Plünderungen, Körperverletzung, Brandstiftung : Mit diesen Fotos und Videos fahndet die Polizei nach den G20-Gewalttätern

Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels in Hamburg. /Archiv
Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels in Hamburg. /Archiv

Nach den G20-Krawallen liegen der Polizei riesige Datenmengen an Bildmaterial vor. Ein Teil davon ist jetzt öffentlich einsehbar.

von
19. Dezember 2017, 06:49 Uhr

Hamburg | Es ist die größte Fahndungsaktion dieser Art in der Geschichte der Hamburger Sicherheitskräfte: Seit Montag suchen Polizei und Staatsanwaltschaft im Internet auf www.polizei.hamburg mit Fotos nach 104 mutmaßlichen Beteiligten an den G20-Ausschreitungen. Die bisher nicht identifizierten Personen waren während der Krawalle Anfang Juli ins Visier der Ermittler geraten. Jedem der Gesuchten sei eine konkrete Straftat zugeordnet, sagte Oberstaatsanwalt Michael Elsner, die Tatvorwürfe lauteten vor allem auf gefährliche Körperverletzung, schweren Landfriedensbruch und Brandstiftung. Richter haben die Veröffentlichung genehmigt.

 

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte bei der Präsentation der auch deutschlandweit ungewöhnlichen Massenfahndung: „Es ist wichtig, die Täter schwerer Gewalttaten zur Verantwortung zu ziehen. Dazu bitte ich die Bevölkerung um Mithilfe.“ Hinweise können telefonisch sowie über die Internetseite der Polizei Hamburg gegeben werden – auch anonym. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass Verdächtige erkannt werden, ist in vielen Fällen gut bis hervorragend. Einige der Fotos sind gestochen scharf, manche mit „Passbildqualität“, wie Polizeisprecher Timo Zill urteilte. So ist ein junger Mann zu sehen, wie in einem geplünderten Supermarkt Überwachungskamera außer Gefecht setzt – und dabei mit seinem Gesicht dem Objektiv ganz nahe kommt. Zill süffisant: „Er hat sich viel Mühe gegeben – wir aber auch.“

Unter den Aufnahmen sind auch etliche undeutliche. In Fällen, wo das Gesicht kaum erkennbar ist, lassen Merkmale wie Statur, Frisur, Tätowierungen, Kleidung oder Kopfbedeckung dennoch Rückschlüsse auf die Person zu.

Überwiegend handelt es sich bei den 104 Gezeigten um jüngere Männer, aber auch zehn Frauen sind abgebildet. Die Polizei hat die Verdächtigen fünf Komplexen der G20-Ausschreitungen zugeordnet und illustriert auf der Internetseite in entsprechenden Videofilmen nochmals einige der schlimmsten Gewaltszenen. Etwa wie marodierende Links-Autonome an der Elbchaussee Dutzende Autos anzünden, wie dieselbe Gruppe später Ikea in Altona angreift und wie Vermummte in der Innenstadt mit Fahnenstöcken auf Polizisten eindreschen. Zu erkennen ist auch, wie ein Pflasterstein bei der „Welcome to Hell“-Demonstration am Fischmarkt eine junge Polizistin am Helm trifft und umwirft; sie wurde leicht verletzt.

Die Fahndungsbilder stammen aus Videoaufzeichnungen unterschiedlicher Herkunft. Außer Aufnahmen aus Polizei- sowie Überwachungskameras sind auch Handyfilme darunter, die Augenzeugen zur Verfügung gestellt haben. Laut Zill hat die Soko „Schwarzer Block“ einen Berg von rund 25.000 Fotos und Filmen auszuwerten, die Datenmenge liege bei mehr als zehn Terabyte.

Die Links-Fraktion in der Bürgerschaft hat die Fahndung als „Stimmungsmache“ scharf kritisiert. Die Veröffentlichung der Bilder sei „stigmatisierend und kriminalisierend“, sagte Linken-Innenexpertin Christiane Schneider. „Ich frage mich, wie ein solches Vorgehen durch ein Gericht abgesegnet werden konnte.“

Berliner Linksautonome reagierten auf ihre Weise auf die Fotofahndung und veröffentlichten Bilder von Berliner Polizisten im Internet. Polizeigewerkschaften reagierten entsetzt und sprachen von einer Gefahr durch „linksextremistische Terroristen“.

Auch auf ihren Social-Media-Kanälen fahndet die Polizei:

KOMMENTAR

Ausgleich für den Kontrollverlust

von Markus Lorenz

Mit der Massen-Fotofahndung nach G20-Chaoten senden Hamburgs Strafverfolger ein doppeltes Signal fast schon grimmiger Entschlossenheit. Adressaten sind zuerst die Täter selbst, denen die Ermittler zu verstehen geben: „Wir kriegen euch, und schöpfen dafür alle unsere Mittel aus, rechtsstaatlich wie technisch.“ Kein Flaschenwerfer, Plünderer oder Brandstifter soll hoffen, im anonymen Gipfelchaos unerkannt zu bleiben. Bei den Fahndern, so ist festzustellen, macht sich trotz der Mühsal der Ermittlungen auch fünf Monate nach dem Gipfel eben keine Gleichgültigkeit breit.

Mindestens eben so sehr zielt die beispiellose Verbreitung der Gesichter von fast 100 Verdächtigen aber auf eine verunsicherte Öffentlichkeit. Der Staat, der während der schlimmen Juli-Tage von Hamburg stundenweise die Kontrolle verloren und das Schanzenviertel einem enthemmten Mob überlassen hatte, will zeigen: Wir tun das Mögliche, um Schuldige dingfest zu machen und einer gerechten Strafe zuzuführen. Und genau das sind sie den Bürgern auch schuldig. Schlimm genug, dass viele G20-Krawallmacher auf Nimmerwiedersehen untergetaucht sind. Diejenigen aber, die bei Straftaten gefilmt wurden, müssen nun damit leben, an jeder Straßenecke erkannt werden zu können. Für die Menschen in dieser Stadt ist das eine gute Botschaft.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen