zur Navigation springen

Kinderschutz : Yagmurs zweiter Todestag – das hat sich in Hamburg geändert

vom

Vor zwei Jahren wurde ein Mädchen von seiner Mutter getötet – und die Behörden gerieten in die Kritik. Seitdem hat Hamburg einiges geändert. Dennoch gibt es wieder einen neuen Fall.

Hamburg | Yagmur wäre fünf Jahre alt. Sie würde vielleicht ihre braunen Locken mit rosa Spangen zusammenhalten und sich auf die Schule freuen. Doch die kleine Hamburgerin starb vor zwei Jahren – die damals Dreijährige verblutete innerlich, nachdem sie von ihrer Mutter misshandelt wurde. Einer Mutter, die zu ihrem Kind offenbar nie eine Bindung aufbauen konnte – und die es trotz Beobachtung vom Jugendamt wieder in ihre Obhut bekam. Für Hamburg war der Tod ein Schock, denn es war nicht das erste Mal, dass ein Kind durch Gewalt oder Vernachlässigung starb. Schnell war klar: Yagmur wieder zur Mutter zu geben, war ein Fehler. Eine Aufarbeitung des Falls legt nahe: Yagmur könnte noch leben, wenn die Behörden besser reagiert hätten.

Ausgerechnet an Yagmurs Todestag wird ein neuer Fall von mutmaßlicher Kindesmisshandlung in Hamburg bekannt: Aktuell liegt ein Baby mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen im UKE. Es gibt einen Verdacht gegen die Mutter und deren Lebensgefährten. Die Familie befand sich offenbar in Betreuung des Jugendamtes.

Medien attestierten Hamburgs behörden nach Yagmurs Tod „multiples Versagen“. Worin genau dieses Versagen gründet, erörterte ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss – der auf etwa 500 Seiten akribisch festhielt, was vor dem Tod der Dreijährigen in den Behörden geschah. Und er stellte fest: Es muss sich etwas ändern in Hamburg, damit der Kinderschutz besser wird. An einigen Punkten hat Hamburg bereits gehandelt – doch es gibt weiterhin Probleme.

Überprüfung der leiblichen Familie

Neben ihren Verteidigern: Die Mutter (27) der kleinen Yagmur (links) ...
Neben ihren Verteidigern: Die Mutter (27) der kleinen Yagmur (links) ...
 

Bei der drejährigen Yagmur gab es Anzeichen von Kindeswohlgefährdung bei den leiblichen Eltern – diese wurden schon direkt nach der Geburt aktenkundig. Dennoch wohnte das Kind zum Zeitpunkt des Todes wieder in seiner Familie. Bevor Yagmur zurück zur Mutter kam, machte der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) eine Wohnungsdurchsuchung und telefonierte mit ihr. Um Fehlentscheidungen bei der sogenannten Rückführung künftig zu vermeiden, gibt es in Hamburg mittlerweile eine klarere Regulierung dafür – und eine entsprechende Schulung der Mitarbeiter. Seit Februar 2014 gibt es einen Prüfbogen, der ausgefüllt werden muss, bevor ein Kind wie Yagmur wieder zu seinen leiblichen Eltern kommt. Dieser fragt ab, ob es gerichtliche Verfahren gab, wie die Eltern-Kind-Beziehung ist, ob die Eltern Probleme lösen können und welche unterstützenden Hilfen es gibt.

In einer Stellungnahme geben die Linken zu bedenken, dass es auch zu viel Kontrolle geben kann: „Es gibt die Tendenz, Familie immer mehr zum Risikofaktor für Kinder zu definieren und den ASD so aufzustellen, dass er mehr und mehr kontrolliert und eingreift. Dadurch besteht die Gefahr, dass dieser zu einer Armenpolizei wird anstatt frühzeitig zu unterstützen.“

Bessere Kommunikation der Behörden

Wenn ein Kind unter der Obhut des Jugendamtes steht, haben viele Behörden und Stellen mit ihm zu tun: Die Mitarbeiter des ASD schauen, wie die Situation in der Familie ist, die Kita-Erzieher lernen das Kind im Alltag kennen, Ärzte begutachten die Gesundheit des Kindes und wenn es Hinweise auf Gewalt oder Vernachlässigung gibt, sind Polizei und eventuell auch die Staatsanwaltschaft und das Familiengericht involviert. Jeder hat ein Teilwissen – doch bei Yagmur wurde an vielen Stellen nichts oder zu wenig an die anderen Stellen weitergegeben. Das soll sich ändern: Nach dem Tod von Yagmur soll schriftlich festgehalten werden, dass das Jugendamt bei familiengerichtlichen Verfahren mitwirken soll. Denn im Herbst 2013, also kurz vor dem Tod des Mädchens, gab es offenbar Kommunikationsprobleme. Ein Schriftsatz vom ASD an das Familiengericht wurde angelegt, kam dort aber offenbar nie an. Eine Anfage zu Yagmur vom Familiengericht an den ASD blieb unbeantwortet. Auch die Schnittstelle zwischen Staatsanwaltschaft und ASD wird neu definiert. Es gab unter anderem gemeinsame Fortbildungen zum Thema Familiengewalt. Auch mit der Kita gibt es eine engere Zusammenarbeit: Für die Kinder, die von Kindeswohlgefährdung betroffen sind, schreiben ASD und Kita gemeinsam für jedes Kind eine individuelle Vereinbarung auf. Das ist seit Juni 2014 verpflichtend. Eine neue Regelung betrifft auch ärztliche Untersuchungen: Das zuständige Kinderkompetenzteam gibt die Ergebnisse immer an den ASD weiter.

Zeit für die Einarbeitung

Der Allgemeine Soziale Dienst kümmert sich in Hamburg um Kinder wie Yagmur: Dazu gehören Besuche bei der Familie und eine Einschätzung, ob das Kindeswohl gefährdet ist, also das Kind bei den Eltern Gefahr läuft, geschlagen oder gequält zu werden. Das Problem ist, dass diese Gefahr von den Mitarbeitern auch erkannt wird. Im Fall von Yagmur war offenbar kurz vor dem Tod des Kindes eine neue Mitarbeiterin mit dem Fall betraut. Aus dem Bericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses geht nicht klar hervor, ob sie mit dem Fall Yagmur allein gelassen wurde. Allerdings wurde deutlich: Direkt nachdem die Frau Anfang September 2013 beim ASD im Hamburg-Mitte anfing, wurde sie in den Fall eingearbeitet und übernahm schon am 27. September – also keinen Monat nach ihrem Start beim ASD – vertretungsweise die Bearbeitung, weil die eigentliche Fachkraft schwanger war und krankgeschrieben wurde. Dass ein Kind wie Yagmur von einem neuen Mitarbeiter betreut wird, widersprach auch schon 2013 den Arbeitsrichtlinien, die eine Einarbeitungszeit von sechs Monaten vorsah. 2014 wurde ein neues Einarbeitungskonzept eingeführt: In den ersten sechs Monaten gibt es eine Schulung zum Thema Kinderschutz und die Einarbeitungszeit wird formell auf 18 Monate verlängert. In dieser Zeit dürfen die Mitarbeiter bereits Kinderschutzfälle übernehmen, allerdings nur mit Unterstützung. Es werden außerdem Mentoren eingesetzt. Die Betreuung von Fällen wie Yagmurs wird standardmäßig von zwei Mitarbeitern übernommen.

Bessere Arbeitsbedingungen beim ASD

Anhand der Überlastungsanzeigen mehrere Monate vor dem Tod Yagmurs wurde deutlich: Der ASD hat zu viel zu tun. Zur Entlastung wurde in der Abteilung die Dokumentationspflicht gelockert. Der tatsächliche Personalbedarf wird derzeit aufwändig ermittelt. Ein Problem im ASD ist offenbar eine hohe Fluktuation beim Personal. Unmittelbar vor Yagmurs Tod wechselte die Bearbeiterin des Falls – die erfahrene Fachkraft schied aus gesundheitlichen Gründen aus. Die Konsequenz: Die ASD-Abteilungen, die von hoher Fluktuation betroffen sind, erhalten mehr Personal. Alle Abteilungen bekommen außerdem eine stellvertretende Leitung und jemanden, der als Multiplikator für das Computersystem „JUS-IT“ arbeitet. Zum Stichtag 1. Juni waren aber mehr als 70 Stellen nicht besetzt.

Um das Problem langfristig in den Griff zu bekommen, soll der Beruf an sich interessanter werden. Die Mitarbeiter bekommen mehr Geld für ihre Arbeit: Die Eingruppierung wurde in Hamburg von E9 auf E10 erhöht. Die in einigen Bezirksämtern gängige Praxis befristeter Einstellungen wurde gestoppt. „Weil wir Fachkräfte binden wollen und ihre Erfahrung brauchen“, erklärt der damals zuständige Sozialsenator Scheele. „Rund um die Uhr“ werde ausgeschrieben, damit bei Wechseln schnell nachbesetzt werden kann. Es sollen bei Langzeiterkrankungen die Stellen ausgeglichen werden und es soll – wenn absehbar – früh nachbesetzt werden, so dass die neue Fachkraft eingearbeitet werden kann.

Hier sieht die Linke allerdings ein Problem: Sie nennen die Arbeitbedingungen beim ASD „miserabel“. „Sieht man sich die Sache genauer an, wird deutlich, dass die Stellenverstärkungen eher in Richtung verstärkter Kontrolle gehen (Leitungsverstärkung, extra Stellen für das Monster JUS-IT)“, heißt es in einer Einschätzung.

Keine Lücken mehr in der Dokumentation

Ein Problem in dem Jugendamt, das Yagmur kurz vor ihrem Tod betreute: Es gab im Frühjahr mehrere Anzeigen dafür, dass die Mitarbeiter überlastet waren. Offenbar war die Situation schon länger so, denn seit dem 25. Juni 2012 galt für diese Abteilung eine Arbeitshilfe, die eine verminderte Dokumentation zuließ. Der Bericht der Jugendhilfeinspektion führte – jedoch ohne Beleg – aus, dass nach Übergabe des Falles aus Eimsbüttel die neue Betreuerin von Yagmur im ASD-Mitte es „aus Zeitgründen“ unterlassen habe, die Papierakte oder die digitale Dokumentation eingehend zu studieren. Das war schon 2013 ein Verstoß gegen die Standards – denn bei Kinderschutzfällen mussten in jedem Falle die Akten vollständig und sauber geführt werden. Dennoch will Hamburg einen solchen Fall deutlicher ausschließen: Eine Fachanweisung soll „eine Reduzierung der Dokumentationspflichten in Fällen von Kindeswohlgefährdung dezidiert ausschließen“.

Die Dokumentation mit der offenbar nicht leicht zu bedienenden Software JUS-IT sieht die Linke als Problem an. Es würden 70 Prozent der Arbeitszeit am PC verbracht und nur 30 Prozent bei den Menschen. Auch der Berufsverband für Soziale Arbeit gibt an, dass sehr viel Arbeit für die Dokumentation aufgewendet werde. Mit der Software würden sich die Mitarbeiter allerdings inzwischen abfinden. Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste hatten nach der Einführung des Programms immer wieder gegen JUS-IT protestiert und die Abschaffung gefordert. Es sei kompliziert, zeitraubend, fehlerbehaftet und diene zur Überwachung. 

Mehr Kinderschutzrechte

 

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss empfiehlt, das Pflegekinderwesen auf Bundesebene zu reformieren. Der Hamburger Familiengerichtstag soll sich dafür engagieren, dass das BGB ergänzt wird. Familiengerichte sollen sich demnach mehr auf die Lebensperspektive des Kindes konzentrieren, wenn deutlich wird, dass die Erziehungsbedingungen in der leiblichen Familie sich trotz Beratung und Unterstützung nicht verbessern. Besonders wenn ein Kind bereits länger in einer Pflegefamilie lebt, sollen die gewachsenen Bindungen berücksichtigt werden. Eine entsprechende Änderung im BGB gibt es bislang nicht, aber auf Initiative Hamburgs hin wurde inzwischen eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Stärkung der Kinderrechte“ eingerichtet, die ein gemeinsames Arbeitsprogramm bis 2017 abgestimmt hat. Dabei ist die Prüfung von BGB-Änderungen bezüglich der Dauerpflege ein zentraler Auftrag.

Die Linke sieht den Kinderschutz schon bei dem Umgang Hamburgs mit Armut als gefährdet. Als Yagmur 2010 geboren wurde, war ihre Mutter obdachlos. Es gab aber keine Möglichkeit, der Mutter einen Platz in einer Mutter-Kind-Einrichtung oder eine eigene betreute Wohnung anzubieten. Deswegen wurden Mutter und Kind in Yagmurs erster Lebenswoche voneinander getrennt. „Heute spricht der Gutachter im Prozess gegen die Mutter von einer frühkindlichen Bindungsstörung. Wie hätte denn eine Bindung entstehen können in dieser Situation?“, fragte die Linke.

Ein Überblick über das Große Ganze: Die Jugendhilfeinspektion

Die Jugendhilfeinspektion in Hamburg soll darauf achten, dass in der Organisation der Jugendhilfe keine Fehler auftreten. Sie wurde 2012 als Reaktion auf den Tod der elfjährigen Chantal eingerichtet – mit drei Stellen. Es gab sie also schon vor dem Tod Yagmurs und im parlamentarischen Untersuchungsausschuss war man überzeugt, dass diese Kontrollinstanz gesetzlich verankert werden sollte. Verhaltensregeln sollen klar ausformuliert werden. Der Senat kündigte an, eine Initiative zur gesetzlichen Absicherung der Jugendhilfeinspektion im Hamburgischen Gesetz zu ergreifen. So wird unter anderem sichergestellt, dass die Institution nicht der Schuldenbremse zum Opfer fällt. Das Gesetzgebungsverfahren soll im zweiten Halbjahr 2016 eingeleitet werden. Bis dahin sollen die Mitarbeiter unter wissenschaftlicher Begleitung praktische Erfahrungen sammeln. Die Arbeit soll dann so aussehen: Die Bezirksamtsleitung oder die Leitung der Fachbehörde erteilen einen Auftrag. Die Jugendhilfeinspektion untersucht dann den Fall, Arbeitsmittel oder die Personalsituation in einem Jugendamt. Dabei unterstützen Vertreter von nicht betroffenen Jugendämtern.

Kinderschutzkoodinatoren nur für „besonders schwierige“ Fälle

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss empfahl außerdem, dass bei komplizierten Kinderschutz-Fällen die Unterstützung durch Kinderschutzkoordinatoren verpflichtend wird. Also auch wenn die Gefährdungslange als „diffus und unklar“ eingestuft wurde. Das will Hamburg allerdings nicht umsetzen, da es zu wenige der Koordinatoren gibt, aber zu viele Kinder, deren familiäre Situation entsprechend schlecht ist. Es gab im ersten Quartal 2015 insgesamt 472 Fälle mit Kindeswohlgefährdungen, aber es gibt nur neun Koordinatoren. Diese sollten also nur in „besonders schwierigen Fallkonstellationen“ eingesetzt werden. Bei Yagmur stand in den Akten zum Thema Kindeswohlgefährdung: „drohend/akut“. Es wurde aber auch angegeben, dass die Verursachung der Verletzungen Yagmurs ungeklärt war.

Einfachere Sprache

Wer die Dokumente, die nach dem Tode Yamurs geschrieben worden sind, liest, ahnt bereits: Vieles ist in komplizierter Behördensprache verfasst. Diese ist kaum verständlich. Offenbar sind auch die Anleitungen für den Umgang mit Sozialdaten beim ASD nicht gut formuliert, sondern geben den Wortlaut der Gesetze wieder. Das soll sich ändern: Die Fachanweisungen werden überarbeitet. Auch die medizinischen Berichte des Kinderkompetenzzentrums werden noch einmal vereinfacht und eventuelle Verletzungen des Kindes sollen deutlicher angesprochen werden.

Weiterer Handlungsbedarf

Vor allem die Linke sieht noch Handlungsbedarf in Hamburgs Umgang mit Armut. „Alle Mädchen, die unter der staatlichen Aufsicht starben, kamen aus armen Stadtteilen. Ihre Familien lebten in prekären und sozial isolierten Verhältnissen“, heißt es in einem Gegenbericht zum Untersuchungsausschuss. Die familienpolitische Sprecherin der Grünen, Anna Gallina kritisiert einen Mangel an Einrichtungen: „Wir haben noch nicht genug Unterbringungsplätze in Hamburg – passende Immobilien sind schwer zu finden. Dadurch ist es besonders schwer, mit der Herkunftsfamilie zusammenzuarbeiten und die Kinder in der Nähe ihrer Schule und Freunde zu belassen - was im Regelfall wichtig und sinnvoll wäre.“

Hintergrund: Die toten Kinder von Hamburg

Tayler, 2015 - Baby totgeschüttelt
Der 27-Jährige muss lange in Haft.

Der 27-Jährige muss lange in Haft.

Foto:dpa

 

Am 12. Dezember 2015 wird der kleine Tayler in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Eppendorf gebracht. Mit schwersten Hirnverletzungen, Einblutungen in beiden Augen und einem Schütteltrauma wird der dreizehn Monate alte Junge eingeliefert. In einer Notoperation im Krankenhaus wird Tayler ein Teil seines Schädelknochens entfernt, um den Hirndruck zu reduzieren. Dies kann ihn jedoch nicht mehr retten - eine Woche später ist er tot. Der 27 Jahre alte Stiefvater wurde im Dezember 2016 verurteilt und muss für elf Jahre in Haft.

Der Stiefvater hatte das Kind massiv und gewaltsam „10 bis 15 Mal geschüttelt“, so die Richterin. Trotz lebensbedrohlicher Symptome ruft der Stiefvater keinen Notarzt, sondern wartet, bis seine Lebensgefährtin vom Einkaufen zurück ist.

Yagmur, 2013 – Dreijährige von Mutter zu Tode misshandelt

 

Die dreijährige Yagmur war am 18. Dezember 2013 in der Wohnung ihrer Eltern Melek und Hüseyin Y. in Hamburg-Mümmelmannsberg an einem Leberriss innerlich verblutet. Das Kind wurde von seiner Mutter über viele Monate so schwer misshandelt, dass es schließlich starb. An dem Körper der Dreijährigen fanden sich mehr als 80 Hämatome und Quetschungen. Das Landgericht Hamburg verurteilte Yagmurs Mutter Ende November 2014 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haft. Der Vater muss für viereinhalb Jahre ins Gefängnis, weil er sein Kind nicht schützte.

 

In der Kritik stehen aber auch die zuständigen Jugendämter. Weil die Eltern überfordert waren, kam Yagmur sofort nach der Geburt 2010 in die Obhut des Jugendamtes. Dieses brachte das Mädchen in einer Pflegefamilie unter. Mitte 2013 fiel die Entscheidung, dass Yagmur bei ihren leiblichen Eltern leben durfte - obwohl es schon vorher den Verdacht gab, dass das Mädchen dort misshandelt wurde. Es gab offenbar viele Warnhinweise, die von den Mitarbeitern in den Jugendämtern nicht richtig bewertet wurden – teils auch, weil die Zuständigkeiten häufig wechselten. Zum Todeszeitpunkt war das Bezirksamt Mitte zuständig. Vorher hatten die Bezirksämter Eimsbüttel und Bergedorf mit dem Fall zu tun.

Chantal, 2012 - Elfjährige stirbt an Methadonvergiftung
Frauen hielten Grablichter und Kerzen während eines Schweigemarsches zum Gedenken an Chantal im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Das elfjährige Pflegekind war am 16. Januar an einer Überdosis der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben. Foto: dpa

 

Die elfjährige Chantal starb am 16. Januar 2012 an einer Methadon-Vergiftung. Das Kind lebte bei drogensüchtigen Pflegeeltern und hatte in der Wohnung in Hamburg-Wilhelmsburg Zugang zu der Heroin-Ersatzdroge. Die 50 Jahre alte Pflegemutter hatte den vorherigen Tag sowie die Nacht außer Haus verbracht. Am Vorabend des Todes hatte sie Chantal geraten, ein Allergiemittel einzunehmen. Nach Darstellung des Gerichts hatte der Pflegevater (54) die im Sterben liegende Chantal sich selbst überlassen und war am Morgen zur Arbeit gegangen - ohne den Notarzt oder seine Lebensgefährtin zu verständigen. Am Nachmittag fand die Pflegemutter das Mädchen bewusstlos im Bett. Chantal starb kurz darauf. Die Pflegeeltern wurden vom Hamburger Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt.

 

Vor ihrem Tod schrieb die Elfjährige in einem Brief an ihren leibliche  - ebenfalls drogensüchtigen Vater: „Bitte geh zum Jugendamt und hole mich aus dieser schrecklichen Familie.“ Eine Frau, die im Auftrag des Jugendamts Chantals Pflegeeltern beraten hatte, sagte aus, eine Mitarbeiterin der Behörde habe mit dem Kind über das Schreiben gesprochen. Den Darstellungen der Zeugin zufolge wurden die Aussagen im Brief nicht weiter untersucht. Die Frau sah das Wohl des Kindes in der Pflegefamilie grundsätzlich nicht als gefährdet an. Nach Darstellung von  Zeugen war den Mitarbeitern des Jugendamts die Drogenvergangenheit der Pflegeeltern nicht bekannt. Laut Staatsanwaltschaft war das Jugendamt Hinweisen von Chantals Verwandten, die Angeklagten würden Drogen oder die Ersatzdroge Methadon konsumieren, nicht nachgegangen.

Lara Mia, 2009 – Neun Monate altes Baby verhungert
Kerzen und Kuscheltiere lagen nach Lara Mias Tod in einem Hauseingang im Stadtteil Wilhelmsburg. Foto: Dpa

Bei ihrem Tod wog die neun Monate alte Lara Mia nur 4,8 Kilogramm - das Doppelte wäre für ein Kind in dem Alter normal gewesen. Im März 2009 wird das völlig ausgemergelte Baby tot in einer Wohnung in Hamburg-Wilhelmsburg gefunden. Lara Mia war bei ihrem so abgemagert, dass sie ein „greisenhaftes“ Gesicht hatte, berichteten Polizisten vor dem Hamburger Landgericht. „Sie sah aus wie ein Kind aus Afrika“, sagte eine Nachbarin im Zeugenstand.

Anderen gegenüber machte die damals 19-jährige Mutter den „wählerischen Geschmack“ ihrer Tochter für deren Untergewicht verantwortlich. Für das Gericht steht hingegen fest, dass die junge Frau einfach nicht die nötige Energie und Geduld aufbringen konnte, um ihre kleine Tochter zu füttern. Letztlich habe sie sich mit deren Tod abgefunden. Die genaue Todesursache konnte nicht aber geklärt werden. Rechtsmediziner konnten auch einen plötzlichen Kindstod nicht ausschließen.

Die im Prozess um den Tod ihrer Tochter Lara Mia angeklagte Jessica R. vor dem Hamburger Landgericht. Archivbild vom 20. September, dpa

 

Das Hamburger Landgericht verurteilte die Mutter im November 2011 zu drei Jahren Jugendstrafe - wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht.

Eine Betreuerin des Jugendamtes sollte die junge Mutter unterstützen - doch die Sozialarbeiterin versagte völlig. Nach einem Besuch der Familie kurz vor dem Tod von Lara Mia erklärte die Betreuerin noch, das Mädchen sei wohlauf. Auch als die Mutter selbst anmerkte, sie wolle mit Lara Mia zum Arzt gehen, wurde sie von der Mitarbeiterin des Jugendamtes vertröstet - sie wolle erst noch in den Urlaub fahren. Wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen verhängte das Hamburger einen Strafbefehl gegen die Sozialarbeiterin, 2700 Euro musste sie zahlen.

Jessica, 2005 - Siebenjährige stirbt ausgehungert im dunklen Zimmer
Trauer um die unbekannte Jessica: „Warum bist du kleines Mädchen nicht aufgefallen, den Behörden und den Nachbarn?“
Trauer um die unbekannte Jessica: „Warum bist du kleines Mädchen nicht aufgefallen, den Behörden und den Nachbarn?“ Foto:dpa

 

In Hamburg-Jenfeld verhungerte im März 2005 die siebenjährige Jessica - nach jahrelangem Martyrium. Bei seinem Tod wog das Mädchen noch 9,5 Kilogramm. Die arbeitslosen Eltern hatten ihre Tochter in einem dunklen, ungeheizten Zimmer ihrer Hochhauswohnung wie eine Gefangene gehalten. Jessicas Mutter hatte einen Notarzt gerufen, als das Mädchen leblos im Bett lag. Die Obduktion ergab, dass die Siebenjährige an Erbrochenem erstickt war. Sie hatte einen Darmverschluss und konnte deshalb das Essen, das sie offenkundig nach langem, zwangsweisem Fasten erhalten hatte, nicht bei sich behalten. Außerdem war das Kind völlig ausgetrocknet.

Die Eltern von Jessica vor Gericht.
Die Eltern von Jessica vor Gericht. Foto:dpa

 

Bei ihrer Vernehmung gaben die Eltern an, sie hätten sich regelmäßig um Jessica gekümmert, Reue zeigten sie offenbar nicht. Die Mutter behauptete gegenüber Ermittlern, ihrer Tochter Essen angeboten zu haben, doch das Kind habe nichts essen wollen. Der Vater wies jede Schuld von sich, da seine Frau für die Versorgung von Jessica zuständig gewesen sei. Die Eltern werden wegen Mordes verurteilt und müssen lebenslang hinter Gitter.

Ein Vertreter der Schulbehörde geriet in die Kritik. Er hatte, nachdem Jessica nicht zur Einschulung erschienen war, lediglich mit einen Bußgeldbescheid an die Eltern geschickt. Das Jugendamt schaltete er auch nicht ein, nachdem er mehrmals vergeblich an der Wohnungstür geklingelt hatte.

Zur Trauerfeier für die den meisten unbekannten Jessica kamen 400 Trauergäste. Die Eltern waren nicht darunter. Der Pastor brachte die Fassungslosigkeit der Gemeinde zum Ausdruck: „Während wir zu Hause fröhliche Kindergeburtstage gefeiert haben, hat keine 200 Meter entfernt ein Kind ohne Liebe und Zuwendung in einem verdunkelten Raum dahinvegetiert.“

Michelle, 2004 – Zweijährige stirbt in Dreck-Wohnung

Die zweieinhalbjährige Michelle war im Juli 2004 in der völlig verdreckten Wohnung der Familie im Hamburger Stadtteil Lohbrügge an einem Hirnödem gestorben, weil die Eltern keine ärztliche Hilfe geholt hatten. Andreas J. und Nicole G. hatten sich vor Michelles Tod fast 24 Stunden nicht um ihre Tochter gekümmert, obwohl sie an einer Mandelentzündung litt. Erst eine Schwester des Mädchens hatte die Mutter auf Michelles Tod aufmerksam gemacht. Als die Mutter am Todestag morgens das Kinderzimmer öffnete, rief ihre Schwester: „Michelle, tot!“ Der schlechte Allgemeinzustand der Kleinen durch monatelange Vernachlässigung sowie der verwahrloste Zustand der Wohnung haben zum Tod Michelles beigetragen.

 

Für den Tod der kleinen Michelle und die Vernachlässigung ihrer Geschwister hat das Hamburger Landgericht die Eltern der Kinder 2006 zu je drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Eine Sozialarbeiterin räumte Versäumnisse ein. Sie habe die Kinderzimmer der Familie trotz des schlechten Zustands der Wohnung nur sporadisch kontrolliert. Ihre Besuche bei der achtköpfigen Familie hätten oft mittags statt gefunden, wenn die Kinder nach Angaben der Mutter schliefen. Auch habe die Mutter die Besuchstermine häufig per SMS abgesagt.

 
zur Startseite

von
erstellt am 18.Dez.2015 | 16:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen