zur Navigation springen

Hamburg-Interview : Musiker Michy Reincke: „Das Internet zerstört jede Lebendigkeit“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Michy Reincke fuhr mit einem „Taxi nach Paris“ und begeisterte mit „Valerie, Valerie“. Im Interview erklärt er, warum das Internet die Talente der Menschen zerstört.

Hamburg | Frust? Nein, Michy Reincke treibt eher eine gehörige Portion Wut, wenn der Hamburger Pop-Poet in die deutsche Radiolandschaft hört – und meist vergeblich nach seinen eigenen Songs lauscht. „Wenn die zu Abspielstationen von irgendwelchen Top-Hits aus den USA werden und nur deutschsprachige Titel nach deren Verkaufszahlen senden: Warum beschäftigen die dann eigentlich noch Musikredakteure?“ Was den 57-Jährigen nicht davon abhält, dem Mainstream auf seinen Alben etwas andere Töne entgegenzusetzen – auch wenn Titel wie „Die Frau, in der die Welt verschwand“ oder „Ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen“ wohl kaum jemals in die Top Ten der Charts gelangen werden. Wir haben den Querdenker in seiner Barmbeker Altbauwohnung besucht und mit Reincke bei zwei Kannen grünem Tee über Qualität und Quantität in der Musik sinniert.

Bekommen Sie gelegentlich bitterböse Anrufe von Radiomoderatoren, die an den allzu langen Titeln Ihrer Songs verzweifeln?
Michy Reincke (lacht): Nein. Mir macht es natürlich Spaß, ungewöhnliche Sätze zu kreieren – und da vieles bereits auf viele schlichte Weisen gesagt ist, benötigt man manchmal ein paar mehr Worte, um das Ungewöhnliche und Neue einzufangen. Doch vermutlich stolpern die Leute vom Radio eher über Zeilen aus dem Song „Gib alles oder vergiss es“.

Warum?
Weil es da etwa heißt „Lass dir deine Lieder nicht von Marktforschern schreiben“. Für mich ist hier ein Gipfel der Absurdität erreicht, wenn mittlerweile Menschen für Umfragen zuhause angerufen und gefragt werden, ob sie bei einem Titel ab- oder einschalten würden und ihnen dann für 20 Sekunden ein Titel übers Telefon vorgespielt wird!

Vielleicht möchten viele Hörer auch einfach nur unterhalten werden – und die Sender ermitteln auf diese Weise, welche Musik besonders unterhaltsam ist…
…aber dann hört man doch auf, den Menschen etwas beizubringen, ihnen etwas Neues zu zeigen und an die Hand zu geben, sondern gibt ihnen schlicht, was sie wollen – absurd! Niemand ist mehr in der Lage zu vermitteln, was benötigt oder gebraucht wird: Das ist einfach das Dilemma, an dem unsere Popmusik-Kultur krankt.

Nun wird ganz sicher nicht jeder einen Michy-Reincke-Song als etwas betrachten, das benötigt oder gebraucht wird…
(lacht): Ich versuche zu unterhalten, aber ich versuche trotzdem auch unbequem zu sein. Denn für die meisten Menschen bedeutet das große Radio-Glück heute höchste Bequemlichkeit – und nicht mehr die Auseinandersetzung mit Dingen, die im Grunde der Kritik bedürften.

Woran denken Sie hier?
Nehmen Sie etwa das Internet: Ich habe noch nie eine solche Form der Abhängigkeit erlebt! Das Internet zerstört jede Form von Lebendigkeit und alle Talente, über die ein Mensch verfügt, weil er nur noch zum Homo monitoris wird, der ständig auf seinem Smartphone wischt und blättert und nicht mehr in der Lage ist, sich wirklich auszutauschen und über seine Talente nachzudenken.

Da wird Ihnen eine große Mehrheit der Gesellschaft widersprechen und das Internet ein großes Glück nennen…
… mögen mich da die Leute auslachen oder als Ewiggestrigen bezeichnen: Unsere Kultur hat auch in früheren Zeiten große Erfolge erreicht. Natürlich war früher nicht alles besser, aber bestimmte Dinge sind heute einfach schlechter – und da sehe ich meine Aufgabe als Künstler, nicht nur zu unterhalten, sondern diese Dinge kulturkritisch zu beleuchten.

 

Ein zweifellos lobenswerter Ansatz, allein: Möchten Sie mit Ihrer Musik nicht auch Erfolg haben?
Für mich bedeutet die Vokabel Erfolg etwas anderes als der Konsens, auf den man sich in unserem Gesellschaftssystem offenbar geeinigt hat – nämlich, dass selbst hochneurotische und inakzeptable Lebensformen, die einer Gesellschaft nicht gut tun, hofiert werden, solange diese Menschen nur möglichst populär, reich oder mächtig sind.

An welchen Erfolgs-Werten orientieren Sie sich lieber?
Mein Vater selbst ist zur See gefahren, doch erinnere ich mich sehr gut an zwei Onkel, die eben solche Werte vermitteln konnten. Der eine hat im Hafen gearbeitet, der andere war Klempner und sie haben es hinbekommen, sich mit ihren Familien ein Haus zu bauen, zusammenzuhalten und ein gutes Leben zu führen. Das mag banal und unspektakulär klingen, aber für mich ist das wesentlich echter als Menschen, die verzweifelt versuchen, die Mängel und Lücken in ihrem Leben mit dem Verzehr von Käfern im Urwald zu füllen.

Das klingt fast so, als wollten Sie sich nicht damit abfinden, dass Zeit und Gesellschaft sich verändert haben – und würden am liebsten die Uhr wieder zurückdrehen…
Ich bin da sicher kein Girolamo Savonarola…

…Sie sprechen von dem florentinischen Dominikaner, der Ende des 15. Jahrhunderts die Missstände in der katholischen Kirche anprangerte…
…weil die noch mehr Macht haben und mit dem Verkauf von Ablassbriefen das nötige Geld für prächtige Kirchenbauten eintreiben wollte. Und als Savonarola gegen diese Entwicklung predigte, wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt – dabei bemängelte er eben das, was 20, 30 Jahre später dann auch Martin Luther angegriffen hat…

…und das letztlich dann zur Spaltung der Kirche führte.
(lacht): Nun sehe ich mich nicht in der Nachfolge Luthers, aber ich möchte einfach auf Dinge hinweisen, die sich nicht zum Besseren entwickelt haben. Und wenn zum Beginn des 21. Jahrhunderts die angebliche große neue Freiheit des Internets dazu führt, dass alle sich „freiwillig“ zur Überwachung vernetzen oder Menschen in Abhängigkeiten von vermeintlich sozialen Plattformen geraten, die im Grunde nur Daten übermitteln, wie man Menschen in Abhängigkeiten bringt, dann sehe ich das nicht als Fortschritt.

…und setzen Ihre Musik als „eine Kerze in einem Bergwerk“ dagegen, wie Sie es selbst formulieren – das klingt nicht gerade sympathisch bescheiden.
Ich bin wirklich nicht unbescheiden und auch niemand, der sagt, er sei besser als andere. Aber die stringente Ignoranz, mit der man mich seit Jahrzehnten vor allem im Radio abstraft, zeugt vor allem von Ahnungslosigkeit. Wir haben 2004 die Lausch Lounge ins Leben gerufen…

…ein Podium, auf dem Sie in verschiedenen norddeutschen Städten Nachwuchskünstlern Auftrittsmöglichkeiten bieten…
…weil es unser aufrichtiges Anliegen ist, dass die Generation nach mir Foren für ihre Musik bekommt, um ein Publikum zu gewinnen, das echtes Interesse hat und nicht Musik so konsumiert wie Kaffee oder Alkohol. Und wenn ich mich dann dazu hinreißen lasse zu sagen, meine Musik sei eine Rose auf einem Misthaufen, dann ist das nicht nur arrogant, sondern auch amüsant und trifft den Kern.

Böse Zungen würden solch ein Selbstbild als den Neid des weniger Erfolgreichen bezeichnen.
Mir hat tatsächlich einmal jemand vom Radio gesagt: Du kennst doch unser Format, das kann doch nicht so schwer sein, genau so etwas herzustellen – nein, ist es auch nicht! Aber wenn es nicht das ist, was man machen möchte, warum sollte man es tun? Einzig und allein, um dann stattzufinden? Das halte ich nicht für glücklich.

Sie wollen Ihre Lieder also nicht von Betriebswirtschaftlern schreiben und von Anwälten produzieren lassen, wie Sie es einem Teil der Branche zynisch vorhalten.
Ich habe mal an solch einer Konferenz in einem Musikkonzern teilgenommen. Da schaute sich der Geschäftsführer die Charts an und auf seine Frage zu den Interpreten auf Platz 1 hieß es, das seien zwei russische Mädchen, die irgendetwas singen und sich dabei auf der Bühne küssen würden. Die Folge war, dass ein Produzententeam nach zwei Mädchen suchen sollte, die genauso sexy sein und auch ein bisschen Skandal machen sollten.

Musikalisch zweifellos eine Bankrotterklärung…
…denn nicht mehr die Sänger entscheiden über die Musik oder machen sie gar selbst, sondern ein Produzententeam, das einen jungen Mann oder eine junge Frau exakt nach den Vorgaben der Musikindustrie oder eines formatierten Radioprogramms sucht, um solche Musik zu lancieren. Und das nimmt immer weiter zu, wir sind schon beim Klon des Klons von der Kopie angelangt.

Irgendwann wird das Publikum doch aber genug haben.
Wer das denkt, muss nur auf den dauerhaften Erfolg der Casting-Shows schauen: Das Publikum wächst immer wieder nach – es gibt immer neue Zwölfjährige, für die es die größte Entdeckung ihres Lebens ist, dass sich da so smarte, junge Zeitgenossen in diesen Wettkampf begeben. Deshalb wird es diese Shows auch noch lange geben.

Und Sie werden weiterhin mit Ihren eigenen Songs dagegen halten?
Ich neide niemandem etwas, weil ich es lieber mir selbst gönnen würde. Aber ich möchte eben auch sagen können, dass Hitparaden-Erfolge wenig über die tatsächliche inhaltliche und formale Qualität aussagen. Ich brauche keine Hitparaden-Notierungen – selbst wenn ich morgen die Nummer Eins wäre, hätte dies keine Auswirkung auf meine eigene Einschätzung: Ich weiß auch so, wie gut das ist, was ich mache.

Michy Reincke ... persönlich
Taxi nach Paris
ein Lied, das vor 33 Jahren zu mir kam und mich seitdem begleitet: ein guter Freund.

Smartphones lassen Menschen nicht immer smart erscheinen. Ich benutze meins tatsächlich nur zum Telefonieren und für Notizen.

Barmbekmeine erste eigene Wohnung in der Nähe des Stadtparks.

In der Jugend ... hat man noch einen langen Weg vor sich, um jung zu werden.

Die Ehe isteine sehr gute Idee. Zwei Entscheidungen für einen Weg und die Liebe als Garten.

Grüner Tee ist mein Lieblingsgetränk – besonders japanischer Sencha.

Erfolg heißt für mich: die Einmaligkeit und Vielfalt des Lebens als Reichtum begreifen zu können und furchtlos zu sein

zur Startseite

von
erstellt am 18.Feb.2017 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen