zur Navigation springen

Hamburger Vattenfall-Kraftwerk : Moorburg: Netz-Stabilisator und CO2-Schleuder zugleich

vom

Das Kohlekraftwerk startet den Normalbetrieb. Es wirkt wie aus einer anderen Zeit, wird aber dennoch heute gebraucht.

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2015 | 11:05 Uhr

Hamburg | Für Karsten Schneiker, den Leiter des Kraftwerks Moorburg, geht eine lange Zeit der Vorbereitung zu Ende. Vor einem Jahr lieferte Moorburg das erste Mal Strom ins Netz. Die Monate seither verliefen mit Tests und Prüfungen, Schulungen der Mitarbeiter und Vertragsverhandlungen mit Zulieferern und Dienstleistern.

Es gab Rückschläge und Verzögerungen, aber auch Fortschritte und Erfolge. Am kommenden Wochenende soll es nun soweit sein: Moorburg nimmt den Normalbetrieb auf; die kommerzielle Stromerzeugung im ersten Block des Kraftwerks mit 827 Megawatt Leistung beginnt. Der zweite Block soll im Sommer folgen. Das Kraftwerk Moorburg war ein hoch umstrittenes Projekt in Hamburg.

Zunächst nur geplant als Ersatz für ein überaltertes Wärmekraftwerk in Wedel, wurde es auf Intervention des Senats unter Ole von Beust (CDU) größer gebaut und kann nun 1654 Megawatt Leistung bereitstellen. Die Grünen kamen zu spät in die Regierung, um das Kraftwerk noch zu verhindern, verhängten aber strengere Umweltauflagen und verteuerten so das Projekt. Auch eine Wärmeleitung zur Fernwärmeversorgung des Hamburger Westens scheiterte.

Rauch zieht aus einem Schornstein des Moorburger Kohlekraftwerks.
Rauch zieht aus einem Schornstein des Moorburger Kohlekraftwerks. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Der Knackpunkt der Kritiker: Moorburg wird mit Kohle betrieben und produziert bei voller Auslastung jährlich 8,5 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2. „Das sind 2,3 Millionen Tonnen weniger als ein Kohlekraftwerk älterer Bauart“, sagt Schneiker. Der Wirkungsgrad von Moorburg betrage 46,5 Prozent, gegenüber 38 Prozent im deutschen Durchschnitt. „Wir sind hoch effizient und holen aus einer Tonne Kohle 25 bis 30 Prozent mehr Strom heraus“, betont der Kraftwerksleiter. Das sei ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz.

Die Kritiker aus den Umweltverbänden meinen dagegen, eine „CO2-Schleuder“ wie Moorburg passe nicht mehr in die Zeit und sei angesichts des Ausbaus der erneuerbaren Energien schlicht überflüssig und unrentabel. Energiespeichern und dezentraler  Energieerzeugung gehöre die Zukunft, nicht Großkraftwerken.

Unter den heutigen gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen würde sich Vattenfall nicht mehr für eine Investition wie Moorburg entscheiden. Das sagt der Konzern selbst. Doch die Entscheidung fiel 2006. Nun muss sich das Kraftwerk unter anderen Regeln am deutschen Strommarkt behaupten. „Wir sind so etwas wie ein Busfahrer, der die Anforderungen des Netzbetreibers erfüllt“, sagt der Hamburger Vattenfall-Chef Pieter Wasmuth. Deshalb ist das Kraftwerk flexibel. Es kann binnen einer Viertelstunde seine Leistung in einem Ausmaß so weit hoch- oder herunterfahren, die 100 Windkraftanlagen entspricht.

Eine Turbine des Vattenfall-Kraftwerks in Hamburg-Moorburg.
Eine Turbine des Vattenfall-Kraftwerks in Hamburg-Moorburg. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Während Großkraftwerke wie Moorburg früher zur Grundlast-Versorgung mit 100 Prozent Leistung durchliefen, werden sie jetzt nur noch als Lückenfüller gebraucht - wenn Wind und Sonne nicht genug Energie liefern. Das aber ist in Hamburg fast immer der Fall. Vor allem drei industrielle Großverbraucher - die Kupferhütte Aurubis, das Aluminiumwerk von Trimet und die Stahlwerke von ArcelorMittal - sind auf eine kontinuierliche und sichere Versorgung mit großen Mengen Strom angewiesen. Sie verbrauchen jeweils so viel wie eine ganze Stadt; zusammen rund ein Drittel des Hamburger Stroms.

„Ohne Moorburg müsste Hamburg in einigen Jahren von den Windparks auf der Nordsee versorgt werden, aus Brandenburg oder aus anderen Regionen“, sagt Werksleiter Schneiker. Doch der Aufbau der Offshore-Windenergie wird noch viele Jahre dauern. Weil Moorburg das effektivste und damit kostengünstigste Kohlekraftwerk im Norden sei, liefere es auch als erstes Strom ins Netz, wenn die erneuerbaren Energien nicht reichen. Schneiker erwartet durchschnittlich 7500 Betriebsstunden pro Jahr für Moorburg, von 8760 möglichen. „Moorburg stabilisiert das Stromnetz“, sagt Wasmuth. Wenn das Kernkraftwerk Brokdorf 2021 vom Netz geht, ist Moorburg das einzige Kraftwerk dieser Größenordnung im Norden.

Der Leitstand des Vattenfall-Kraftwerks in Hamburg-Mooburg.
Der Leitstand des Vattenfall-Kraftwerks in Hamburg-Mooburg. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Der Betrieb des Kraftwerks werde rentabel sein, sagt Vattenfall. Was das genau heißt, ist unklar. „Die Erlöse aus dem Stromverkauf sind höher als die Kosten der Stromerzeugung“, sagt Wasmuth. Das gilt aber nur für den laufenden Betrieb. Die künftigen Strommengen und Strompreise sind kaum vorhersehbar. Gekostet hat Moorburg rund drei Milliarden Euro; nach Wertberichtigungen und Sonderabschreibungen steht es heute noch mit zwei Milliarden Euro in der Bilanz. Ob Moorburg die Investitionskosten während seiner Laufzeit wieder verdienen kann, steht in den Sternen.

Das Kraftwerk Moorburg - Zahlen und Fakten:

Das Kraftwerk Moorburg im Süden Hamburgs besteht aus zwei Kraftwerksblöcken mit jeweils 827 Megawatt Leistung. Damit kann es technisch elf Terawattstunden Strom im Jahr erzeugen, das sind elf Milliarden Kilowattstunden. Das entspricht fast dem Stromverbrauch Hamburgs. Zur Stromerzeugung verbraucht das Kraftwerk bis zu 480 Tonnen Kohle pro Stunde, das wären bei voller Last 4,2 Millionen Tonnen pro Jahr. Die tatsächlichen Produktionswerte werden um etwa ein Drittel niedriger liegen. Jede Woche legt ein hochseetaugliches Kohleschiff am Kraftwerk an und bringt 60.000 Tonnen Kohle, bislang aus den USA und Russland, demnächst auch aus Südafrika.

Der Betreiber Vattenfall hat rund drei Milliarden Euro in das Kraftwerk investiert. Der Bau hat sich unter anderem durch verschärfte Umweltanforderungen, nachträgliche Bauauflagen sowie Materialprobleme bei Zulieferungen verzögert und verteuert.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen