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Steinkohlekraftwerk in Hamburg : Moorburg: Umstrittenes Kraftwerk geht offiziell an den Start

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Zehn Jahre Planungs- und Bauzeit, drei Milliarden Euro Kosten und jede Menge Ärger: Das Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg hat schon einiges hinter sich, bevor es am Donnerstag offiziell in den Regelbetrieb geht.

shz.de von
erstellt am 18.Nov.2015 | 19:10 Uhr

Hamburg | So umstritten wie das Steinkohlekraftwerk der Firma Vattenfall in Hamburg-Moorburg war bislang nie ein Kraftwerk auf Hamburger Territorium. Dennoch wird Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) am Donnerstag die Eröffnung des Koloss' an der Süderelbe persönlich vornehmen.

Mit einer elektrischen Leistung von 1650 Megawatt wird das Kraftwerk Hamburg-Moorburg eines der größten Steinkohlekraftwerke in Europa sein. Die Anlage kann 12,4 Terawattstunden Strom pro Jahr erzeugen – entsprechend fast 90 Prozent des Stromverbrauchs der Metropole. Angesichts des selbst verliehenen Titels der „Windhauptstadt Deutschlands“ passt der Riesen-Meiler nicht mehr ins Energiekonzept des rot-grünen Senats. Bei Volllast wird das KoKW jährlich 8,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) ausstoßen – was Hamburgs CO2-Emissionen um fast die Hälfte ansteigen lässt.

Selbst beim Betreiber Vattenfall heißt es inzwischen unumwunden: „Unter den jetzigen Umständen würde man ein solches Kohlekraftwerk nicht mehr bauen.“ Doch die Investitionsentscheidung fiel schon 2007, deutlich vor der Energiewende. Nun steht der Megameiler da in ganzer Wucht, also kommt er auch ans Netz. Streng genommen liefern die beiden Blöcke schon seit Monaten Strom, der offizielle Startschuss wird nun nachgeholt. Wobei: Mit dem reibungslosen Praxisbetrieb ist das so eine Sache. Die Serie technischer Pannen aus der Bauphase setzt sich fort. Aktuell ist ein Block wieder außer Betrieb, weil die Turbine zur Nachbesserung beim Hersteller liegt.

Seit Beginn des Jahres hat der ungeliebte Kraftprotz schon fünf Millionen Megawattstunden Strom ins Netz eingespeist. „Ohne Moorburg funktioniert Hamburg nicht“, sagt Pieter Wasmuth, Vattenfall-Chef für den Norden. Auf Anforderung des Netzbetreibers 50Hertz liefert die Anlage Energie, wann immer Wind- und Solarkraftwerke wetterbedingt nicht genug Strom für die Metropolregion hergeben. Das Kraftwerk sei damit in etwa zur Hälfte ausgelastet. Die erzeugte Strommenge ist so gewaltig, dass sie das Hamburger Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr um einen halben Prozentpunkt nach oben hievte.

Auch haben die Planer den Meiler an eine geänderte Verwendung angepasst. Weil die eingeplante Fernwärmetrasse in den Hamburger Westen politisch nicht durchsetzbar war, wurde die Stromproduktion flexibilisiert. Innerhalb einer Viertelstunde kann die Anlage die Leistung um 600 Megawatt hoch- oder runterfahren. „Die Flexibilität nutzt uns sehr bei der Wirtschaftlichkeit“, berichtet Wasmuth. Ist der Strom knapp und wird rasch gebraucht, dann ist er auch teuer. Trotz der Unterauslastung arbeitet das Kraftwerk daher laut dem Vattenfall-Chef in der Gewinnzone. Von den drei Milliarden Euro Baukosten hat der Energiekonzern allerdings eine Milliarde Euro abschreiben müssen.

Für Umweltschützer ist es ein trüber Tag. Ein Steinkohlekraftwerk sei „völlig unzeitgemäß und aus Klimaschutzsicht eine Steinzeittechnologie“, tadelt der Naturschutzbund Deutschland. Außer CO2 emittiere Moorburg auch große Mengen gesundheitsschädlichen Feinstaubs und giftiger Schwermetalle.

Fast vergessen, aber eben noch nicht ausgestanden, ist das letzte Kapitel im juristischen Streit um den Meiler am Elbstrom. Naturschützer klagen gegen Vattenfall und die Stadt, weil das Kraftwerk mit Flusswasser gekühlt wird, was große Mengen Fische das Leben koste. Obendrein hat die Europäische Union in der Sache die Bundesrepublik vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Es geht um die Frage, ob die alternative Kühlung in einem eigens gebauten Hybridturm sowie eine große Fischtreppe bei Geesthacht ausreichen, um die Elbfauna zu schützen.

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