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"Wir möchten, dass unser Traum wahr wird"

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Eine Lösung für die in Hamburg gestrandeten Flüchtlinge aus Afrika ist noch immer nicht in Sicht

Hamburg | Zehn junge Afrikaner lauschen in der St.-Pauli-Kirche in Hamburg aufmerksam den Worten ihrer Deutsch-Lehrerin. "Trinkst Du Wasser?" und "Ich trinke keinen Kaffee" sprechen sie ihr langsam nach. "In ein Land zu kommen und die Sprache zu lernen, ist die einzige Chance, die man hat", erklärt der 23-jährige Alex aus Nigeria. Er und die anderen Deutsch-Schüler sind Flüchtlinge aus Libyen, die Anfang des Jahres in Hamburg gestrandet sind und in der Kirche Unterschlupf gefunden haben - vorübergehend. Denn die Stadt pocht darauf: Bleiben können sie nicht alle.

Die Männer kommen aus Ghana, Mali oder Nigeria und haben in Libyen auf dem Bau oder in Fabriken gearbeitet. Einige hatten auch ein kleines Geschäft, eine Wohnung, ein Auto. Doch als der Bürgerkrieg ausbrach und die Nato das Land bombardierte, flohen sie über das Mittelmeer nach Italien - nicht alle freiwillig. "Viele wurden auch in Boote gesteckt, ohne dass sie es wollten", erzählt Sozialarbeiterin Constanze Funck, die sich um die Flüchtlinge kümmert. Einige wurden im Gefängnis gefoltert. Denn Schwarzafrikaner wurden in Libyen plötzlich verfolgt, weil sie verdächtigt wurden, Söldner Gaddafis zu sein.

Der Ghanaer Andreas (30) lebte sechs Jahre lang in Tripolis und arbeitete auf dem Bau. Er begründet seine Flucht schlicht mit den Worten: "Mein Leben wurde zu gefährlich." Zurück ließ er seinen Bruder. Bis heute weiß Andreas nicht, was aus ihm geworden ist, ob er überhaupt noch lebt. Es fällt dem Ghanaer sichtlich schwer, darüber zu sprechen.

Andreas erreichte schließlich die italienische Küste - mit viel Glück. Viele andere schafften es nicht. Sie wurden im Streit über Bord geworfen oder starben, weil sie zu wenig Wasser dabei hatten. Das Kind eines Paares, das ebenfalls in Hamburg gestrandet ist, sei auf der Überfahrt ertrunken, erzählt Sozialarbeiterin Funck. Als das Boot auseinanderbrach, schaffte es der Vater noch einige Zeit, sein vierjähriges Kind über Wasser zu halten. Dann schwanden seine Kräfte - er musste loslassen.

In Italien wurden die Flüchtlinge in Lagern untergebracht. Doch Ende 2012 schloss die Europäische Union die Lager, weil die Zustände dort unmenschlich waren. Italien forderte die Afrikaner auf, das Land zu verlassen. 300 Flüchtlinge reisten nach Hamburg. Hier kamen sie zunächst im Winternotprogramm unter. Doch als dieses endete, landeten sie bei immer noch eisigen Temperaturen auf der Straße und wurden von einem Park zum anderen gescheucht.

Eines Tages standen sie vor der St.-Pauli-Kirche und fragten an, ob sie auf dem Gelände campieren dürften. "Sie wollten einfach mal eine ruhige Stelle haben", sagt Pastor Martin Paulekun. Kurzentschlossen öffneten er und sein Kollege Sieghard Wilm den Flüchtlingen die Kirchentür. "Wir wussten, dass es die richtige Entscheidung ist." Seitdem schlafen in der Kirche unweit vom Hafen jede Nacht 80 Afrikaner - Moslems und Christen - friedlich nebeneinander. Jeden Morgen räumen sie auf, wischen den Kirchenboden, fegen den Kirchenhof. Draußen stehen inzwischen Container zum Duschen, überall hängt nasse Wäsche auf Leinen.

In Nachbarn und Gemeindemitgliedern fanden die Pastoren zahlreiche Unterstützer, die Kleidung waschen, Frühstücksdienst machen oder Lebensmittel spenden. Doch der Senat möchte die Afrikaner am liebsten nach Italien oder in ihre Heimatländer abschieben. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) betonte, dass die Afrikaner hier keine Zukunft haben. Zumindest aber gebe es keine Pauschallösung, sagt Frank Reschreiter, Sprecher der Innenbehörde. "Es gibt keine kollektive Rückführung oder Anerkennung. Unser Angebot der Einzelfallprüfung besteht aber weiterhin."

Hintergrund: Die Afrikaner sind mit einem Touristenvisum eingereist. Damit dürfen sie sich vorläufig in Deutschland aufzuhalten. Asyl können sie nur in Italien beantragen. In Hamburg haben sie keinen Anspruch auf Unterkunft, medizinische Versorgung oder Arbeit. Mittlerweile dürften viele Visa abgelaufen sein. Genau weiß das niemand, weil die Flüchtlinge ihre Identität nicht preisgeben - aus Angst vor einer Abschiebung.

Die Kirche stellte ihren Gästen inzwischen rote Kärtchen mit der Anschrift aus. Wenn die Polizei sie kontrolliert, können die Flüchtlinge so beweisen, dass sie eine Unterkunft haben. In der Kirche sind sie erst einmal sicher - die Stadt verspricht, das Gotteshaus nicht zu räumen. Allerdings fehlt den Flüchtlingen noch immer eine Perspektive. "Wir möchten hier leben, zur Schule gehen, uns integrieren. Wir alle haben Talente. Wir wollen, dass unser Traum wahr wird", sagt Andreas. "Wir haben genug gelitten."

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erstellt am 02.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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