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Prozessauftakt in Hamburg : Mutmaßlicher IS-Kämpfer: „Menschlichkeit interessiert null“

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Die Beobachtung einer brutalen Hinrichtung in Syrien ist für ihn der Wendepunkt: Ein 27-Jähriger verliert seinen Glauben an den Islamischen Staat und kehrt zurück nach Deutschland. Jetzt schildert er seine Erfahrungen.

Hamburg | Als seine IS-Kameraden eiskalt einen Unschuldigen hinrichteten, kamen Harry S. Zweifel am Sinn seines Glaubenskrieges. Der junge Bremer war 2015 für die Terrormiliz nach Syrien in den Dschihad gezogen, ließ sich für eine Spezialeinheit ausbilden. „Die haben einfach geschossen, obwohl der Mann gesagt hat, er ist kein Assad-Mann“, schilderte der 27-Jährige am Mittwoch als Angeklagter vor dem Hamburger Oberlandesgericht den Wendepunkt seiner knapp dreimonatigen Zeit als Kämpfer des Islamischen Staats.

Der Angeklagte Harry S. schildert in dem Prozess eine Innensicht auf den Islamischen Staat. Diese Sicht bleibt sonst verborgen.

Vor dem auch für Bremen zuständigen Staatsschutzsenat muss sich Harry S. wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung sowie Verstößen gegen das Kriegswaffenkontroll- und das Waffengesetz verantworten. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Harry S., gebürtiger Bremer und Sohn ghanaischer Katholiken, wird in Handschellen in den Hochsicherheitssaal geführt. Der Vorsitzende Richter Klaus Rühle nimmt sofort die Schärfe aus der Verhandlung und ordnet an: „Bei mir wird keiner in Handschellen vernommen.“ Der Angeklagte gibt sich geständig, eingangs räumt er alle Vorwürfe ein: „Ja, die Anklage ist richtig.“

An Kampfhandlungen will er nicht teilgenommen haben. Vor dem Prozess hatte er sich in Interviews vom IS losgesagt und den Kampf der Islamisten als „Schwachsinn“ bezeichnet. Dann beginnt der kräftige, dunkelhäutige Mann zu erzählen. Stundenlang, nur von gelegentlichen Fragen des Richters unterbrochen. Erstmals erhält die Öffentlichkeit in einem Hamburger Gerichtssaal tiefe Einblicke in das Innenleben des Islamischen Staats. S. berichtet, wie er im April 2015 mit einem Bremer Freund nach Syrien ging, wie IS-Ausbilder sie dort in Kampftechniken und Kondition trainierten. Und in Ideologie.

Stets seien die angehenden Elitesoldaten in islamischer Lehre geschult und getestet worden. Im Islamischen Staat, so Harry S. verbittert, „geht es nur um Ideologie, Menschlichkeit interessiert null.“ Er spricht klar, fließend und vor allem offen. Zweimal hätten Männer vom IS-Geheimdienst ihn und seinen Freund gefragt, ob sie Anschläge in Deutschland verüben würden. „Wir haben verneint“, versicherte Mann, der wegen zweier Raubstraftaten verurteilt ist.

Im Gefängnis habe er sich unter dem Einfluss eines Salafisten radikalisiert. Die Ausbildung nahe der IS-Hauptstadt Raqqa sei extrem hart gewesen, es habe kaum zu trinken und zu essen gegeben. „Wer zu spät zum Appell kam, wurde ausgepeitscht.“ S. wurde krank, litt unter Hepatitis C. Er sah mit an, wie ein verwundeter 16-Jähriger im Krankenhaus starb und war entsetzt: „Keiner hat sich um ihn gekümmert, seine Leiche haben sie weggeworfen wie ein Stück Müll.“

S. schied aus der Spezialeinheit aus. Vor seiner Flucht nach Deutschland habe er an einem Propagandavideo mitwirken müssen. In dem via Internet auf Deutsch verbreiteten Clip ist Harry S. im Tarnanzug als Träger der schwarzen IS-Fahne zu sehen. Der Film zeigt die Hinrichtung zweier Männer im syrischen Palmyra. Insgesamt, so der Angeklagte, seien für die Aufnahmen sieben Männer erschossen worden. Darunter jener Gefangener, der überhaupt kein Soldat der Assad-Armee gewesen sei. „Die haben ihm vorher einfach eine syrische Uniform angezogen.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 22.Jun.2016 | 15:53 Uhr

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