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Kampnagel Hamburg : Wirr und verstörend: „Parzivalpark“ mit viel Blut

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Nina Ender und Stefan Kolosko holen im Stück „Parzifalpark“ Behinderte auf die Bühne von Kampnagel. Es geht um Abtreibung, Reproduktionsmedizin und die Frage: Was ist normal? Das Publikum beschäftigt sich aber lieber mit dem Handy.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2013 | 09:52 Uhr

Hamburg | Kunst mit Behinderten droht die Darsteller zu verniedlichen, sie zur Schau zur stellen oder sich mit political correctness anzubiedern. Das Theatermacher-Duo Nina Ender und Stefan Kolosko stehen nicht im Verdacht, in diese Fallen zu tappen - könnte man meinen. In ihrem „Parzivalpark - Forschungsstandort auf dem Schlachtfeld der Hochleistungsgesellschaft“ um die Frage, was ist normal und was darf die Reproduktionsmedizin, bleiben die behinderten Darsteller Statisten, agieren maximal als Chor im klassischen Sinne. Die Hauptakteure sind Ender und Kolosko selbst. Am Mittwoch feierte das Stück auf Kampnagel in Hamburg Premiere.

Als das Publikum noch auf Einlass in den Saal wartet, tauchen Gestalten überwiegend in weißen Kitteln auf, teils Blut verschmiert, teils an Zwangsjacke erinnernd - darunter Ender und Kolosko. Die erklären, dass auf Betreiben der Pharmaindustrie eine einstweilige Verfügung die Aufführung verhindere. Man befürchte Einbußen in Millionenhöhe, gehe es in dem Stück doch um Abtreibung und Reproduktionsmedizin. Aber Kampnagel ließe sich davon nicht kleinkriegen.

Ender hält da schon ein Bündel in der Hand, das unweigerlich Assoziationen an ein Baby weckt. Menschen mit Down-Syndrom und „normal Aussehende“ stehen dabei, singen im Chor. Weiter monologisieren Ender und Kolosko darüber, dass Kampnagel ja eine freie Theaterproduktionsstätte, die nun zur freien Reproduktionsstätte werde. „Wir haben keine Tests gemacht, ob Du Regie kannst“, sagt Ender zu Kolosko. Eine Metaebene und Referenz an das eigene Tun, das sich durch die nächsten mehr als zweieinhalb Stunden zieht.

Dann die Erlösung: „Das ist natürlich alles nur Theater. Wir gehen jetzt doch mal rein“, verkündet Kolosko. Der Zuschauer fragt sich schon da: „Ja, was ist denn normal, wer von den Darstellern behindert?“ Das zentrale Anliegen dieser politischen Theaterperformance, für die die Dramatikerin Ender und der Regisseur Kolosko, der lange mit Christoph Schlingensief zusammengearbeitet hat, Akteure aus Behinderteneinrichtungen auf die Bühne gebracht haben, ist somit klar.

Im Saal dann ein Mix aus Trödelladen und Gruselschloss auf der Bühne, der Zuschauer aber bleibt ausgesperrt, denn zunächst - und dann immer wieder - spielt sich alles hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang ab. Wenig später sitzen die Behinderten an einer langen Tafel, da Vincis „Abendmahl“ nachempfunden. Ender und Kolosko spielen - oder sind? - ein Paar, das über ein Kind spricht: Sie will, er hat Probleme mit der Zeugungsfähigkeit, will erst Karriere als Schriftsteller machen.

Plötzlich erzählt Ender von ihrem vorangegangen Stück mit Demenzkranken, rezitiert Eschenbachs „Pazifal“, der doch auch Autist gewesen sei. Einer der Behinderten sagt, dass er nicht nur mit Behinderten leben möchte und Kolosko erklärt, er würde gerne in dem Heim wohnen, das da so schön am Stadtpark ist. Irgendwann gebiert dann Ender auch ein Kind - mit viel Theaterblut und langen triefenden Bändern, die sich um ihre Beine winden. Wenig später sind Ultra-Nahaufnahmen von einer Abtreibung zu sehen - glücklicherweise in Schwarz-Weiß. Schauspieler Thomas Thieme erzählt in einer auf den Vorhang projizierten Sequenz von der Fruchtwasseruntersuchung und der Abtreibung seiner Frau.

Die Zuschauer sind da längst verloren, starren durch den Saal, tippen auf ihren Handys herum, plaudern - wenn sie die Aufführung nicht längst verlassen haben. So wirr, so ohne erkennbare Erzählstruktur geschweige denn -ökonomie passiert da irgendetwas auf der Bühne. Eine Therapiestunde? Ein Sozialprojekt? Eine Performance? Alles ist irgendwie blutverschmiert. Die Kritik ist angekommen, das Publikum verstört bis genervt.

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