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Prozess in Hamburg : Zahngold von Toten gestohlen

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Aus der Asche Verstorbener sollen Mitarbeiter eines Hamburger Krematoriums jahrelang Zahngold und Feinmetall gestohlen haben. Das Geld für das Gold verprassten sie im Casino. Jetzt stehen die Männer vor Gericht.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2014 | 16:35 Uhr

Hamburg | Es war ein überaus einträglicher Nebenverdienst mit der Asche von Toten, der sieben Mitarbeiter des Hamburger Krematoriums nun auf die Anklagebank gebracht hat. Als sogenannte Bediener an den Öfen sollen sie über Jahre die Asche verbrannter Leichen durchsucht, Dutzende Kilo Goldreste eingesteckt und verkauft haben. Erlöse von mehr einer halben Million Euro innerhalb von fünf Jahren listet die Staatsanwaltschaft auf, die den Mitarbeitern unter anderem gewerbsmäßigen versuchten Diebstahl und Störung der Totenruhe zur Last legt.

Seit Mittwoch müssen sich die Männer vor dem Landgericht verantworten. Angeklagt ist zudem die Ehefrau eines inzwischen gestorbenen Kollegen. Sie soll insgesamt rund 25 Kilogramm Bruch-Zahngold bei Altgoldhändlern zu Geld gemacht und dabei für sich und ihren Mann mehr als 217.000 Euro eingestrichen haben. Ein anderer Angeklagter kassierte 178.000 Euro, ein dritter mehr als 71.000. Die Männer hätten sich mit dem Verkauf des Totengoldes „eine permanente Einnahmequelle verschafft“, so die Staatsanwaltschaft.

Die öffentliche Verlesung der Vorwürfe in Saal 337 des Strafjustizgebäudes ist den Angeklagten erkennbar unangenehm. Geduckt sitzen die Männer und die Frau da, alle sind reiferen Alters (44 bis 67 Jahre). Sie tragen Pullover und Jeans - und sie schweigen. Fast keiner von ihnen will sich in der Sache äußern, so lassen sie es ihre Verteidiger erklären. Um so ausführlicher trägt der Staatsanwalt vor. Fast eine Stunde dauert es, bis er die 275 Einzelfälle penibel mit Datum und Uhrzeit aufgelistet und den Angeklagten zugeordnet hat.

Demnach lief das Geschäft mit dem Leichengold seit 2005 im Krematorium Öjendorf, seinerzeit die einzige Einäscherungsstätte in der Millionenstadt. Waren die Toten verbrannt, klaubten die Männer aus deren Asche zusammen, was sich zu Geld machen ließ: Zahngold, Feinmetall, geschmolzener Schmuck. Erst 2010 schöpfte die Leitung des Krematoriums Verdacht und ließ heimlich Videokameras installieren. Deren Bilder zeigten, dass die Ofen-Bediener durchschnittlich rund ein Dutzend mal pro Arbeitsschicht zugriffen und sich die Beute in die Hosentasche steckten.

Die fünf- bis sechsstelligen Erlöse verwendeten sie zur Aufbesserung des Gehalts. Einer zahlte davon auch Urlaubsreisen, ein anderer zockte in der Spielbank. Angeklagt ist ferner ein mutmaßlicher Hehler, der illegales Zahngold für fast 30.000 Euro aufgekauft haben soll.

Allerdings lautet die Anklage lediglich auf versuchten, nicht vollendeten Diebstahl. Die Begründung ist kompliziert – und erstaunlich. Juristen bewerten Zahngold als Teil des Körpers und damit nicht als Sache, womit kein Diebstahl vorliegen kann. Eine Leiche gehört niemandem. Weil aber die Mitarbeiter des Krematoriums eine Ehrenerklärung abgeben hatten, aus der Asche nichts an sich zu nehmen, dürften sie selbst von Diebstahl ausgegangen sein. Die Staatsanwaltschaft wertet das als Versuchshandlung.

Üblicherweise sortieren Hamburgs Krematorien Gold- und Schmuckreste von Eingeäscherten selbst aus und lassen es einschmelzen. Der Gegenwert geht als Spende an die Kinderkrebshilfe. Trotz des guten Zwecks: Kritiker monieren, die Krematorium verhalte sich im Grunde nicht anders als die Angeklagten.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Bis dahin prüfen Staatsanwaltschaft, Verteidiger und Strafkammer einen „Deal“. Dabei müssten die Angeklagten umfassende Geständnisse ablegen, das Gericht würde im Gegenzug ein geringeres Strafmaß in Aussicht stellen.

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