Montagsdemo in Hamburg : Merkel-Gegner und Antifa-Anhänger treffen aufeinander

Rund 300 Menschen demonstrieren am Montagabend in Hamburg gegen Kanzlerin Merkel.
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Rund 300 Menschen demonstrieren am Montagabend in Hamburg gegen Kanzlerin Merkel.

„Volksverräter“ und „Faschisten“: In Hamburg protestieren 1500 Gegendemonstranten gegen 300 Merkel-Kritiker.

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27. März 2018, 13:44 Uhr

Hamburg | Für das Hamburger Bündnis gegen Rechts sind die Anti-Merkel-Demonstranten, die sich an diesem Montag am Dammtorbahnhof versammeln, Faschisten und Rassisten. „Nie wieder Faschismus“, ruft die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Antje Möller ins Mikrofon. Unter den „Wutbürgern“ seien alte und neue Nazis, die den Holocaust relativierten. Die stellvertretende Hamburger SPD-Vorsitzende, Inka Damerau, gibt die Parole aus: „Keinen Meter den Nazis“, Gewerkschaftssekretär Mike Hörster fordert Solidarität und Internationalismus. „Wehret den Anfängen“, mahnt er die rund 1500 Teilnehmer der linken Demonstration.

Anti-Merkel-Demonstrationen gibt es seit Februar in der Hansestadt – immer mit einem hohen Polizeiaufgebot. In der vergangenen Woche kam es zu einem brutalen Zwischenfall, bei dem ein Merkel-Gegner bewusstlos geschlagen wurde. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass sich regelmäßig auch sogenannte Reichsbürger unter die Demonstranten mischen.

Auf dem von der Polizei abgesperrten Dag-Hammerskjöld-Platz, einer Art Hinterhof des Bahnhofs, haben sich rund 300 Menschen versammelt. Sie fordern in Sprechchören: „Merkel muss weg!“ Eine junge Rednerin zählt Messerangriffe in Deutschland auf, die von Einwanderern aus islamischen Ländern verübt worden seien. „Wir fordern die Rückkehr zum Rechtsstaat“, sagt sie. Immer wieder geht es um das „Unrecht der illegalen Migration“, wie es ein anderer Redner formuliert. Als der Name von Außenminister Heiko Maas (SPD) fällt, rufen Teilnehmer „Volksverräter“.

Es ist die achte Kundgebung dieser Art seit Anfang Februar in Hamburg. Ähnliche Versammlungen gibt es regelmäßig auch in Cottbus (Brandenburg) und anderen Städten, in denen die Pegida-Bewegung Fuß gefasst hat. In Hamburg, einer Stadt mit einer starken linken Szene, haben es die Kritiker von Islam und Einwanderung schwerer.

Männer über 40 in der Mehrheit

Der Verfassungsschutz hat erklärt, dass sich unter die Hamburger Montagsdemonstrationen auch sogenannte Reichsbürger gemischt haben, die den Bestand der Bundesrepublik Deutschland ablehnen. Außerdem seien die Türsteherszene und Hooligans der 90er Jahre vertreten. „Jeder, der dort mitmarschiert, weiß genau, dass er mit Extremisten gemeinsame Sache macht“, warnte Verfassungsschutzchef Torsten Voß.

Die Merkel-Gegner sind an diesem Montagabend mehrheitlich Männer ab 40 Jahren. Es sind aber auch Frauen gekommen. Sabine Reith steht mit ihrem Plakat „gegen die Islamisierung des Alstertals“ neben zwei anderen sehr bürgerlich wirkenden Damen. Die 57-Jährige ist verärgert über den Bau einer Flüchtlingsunterkunft in einem Naturschutzgebiet.

Im Streit um die Einwanderungspolitik sei sie 2015 aus der CDU ausgetreten. Andere Teilnehmer haben sich in Deutschlandfahnen gehüllt, ein Demonstrant fordert auf einem Schild „Deutschland zuerst“, an einem anderen Transparent mit der Aufschrift „Die Kunst ist frei! – Lost and found“ baumeln Gehirne aus Pappmaché.

Großes Polizeiaufgebot nach brutalem Zwischenfall

Bekennende Rechtsextremisten sind auf der Kundgebung schwer auszumachen. Er sei gegen die Kanzlerin, habe mit rechts oder links aber nichts zu tun, sagt ein 41-Jähriger. Der gebürtige Hamburger mit niederländischem Pass versichert, dass er „keinen Bock auf Rassismus“ habe. Eine Freundin von ihm nehme an der Gegenkundgebung teil, man respektiere sich aber. Viele trauten sich leider nicht, gegen Merkel zu demonstrieren, weil sie Angst hätten.

Manchen motiviert das aber auch. „Die Tatsache, dass ich Angst haben muss um meine Sicherheit – das ist der Grund, warum ich hergekommen bin“, sagt der Kunsthandwerker Johannes Brein. Den 71-jährigen gebürtigen Österreicher empört, dass die privaten Anmelder der Kundgebung eingeschüchtert worden seien. „Wenn es so weit ist, dass man für eine solche Demonstration so ein Polizeiaufgebot braucht, dann ist etwas nicht in Ordnung“, sagt er.

Die Polizei hat nach eigenen Angaben 720 Beamte im Einsatz. Eine Woche zuvor waren es 920 Polizisten gewesen. Dennoch kam es zu einem schweren Zwischenfall. Ein Teilnehmer der Anti-Merkel-Kundgebung wurde in der benachbarten U-Bahnstation Stephansplatz von zwei Unbekannten angegriffen und bewusstlos geschlagen.

An diesem Montag warnen Rednerinnen auf der linken Demonstration vor Gewalt. Freiheit sei die Freiheit des Andersdenkenden. „Wir müssen das aushalten“, sagt Möller über die Montagsdemonstration. Pröpstin Isa Lübbers, die nicht schweigen will, wenn in ihrer Stadt menschenfeindliche Parolen gerufen werden, betont: „Lasst uns nicht Hass mit Hass beantworten und erst recht nicht Gewalt mit Gewalt!“ Sie ruft zur Diskussion mit den verängstigten Bürgern auf, und mit denen, „die auf Fake News hereinfallen“.

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