nach jahrelangem Martyrium. Bei seinem Tod wog das Mädchen noch 9,5 Kilogramm. Die arbeitslosen Eltern hatten ihre Tochter in einem dunklen, ungeheizten Zimmer ihrer Hochhauswohnung wie eine Gefangene gehalten. Jessicas Mutter hatte einen Notarzt gerufen, als das Mädchen leblos im Bett lag. Die Obduktion ergab, dass die Siebenjährige an Erbrochenem erstickt war. Sie hatte einen Darmverschluss und konnte deshalb das Essen, das sie offenkundig nach langem, zwangsweisem Fasten erhalten hatte, nicht bei sich behalten. Außerdem war das Kind völlig ausgetrocknet.

Die Eltern von Jessica vor Gericht.
Die Eltern von Jessica vor Gericht. Foto:dpa

 

Bei ihrer Vernehmung gaben die Eltern an, sie hätten sich regelmäßig um Jessica gekümmert, Reue zeigten sie offenbar nicht. Die Mutter behauptete gegenüber Ermittlern, ihrer Tochter Essen angeboten zu haben, doch das Kind habe nichts essen wollen. Der Vater wies jede Schuld von sich, da seine Frau für die Versorgung von Jessica zuständig gewesen sei. Die Eltern werden wegen Mordes verurteilt und müssen lebenslang hinter Gitter.

Ein Vertreter der Schulbehörde geriet in die Kritik. Er hatte, nachdem Jessica nicht zur Einschulung erschienen war, lediglich mit einen Bußgeldbescheid an die Eltern geschickt. Das Jugendamt schaltete er auch nicht ein, nachdem er mehrmals vergeblich an der Wohnungstür geklingelt hatte.

Zur Trauerfeier für die den meisten unbekannten Jessica kamen 400 Trauergäste. Die Eltern waren nicht darunter. Der Pastor brachte die Fassungslosigkeit der Gemeinde zum Ausdruck: „Während wir zu Hause fröhliche Kindergeburtstage gefeiert haben, hat keine 200 Meter entfernt ein Kind ohne Liebe und Zuwendung in einem verdunkelten Raum dahinvegetiert.“

Michelle, 2004 – Zweijährige stirbt in Dreck-Wohnung

Die zweieinhalbjährige Michelle war im Juli 2004 in der völlig verdreckten Wohnung der Familie im Hamburger Stadtteil Lohbrügge an einem Hirnödem gestorben, weil die Eltern keine ärztliche Hilfe geholt hatten. Andreas J. und Nicole G. hatten sich vor Michelles Tod fast 24 Stunden nicht um ihre Tochter gekümmert, obwohl sie an einer Mandelentzündung litt. Erst eine Schwester des Mädchens hatte die Mutter auf Michelles Tod aufmerksam gemacht. Als die Mutter am Todestag morgens das Kinderzimmer öffnete, rief ihre Schwester: „Michelle, tot!“ Der schlechte Allgemeinzustand der Kleinen durch monatelange Vernachlässigung sowie der verwahrloste Zustand der Wohnung haben zum Tod Michelles beigetragen.

 

Für den Tod der kleinen Michelle und die Vernachlässigung ihrer Geschwister hat das Hamburger Landgericht die Eltern der Kinder 2006 zu je drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Eine Sozialarbeiterin räumte Versäumnisse ein. Sie habe die Kinderzimmer der Familie trotz des schlechten Zustands der Wohnung nur sporadisch kontrolliert. Ihre Besuche bei der achtköpfigen Familie hätten oft mittags statt gefunden, wenn die Kinder nach Angaben der Mutter schliefen. Auch habe die Mutter die Besuchstermine häufig per SMS abgesagt.

 
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