"Financial Times Deutschland" : "Wir werden auseinandergerissen"

Der Medienkonzern Gruner + Jahr stellt seine tägliche Wirtschaftszeitung 'Financial Times Deustchland' zum 7. Dezember ein. Foto: dpa
Der Medienkonzern Gruner + Jahr stellt seine tägliche Wirtschaftszeitung "Financial Times Deustchland" zum 7. Dezember ein. Foto: dpa

Schwarzer Freitag für die "Financial Times Deutschland": Gruner + Jahr in Hamburg stellt die Wirtschaftszeitung ein. 314 Mitarbeiter sind direkt betroffen.

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25. November 2012, 07:04 Uhr

Hamburg | Mitarbeiter der Wirtschaftsmedien von Gruner + Jahr tragen an diesem Freitag lachsrosa Trauerflor. Zwölf Jahre nach der Gründung der gleichfarbigen Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" wird ihnen das Aus des Blattes zum 7. Dezember verkündet, ebenfalls ein Freitag. "Wir sind traurig. Wir waren hier alle eine große Familie. Wir werden auseinandergerissen", sagt ein Redakteur. "Die FTD war wie ein Baby von mir", ergänzt ein Kollege. "Es ist hart", sagt ein anderer.
In Hamburg sind 258 Mitarbeiter der Wirtschaftsmedien, die für die "FTD" sowie die Magazine "Capital", "Impulse", "Börse Online" arbeiteten, von der Entscheidung direkt betroffen, in Frankfurt sind es 42 und in einige Außenredaktionen noch einmal 14. Nur eine kleine Mannschaft wird voraussichtlich in Berlin für das monatlich erscheinende "Capital" und das halbjährliche Heft "Business Punk" weiterarbeiten, für "Impulse" und "Börse Online" ist eine Zukunftsperspektive noch nicht unter Dach und Fach.

Werbeeinnahmen blieben aus

G+J-Deutschland-Chefin Julia Jäkel, die selbst bei der "FTD" groß geworden ist, beteuerte dem Team, wie schwer dem Vorstand die Entscheidung gefallen sei. Der Markt haben ihnen keine andere Wahl gelassen, sagte sie dem Vernehmen nach.
Ein Rückblick: Die Wirtschaftspresse in Deutschland durchschiffte nach dem Internetboom zur Jahrtausendwende schwierige Jahre. Als die Internetblase platzte, frisch gegründete Netz-Firmen wieder verschwanden und zahlreiche Börsengänge der Start-Ups ausblieben, fiel auch viel Werbung weg. Außerdem stutzten die etablierte Industrie, Banken, Versicherungen und Fondsanbieter ihre damals üppigen Werbebudgets zusammen. Auf der Medienseite blieben diese Werbegelder als Einnahmen aus - und es wurde schwer, sie zurückzugewinnen.

Gruner + Jahr zog die Notbremse

"Die Wirtschaftspresse kommt nicht mehr so an", sagt der Zeitungsexperte Horst Röper vom Formatt-Institut in Dortmund. Das sei anders gewesen, als sich Aktienmärkte nach oben bewegten und Börsengänge an der Tagesordnung waren: "Ein Volk der Börsianer braucht natürlich ein Mehr an Wirtschaftsinformationen." Mit dem Rückzug der Privatanleger ging der Wirtschaftspresse auch Leserschaft verloren.
Hinzu kommt, dass das Internet als Informationsquelle natürlich auch beim wirtschaftsinteressierten Publikum an Bedeutung gewonnen hat. Und im Netz gibt es vieles kostenlos. Die Wirtschaftsblätter am Kiosk gegen Bares an den Mann zu bringen, ist ungleich schwerer geworden. Das bekam auch Gruner + Jahr zu spüren, die bei ihren vier Wirtschaftstiteln zuletzt an harter Auflage, also im Abonnement und Einzelverkauf, teils herbe Rückgänge verzeichneten. Obendrein waren ihre Anzeigenerlöse in diesem Jahr bis Oktober nach Berechnungen des Branchenfachdienstes "Horizont" rückläufig, im ein- bis zweistelligen prozentualen Bereich (Brutto-Werte). Unterm Strich machen die G+J-Wirtschaftsmedien 2012 einen deutlichen Verlust - der Verlag zog deswegen die Notbremse.

"Kostenlos-Kultur" macht Qualitätsjournalismus unmöglich

Im Zuge der Digitalisierung wurde die Wirtschaftspresse wie andere Medien einem strukturellen Wandel unterworfen. Neben Zusatzangeboten wie Bücher, CDs oder Fachveranstaltungen investierten die Verlage in digitale Angebote für mobile Endgeräte. Mit Umsätzen daraus soll auch die Abhängigkeit vom zyklischen Werbemarkt verringert werden - der sich obendrein anders verteilt. Vom Werbekuchen von rund 18,2 Milliarden Euro brutto (ohne Rabatte) werden mittlerweile rund elf Prozent in Internetwerbung gesteckt - und das nicht unbedingt in die Angebote der Verlage.
Angesichts solcher Veränderungen suchen die Medienhäuser in Deutschland weiter nach Einnahmequellen. Ob sich kostenpflichtige journalistische Angebote im Internet netzweit durchsetzen werden, ist offen. Nur Qualitätsjournalismus, da sind sich die Chefredakteure der Republik einig, lässt sich nicht mit einer "Kostenlos-Kultur" finanzieren, wie es der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, stellvertretend für die Branche formulierte.

Verluste waren schon zu hoch

Kann ein Blick nach Großbritannien da weiterhelfen? Die britische "Financial Times" ("FT"/Pearson) - einst Mitinhaber der "FTD" - hat ihre Abo-Preise in den vergangenen Jahren mehrmals erhöht. Das gedruckte Blatt kostet umgerechnet 3,10 Euro. Und auch die Online-Ausgabe hat ihren Preis: 5,75 Euro pro Woche oder 299 Pfund pro Jahr im Standard-Abo. Doch ob der deutsche Verbraucher höhere Preise zahlen würde, ist fraglich.
Nach Verlagsangaben hat sich die "FT" in Großbritannien auf die Einnahmequellen Werbung und Online-Inhalt (Content) konzentriert. Den Angaben zufolge gibt es 312.000 Abonnenten und fünf Millionen registrierte Nutzer. Offensichtlich macht Erfolg attraktiv, denn wiederholt dementierte der Verlag Verkaufsgerüchte. Mehr Entgelt boten auch Leser der "FTD" an - als Dank für Qualität, Professionalität und Meinungsfreude ihrer Journalisten. "Erhöhen Sie gerne den Preis. Sie sind es wert.", schrieb ein Kioskkäufer aus Brüssel vor dem Aus. Doch die Verluste der G+J-Wirtschaftsmedien waren den Managern einfach schon zu hoch.

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