Hamburger Fernsehmoderator : Michel Abdollahi über Politik, Nazi-Hipster und die Malerei mit MS Paint

Michel Abdollahi lebte einen Monat im Ort Jamel, der von zahlreichen Rechtsextremen geprägt wird – für seine Reportage über diese Erfahrung erhielt er den Deutschen Fernsehpreis.
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Michel Abdollahi lebte einen Monat im Ort Jamel, der von zahlreichen Rechtsextremen geprägt wird – für seine Reportage über diese Erfahrung erhielt er den Deutschen Fernsehpreis.

Der Moderator und Journalist persischer Abstammung spricht im Interview über das Anderssein und über die Politik in Deutschland.

shz.de von
21. Januar 2017, 10:00 Uhr

Hamburg | Michel Abdollahi ist anders. Doch es ist nicht seine persische Abstammung, die ihn anders macht, wie er es sich immer anhören muss, so auch im sogenannten Nazidorf Jameln, wo er für den NDR einen Monat im Selbstversuch lebte. Es ist vielmehr seine Art: er hört Menschen zu, die ihn nicht akzeptieren, nur weil er in Teheran geboren ist und trotzdem in Hamburg lebt. Der Ausländer zeigt dem Nazi Respekt? Mit dieser Höflichkeit können viele nicht umgehen. Das gibt seinen Beiträgen über Fremdenhass eine Komik, wie es nur wenige schaffen. In dieser Woche wurde bekannt, dass der Moderator für den diesjährigen Grimme-Preis nominiert ist.

Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?
Es fiel mir immer schwer, einen Begriff dafür zu finden. Im Fernsehen bin ich Journalist. Auf der Bühne bin ich so was wie der Moderator. Irgendwann haben mich Kollegen Conférencier genannt. Es ist genau das, was ich mache. Ich führe durch Veranstaltungen, bringe Anekdoten, bin unterhaltsam und spreche aber auch ernsthafte Themen an. Ich fasse das alles zusammen als Künstler. Bei Kollegen steht bei Wikipedia oft eine ganze Liste mit Begriffen.

Apropos Wikipedia. Da steht auch, dass Sie Maler sind. Mit Microsoft Paint.
Ich male wirklich. Das war erst als Persiflage gedacht. Wir haben sogar mal Bilder für gute Zwecke versteigert. Für richtige Malerei braucht man ein Atelier. Das ist viel Rumgeklacksterei. Deshalb kam ich auf Paint.

Aber mit Paint zu malen- das ist doch Ihre Art von Humor?
Ja. Aber es gibt wahnsinnig gute Bilder mit Paint. Wenn man das Talent hat, kann man auch mit Paint malen. Aber klar haben wir es auf die Schippe genommen. Aber ab da war ich Maler. Wie das halt so ist. Und Maler finde ich gut.

Sie sind auch Gründer, haben mit Ihrem Kollegen Jan-Oliver Lange zusammen eine Plattform für Poetry Slam gestartet, den „Kampf der Künste“.
Am Anfang waren unsere Slams Indie-Rock, eine Musikrichtung, die nur Freaks gehört haben. Heute sind wir Schlager. Wir sind massenkompatibel, alle kommen gerne zu uns und alle finden es toll. Künstler tragen vor, was sie schreiben. Tiefgreifend oder nicht. Wir sind aber keine reine Unterhaltungsveranstaltung, sondern eine politische Veranstaltung.

Michel Abdollahi ist Conférencier, Fernsehmoderator und Journalist iranischer Herkunft aus Hamburg. Seit 2000 ist er in der deutsprachigen und europäischen Poetry-Slam-Szene aktiv. Er gründete gemeinsam mit seinem Schulfreund Jan-Oliver Lange die Veranstaltungsreihe „Kampf der Künste“, die zur weltweit größten Slamreihe zählt. Im NDR Fernsehen ist er regelmäßig als Sonderreporter unterwegs.

Wie politisch sind Sie?
Sehr politisch. Das ist mir wichtig. Ich habe zu vielen Dingen eine klare politische Meinung, die ich auf der Bühne, also live, als auch im Fernsehen oder in sozialen Netzwerken teile. Es gibt heute viele Möglichkeiten sich zu äußern. Lasst uns darüber diskutieren, was richtig oder falsch ist oder was wir verbessern können.

Sie haben den Deutschen Fernsehpreis für einen Panoramabeitrag bekommen, bei dem Sie für einen Monat in ein sogenanntes Nazidorf gezogen sind. Was haben Sie aus dem Dorf mitgenommen?
Es gibt diese Leute in Deutschland und sie sind aus ganz verschiedenen Gründen Nazis geworden. In Ostdeutschland hatte ich das Gefühl, dass die Menschen, insbesondere von uns aus dem Westen, ein wenig vergessen und abgehängt wurden. Es ist so eine Unmut in der Bevölkerung, die nicht sein muss. Wenn wir die Zeit zur Wiedervereinigung zurückdrehen könnten, dann müssten wir dort anders eingreifen, als mit einem Solidaritätszuschlag. Es ist ja nicht nur das Dorf, das ist nur exemplarisch dafür. Wir waren auch viel im Umland. Die Zeit dort hat mir gezeigt, dass es viele Menschen in unserem Land gibt, die gegen das sind, was ich so toll finde: unsere Verfassung und unsere Freiheit. So etwas erfährt man erst, wenn man dort als einziger Ausländer in den Supermarkt geht und angeschaut wird. Sie haben nie gedacht, dass ich zu meiner Stadt Hamburg stehe, dass ich meine Steuern zahle, und abends mal mein Feierabendbier trinke. Die haben diese Einstellung. Sie sind ein bisschen wie die Islamisten: sie sind genauso radikal.

Wie schwer ist es gegen Vorurteile mit Vorurteilen anzugehen?
Es ist etwas anderes, wenn man gegen Menschlichkeit ist, sich gegen Rasse, Religion oder sexuelle Orientierung wendet, als wenn man „die Nazis“ sagt.

Wie schaffen Sie es, immer ruhig zu bleiben?
Von einem Ausländer erwartet man, dass er laut ist, dass er mit seinen vier Frauen kommt und ein Schaf schächtet. Wenn man den Leuten das Klischee wegnimmt, und fließend Deutsch mit ihnen spricht, dann sind sie schon irritiert. Ich komme auch hierher, bin auch in Hamburg groß geworden. Im Nazidorf fragte man mich, wie Hamburg denn meine Heimat sein könnte, wenn ich gar nicht wie ein Hamburger aussehe. Da muss man dann ruhig bleiben. So hart es ist, vielleicht muss man das am Ende auch akzeptieren, dass jemand diese Meinung hat. Wir müssen aufhören, unsere Denke anderen Menschen zu verkaufen.

Aber platzt Ihnen nicht manchmal der Kragen?
Ich kenne das nicht anders. Schon als ich als Fünfjähriger nach Hamburg kam, fiel den anderen auf, dass ich anders bin. Das kann man als Kind überhaupt nicht nachvollziehen. Als Pubertierender dann ist eh schon alles durcheinander und dann kommt das noch dazu. Das darf man bei der Betrachtung der jungen Flüchtlinge, die zu uns kommen, nicht vergessen. Die sind nicht nur geflohen, die sind nicht nur traumatisiert, sie sind auch in einem ganz normalen pubertierenden Zustand. Wie waren wir denn mit 16? Ich bin mittlerweile 35 und es ist mir egal. Mit Ruhe und Höflichkeit kommt man zum Ziel. Höflichkeit ist eine schöne Waffe. Bei Menschen, die so weit rechts sind, wie im Nazidorf, da bringt reden nichts. Die suchen immer das extreme. Die werden immer dagegen sein. Wir müssen die einfangen, die nach Hilfe schreien und sich gerne verändern würden.

Hilft es Ihnen bei Ihrer Arbeit zwei Wurzeln zu haben?
Ja. Je mehr man hat, je mehr man gesehen hat, je mehr Sprachen man kann, desto besser kommt man im Leben zurecht und versteht andere Dinge. Es gibt nicht nur eine Meinung, die richtig ist.

Fremdenfeindlichkeit ist ein sehr ernstes Thema, Sie gehen das sehr humorvoll an.
Ich stelle mich nicht gern auf den Jungfernstieg mit einem Schild und sage „Ich bin Moslem: was wollen Sie wissen?“ Die Leute führen dazu, das es witzig wird.

 

Weil Sie sie vorführen?
Einige Satiremagazine verarschen die Menschen bewusst. Das was ich mache, soll gar nicht zwangsläufig witzig sein. Ich sage gar nichts. Ich warte und lasse sie reden. Oftmals reden sie sich dann um Kopf und Kragen. Dann wird es witzig. Wir sind aber fair und führen nicht vor. Wir möchten den Menschen zeigen, was draußen passiert. Unterhaltung schließt nicht aus, dass man auch etwas lernt.

Ihr Beitrag über sogenannte Nipster (Nazi-Hipster) ist der bis heute meistgeteilte Magazinbeitrag des NDR. War der so ernst gemeint?
Auch da sind wir sehr sachlich vorgegangen. Ich wollte von den Menschen wissen, was ein Nipster ist. Ich kannte den Begriff vorher nicht. Dass die dann wirklich alle so schräg aussahen, da konnte ich nichts für. Wenn mich ein kleiner Zwerg fragt, ob ich von Al-Jazira bin, da bleibe ich ernst. Aber ich reagiere. Man darf reagieren. Momentan haben alle Angst, etwas zu sagen, was falsch ist. In Talkshows hört man momentan nur Floskeln. Keiner sagt seine Meinung. Alle haben Angst zu verlieren. Donald Trump schreit seine Meinung Tag und Nacht raus. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn wir nicht so viel Angst hätten unsere Meinung zu sagen. Auch in der Politik muss Tacheles gesprochen werden.

Wie zufrieden sind Sie mit der Politik in Deutschland?
Ich bin sehr froh, dass wir die große Koalition in dieser schwierigen Zeit hatten, als die Flüchtlinge kamen, weil so die Möglichkeit aufeinander einzuhauen nicht so groß war. Die beiden Volksparteien mit der Mehrheit des Volkes haben gemeinsam entschieden. Ich finde, dass die Bundeskanzlerin einen ganz hervorragenden Job macht. Ihr wird sehr viel Unrecht getan. Sie ist eine ganz wundervolle, großartige Person. Ich bin ganz froh, dass sie das Land reagiert hat. Ich habe Vertrauen in unsere Politik. Ich lebe im richtigen Land, und am richtigen Ort und da möchte ich mich engagieren.

Politisch?
Ich habe jahrelang in der Senatskanzlei unter Ole von Beust gearbeitet. Ich war jung, engagiert und wollte etwas verändern, aber das wurde nicht erkannt. 20 Jahre Plakate kleben, sich die Sporen verdienen und dann Politik machen, das war die Antwort, das entmutigt. Anstatt die Vorzüge eines jungen Migranten zu erkennen, setze man bewusst auf „Tradition“, da war kein Platz für Seiteneinsteiger, obwohl man genau die so bitter nötig gehabt hat, bis heute. Als Jugendlicher wäre die Identität mit der Politik sicher eine andere wenn da auch Menschen gewesen wären, die so aussahen wie ich, egal ob in der Politik oder bei der Polizei. Letztere hat es mittlerweile erkannt, in der Politik muss man aber nach wie vor Plakate kleben. Es würde helfen, wenn mehr Migranten auf die politische Bühne kämen. Ich bin überzeugt, einige würden sogar mit der AfD sympathisieren, das könnte die Rechten entwaffnen. Natürlich würde ich mich gerne mehr politisch engagieren. Aber ohne gefragt zu werden, sehe ich keine Möglichkeit in den Apparat hineinzufinden. Dabei ist es Zeit für hochrangige Politiker mit Migrationshintergrund.

Michel Abdollahi persönlich...
Typisch deutsch an mir ist… dass ich mich im Ausland deutsch fühle.

Typisch persisch an mir ist… dass ich ohne die persische Küche nicht leben könnte.

Meine Hautfarbe… ist zart und gesund.

Merkel macht… ziemlich viel gut.

Hamburg ist… meine ganz große Liebe.

Ich habe Angst vor… mittlerweile gar nichts. Vieles ist unschön, aber wirklich Angst haben gerade beispielsweise die Menschen in Syrien.

HSV oder St. Pauli? Werder.

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