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Ex-Tennisprofi im Interview : Michael Stich: „Ich habe es gehasst zu verlieren. Definitiv“

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Aus der Onlineredaktion

Michael Stich über seinen Wimbledon-Sieg vor 25 Jahren, seine Jugend in Elmshorn und die Abrisspläne des Stadions am Rothenbaum in Hamburg.

Hamburg | Michael Stich gewann als Tennisprofi insgesamt 18 Turniere im Einzel, darunter das Turnier von Wimbledon und die ATP-Weltmeisterschaft sowie zehn Doppeltitel. 1968 in Pinneberg geboren, wuchs er in Elmshorn auf. Seit Anfang 2009 ist Stich Direktor des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum, 1994 gründete er die nach ihm benannte Stiftung, die sich für HIV-infizierte Kinder einsetzt. Für seine ehrenamtliche Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im sh:z-Interview spricht er über Boris Becker, seinen Ehrgeiz und ein neues Hobby.

Sie haben vor 25 Jahren, am 7. Juli 1991, Wimbledon im Finale gegen Boris Becker gewonnen. Wie erinnern Sie diesen Moment? Sind da noch große Gefühle?

Michael Stich: Nein, das sind keine großen Gefühle mehr. Dafür ist es zu lange her. Mir gelingt es nicht, Gefühle abzuspeichern und dann per Knopfdruck wieder zu aktivieren. Aber wenn ich heute Bilder oder Filme darüber sehe, dann denke ich: Das war ein schöner Moment.

War das Wimbledon-Finale das beste Spiel ihrer Karriere gegen Boris Becker?

Nein, es war ein sehr gutes Spiel, aber ich würde es nicht ein perfektes Match nennen. Das lag aber auch daran, dass Boris nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Das Finale gegen Pete Sampras bei der ATP-Weltmeisterschaft 1993 in Frankfurt und das Achtelfinale gegen Thomas Muster bei den French Open 1996 waren die einzigen beiden Matches, die ich als nahezu perfekt bezeichnen würde.

Was hat Sie im Konkurrenzkampf mit Boris Becker am stärksten verletzt?

Nichts. Wir haben uns von den Medien dazu drängen lassen, dieses Spiel zu spielen, auch weil wir beide unerfahren waren. Wir waren Konkurrenten, da gibt es kleine Spielchen. Das gehörte dazu. Aber der Respekt vor der Leistung des anderen war immer da. Heute sicherlich noch mehr, weil wir unsere Situation von damals heute mit Abstand und Lebenserfahrung betrachten können.

Sie haben 1994 mit 25 Jahren die nach Ihnen benannte Stiftung gegründet, die sich um HIV-infizierte und an Aids erkrankte Kinder kümmert. Hat man mit 25 nicht andere Dinge im Kopf?

Ich hatte Tennis im Kopf, aber mir war auch immer bewusst, dass der Sport irgendwann vorbei sein würde und zwar eher mit 30 als mit 60. Profisportler verdienen zwar gutes Geld, aber sie haben in der Regel keine Ausbildung oder Studium. Ich wollte mich früh auf das Leben danach vorbereiten, mir etwas suchen, mit dem ich mich beschäftigen kann, wenn die Karriere vorbei ist. Und ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben. So ist meine Stiftung entstanden.

Welche Eigenschaften braucht man, um im Profitennis oder Profisport generell erfolgreich zu sein?

Man muss ein gewisses Talent haben. Das haben, glaube ich, viel mehr Kinder, als man denkt, aber nur wenige bekommen die Chance, es zu entwickeln. Man muss sehr ehrgeizig sein und man muss es hassen zu verlieren. Wenn man sich mit Niederlagen anfreunden kann, kommt man irgendwann nicht mehr weiter. Man muss diesen Drive haben und sagen: ich will das. Und dann muss man es durchziehen. Aber es gibt keine Garantie für Erfolg, egal in welcher Sportart.

Welche Ihrer Eigenschaft hat es Ihnen schwer gemacht?

Ich habe es gehasst zu verlieren, das war definitiv so. Wenn ich noch mehr Zeit auf‘s Tennis verwendet hätte, hätte ich möglicherweise noch das eine oder andere Grand Slam-Turnier mehr gewinnen können. Aber dann wäre ich heute sicherlich nicht der Mensch, der ich bin. Und mit dem Menschen, der ich heute bin, bin ich sehr zufrieden. Wer weiß, wie ich mich entwickelt hätte, wenn ich mich ausschließlich und in jeder Sekunde des Tages auf Tennis fokussiert hätte. Stattdessen habe ich sehr früh angefangen, mich für Kunst zu interessieren und Bücher zu lesen. Und ich habe mich mit den Kulturen der Länder beschäftigt, in denen ich gespielt habe. Das ist nicht besser oder schlechter, sondern eine Frage der Persönlichkeit.

Wie wichtig ist die mentale Stärke neben dem körperlichen Training für den Erfolg?

Die körperliche Fitness ist die Basis von allem. Aber schon ein kleiner Zweifel trägt sehr schnell dazu bei, dass man seine beste Leistung nicht abrufen kann. Diesen Zweifel zu überwinden, ist am Ende die schwerste mentale Hürde.

Sie haben den Ruf, ein  harter Verhandlungspartner zu sein?

Ich habe eine klare Meinung und die artikuliere ich. Das ist heute vielleicht nicht mehr Gang und Gäbe. Es geht nicht darum, hart zu sein, sondern für seine Prinzipien einzustehen. Mit der heutigen Lebenserfahrung stelle ich fest, dass ich in der Vergangenheit aus reiner Höflichkeit viel Zeit mit Dingen vergeudet habe, die ich nicht wollte. Das habe ich mir abgewöhnt.

Was halten Sie von den Abrissplänen des Rothenbaum Tennisstadions?

Ach, das Stadion soll schon seit fünf Jahren abgerissen werden, da gibt es viele Ideen und Pläne. Inwieweit die sich umsetzen lassen, wird man sehen. Wir als Mieter möchten den Vertrag definitiv über 2018 hinaus verlängern. Ich glaube, dass wir das Turnier in den letzten acht Jahren wieder zu etwas Tollem gemacht haben. Ich hätte Spaß daran, die Tradition fortzuführen und für die Zukunft zu sichern.

Was heißt das konkret?

Ich kann zu der Umsetzbarkeit nichts sagen. Das Grundkonzept finde ich gut und dass eine solche Anlage mitten in der Stadt noch besteht, ist etwas Besonderes. Das sollte man erhalten. Es gibt viele Hürden, aber wenn man ein Stadion moderner und zeitgemäßer machen und sich weiter entwickeln kann, warum nicht.

Spricht der Club an der Alster nicht  mit Ihnen als Turnierdirektor über solche Fragen?

Ich könnte sicherlich inhaltlich etwas beisteuern, insofern könnte es nicht schaden, mich zu befragen. Aber das müssen die beteiligten Parteien für sich entscheiden.

Sie haben ein paar Semester Kunstgeschichte studiert und malen selbst. Was bedeutet Ihnen Kunst?

Kunst ist mein Hobby. Wie sich Menschen ausdrücken, wie sie der eigenen Emotion eine Form geben, das hat mich immer schon fasziniert.

Welche Kunst mögen Sie?

Ich mag vor allem  zeitgenössische Kunst ist. Hier gehen die Geschmäcker meiner Frau und mir allerdings auseinander.

Wie sehr hat Sie das Olympia-Nein geschmerzt?

Geschmerzt hat es mich nicht, es ist mehr ein völliges Unverständnis darüber, warum man eine solche Vision nicht leben will. Meines Erachtens hätte man keine Volksabstimmung machen sollen. Politiker sind die gewählten Volksvertreter, nur bei solchen Entscheidungen sollen sie es nicht sein. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Wir haben es im Endeffekt nicht geschafft, die Menschen in Hamburg abzuholen. Zuletzt ging es nur noch um Kosten, aber nicht mehr um das Wesentliche: die größte sportliche Veranstaltung auf der Welt.

Was verbindet Sie heute noch mit Ihrer Geburtsstadt Pinneberg?

Ich bin im Kreiskrankenhaus Pinneberg zur Welt gekommen, gewohnt haben meine Eltern aber damals schon in Elmshorn. Ich habe auch mal gegen den TC Pinneberg Tennis gespielt, ansonsten verbindet mich mit der Stadt aber nichts.

Ihre Kindheit haben Sie in Elmshorn verbracht. Dort haben Sie auch als Sechsjähriger angefangen, Tennis zu spielen.

Es war eine tolle Kindheit. Elmshorn war damals schon eine mittelgroße Stadt mit 40000 Einwohnern. Man hatte alles, was man als Kind braucht. Wir haben schön gewohnt, direkt am Stadtpark, am Rosengarten. Mein Vater und einer meiner beiden Brüder leben noch heute dort, ab und zu besuche ich sie. 

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erstellt am 11.Jun.2016 | 17:35 Uhr

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