Anschläge vom 11. September : Mohammed Atta: Vom Erbauer zum Zerstörer

Mohammed Atta, wie die Welt ihn nach den Anschlägen vom 11. September kennenlernte.
Mohammed Atta, wie die Welt ihn nach den Anschlägen vom 11. September kennenlernte.

Sinneswandel: Der Todespilot des 11. September, Mohammed Atta, schrieb in Hamburg einst seine Diplomarbeit. Sie zeigt den Terroristen als einen Humanisten.

shz.de von
15. Juni 2014, 11:51 Uhr

Hamburg | Einen „Giftschrank“ stellt man sich anders vor. Keinen altmodischen Schreibtisch mit grüner Abdeckung und ausziehbaren Fächern an beiden Seiten. Schon zwölf Jahre lang bewahrt Dittmar Machule, Prof. Dr. Ing. an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, in seinem unscheinbaren Möbelstück eine 152-seitige Diplomarbeit auf, die er 1999 mit der Note 1,7, also beinahe „sehr gut“ beurteilt hatte, und deren Inhalt erst jetzt der Öffentlichkeit bekannt wurde. Der Titel der Arbeit lautet: „Die Sanierung arabischer Stadtteile am Beispiel von Aleppo“, und Verfasser ist Mohammed Atta, der am 11. September 2001 ein Flugzeug gegen den Nordturm des World Trade Center in New York prallen ließ. Fast 3000 Menschen verloren bei dem Anschlag ihr Leben.

Die Ermittlungsbehörden haben die Diplomarbeit in allen Details ausgewertet. Sie hofften Spuren auf das Attentat zu finden. Aber sie suchten vergeblich. Nichts deutet in der Arbeit darauf hin, dass der Verfasser schon damals den größten Terroranschlag der Geschichte plante. „Atta war ein Mensch von uns“, schildert Prof. Machule seinen damaligen Studenten. Auch für ihn ist es unerklärlich, wie jemand, der sich in einer wissenschaftlichen Arbeit für ein menschenwürdiges Leben einsetzt und dann das schlimmste Verbrechen der jüngsten Geschichte begeht. Er habe Atta als Humanisten gekannt, gesteht er.

„Die andere Seite der Bestie“ nannte die Panorama-Redaktion der ARD ihren Beitrag über die Diplomarbeit, die Atta als Student für Stadtplanung schrieb. In der Beurteilung von Professor Machule heißt es unter dem Datum vom 25. April 1999, der Verfasser weise sich als „konstruktiv-kritischer, tief nachdenklicher Stadtplaner“ aus, und zu diesem Urteil steht der inzwischen emeritierte Hochschullehrer auch heute noch uneingeschränkt. Den Verdacht, dass Atta, der nach Beginn seines Architektur-Studiums in Kairo von 1992 bis 2000 in Hamburg lebte, seine Diplomarbeit schrieb, um seine Terrorpläne zu vertuschen, schließt Prof. Machule kategorisch aus. „Es ist eine ernsthafte, ehrliche Arbeit“, versichert er.

Und das bestätigen die bisher auszugsweise bekannt gewordenen Passagen der Arbeit. Die Grundlagen hat sich Atta zum einen in seiner Geburtsstadt Kairo verschafft, vor allem aber in der Altstadt der historischen syrischen Handelsmetropole Aleppo, die im derzeit wütenden Krieg fast dem Erdboden gleichgemacht worden ist.

Was für eine Ironie des Wahnsinns: Während sich Atta, der Architekt, für den Erhalt des urbanen Lebensraumes einsetzt, zerstörte der Terrorist gleichen Namens eben diese städtische Wohngemeinschaft. Aus einem theoretischen Städtebauer wurde in der Praxis somit ein Stadtzerstörer.

In seiner Diplomarbeit bleibt dieser eklatante Widerspruch allerdings unerwähnt. Dort fordert Atta die Sanierung von Altstadt-Vierteln, prangert die Bausünden der ehemaligen Kolonialmächte an, nennt an erster Stelle Frankreich, das noch Mitte des 20. Jahrhunderts damit begann, Teile des historischen Zentrums von Aleppo abzureißen, um Platz für eine Autobahntrasse zu schaffen. Attas Kritik richtet sich jedoch nicht nur gegen fremden städtebaulichen und architektonischen Einfluss, sondern auch gegen das Verhalten der einheimischen Bevölkerung.

So bemängelte er beispielsweise, dass immer mehr wohlhabende Stadtbewohner ihre alten Häuser mit den traditionellen Innenhöfen aufgeben und in moderne Villen, möglichst am Stadtrand gelegen, umziehen. Die auf den frei gewordenen Flächen errichteten Hochhäuser haben nach Ansicht von Atta zu einem Eingriff in das Privatleben der ärmeren, in den umliegenden Häusern der Altstadt lebenden Menschen geführt. Etwa dadurch, dass man aus den Wohnungen der oberen Stockwerke in die Innenhöfe blicken kann. Einer seiner Vorschläge lautet: Fenster, die Einblick in die historischen Höfe ermöglichen, sollten nachträglich zugemauert werden. Langfristig sollten die in seiner Arbeit auf Lageskizzen gekennzeichneten Hochhäuser sogar abgerissen werden.

Dieser Hass auf Hochhäuser wird nun im Nachhinein als ein mögliches Motiv für den Anschlag auf das World Trade Center gedeutet. Hinzu kommt allerdings der sich beim späteren Terroristen schon in seinen Vorstellungen zur Stadtplanung andeutende Konflikt zwischen der islamischen und der westlichen Lebenswelt. Die Experten weisen jedoch darauf hin, dass der Schutz der Privatsphäre in den Städten des Orients keine Erfindung der radikalen Islamisten ist, sondern bereits seit Jahrhunderten beim Bau von Häusern in den Altstädten üblich war.

In seiner Arbeit befasst sich Atta aber nicht nur mit dem Thema Städtebau, sondern lässt deutlich erkennen, dass er den islamischen Konservatismus unterstützt. So spricht er sich beispielsweise dafür aus, dass die Frauen das Haus möglichst nicht verlassen sollten. Die Rolle des Staates sollte zurückgedrängt werden und die Bürger ihr Leben eigenständig regeln.

So wirklichkeitsfremd diese Vorschläge auch sind, sie zeigen immerhin, dass Atta etwas aufbauen wollte, nicht nur städteplanerisch gesehen, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Doch dann begann in Hamburg sein Abdriften in die Radikalisierung, plötzlich wollte er nicht mehr errichten, sondern nur noch zerstören, sogar sich selbst.

Auch Prof. Dittmar Machule, der sich lange geweigert hatte, die Diplomarbeit zu analysieren, hat keine Erklärung für den Wandel eines eifrigen Studenten in einen furchtbaren Terroristen.

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