Neues Büro : Wikipedia – analog in Hamburg

Noch ganz am Anfang: Uwe Rohwedder hat mit dem neuen Wikipedia-Büro in Hamburg viel vor.
Noch ganz am Anfang: Uwe Rohwedder hat mit dem neuen Wikipedia-Büro in Hamburg viel vor.

Wikipedia kennt man eigentlich nur als Enzyklopädie im Netz. Doch in Hamburg öffnet der Online-Riese bald ein neues Büro.

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20. Dezember 2014, 07:52 Uhr

Hamburg | Es ist ein kleiner Raum, nah an dem Punkt, an dem Busse Touristen vor dem Michel ausspucken. Unscheinbar, im Altbau-Straßenzug mit Kopfsteinpflaster – nebenan ein Tiffanyglas-Händler, gegenüber ein Antiquitätengeschäft. Dazwischen das Neuland. Noch sieht es kahl aus im neuen Wikipedia-Büro in Hamburg. Pressholzplatten zieren den Boden, Campingstühle aus Plastik und ein ausrangiertes graues Sofa laden zum Verweilen ein. An der Decke baumelt eine Neonröhre senkrecht über einem Tapeziertisch. Computer gibt es noch keine.

Uwe Rohwedder ist daher mit seinem Laptop angerückt – auf dem Fahrrad, versteht sich. Der 43-Jährige sitzt im schwarzen Kapuzenpulli auf einem der Campingstühle und guckt etwas pikiert auf seinen bitter geratenen Kaffee. Der promovierte Historiker ist ehrenamtlich aktiv für die Netz-Enzyklopädie. Mit den anderen Wikipedianern, wie sich die Menschen hinter dem Mammut-Projekt selbst nennen, möchte er in der Hansestadt eine Anlaufstelle einrichten. Für Lehrer, neue Mitarbeiter und all jene, die statt einer Netzadresse lieber eine richtige Anschrift haben, mit echten Menschen statt Nicknames.

Ab Januar sollen Sprechstunden und Gruppentreffen stattfinden. Rohwedder möchte auf die Museen und Schulen zugehen und Kooperationen ins Rollen bringen. So wird Hamburg Stück für Stück bei Wikipedia katalogisiert. Es gibt Viertel, die beinahe noch Terra Incognita sind, Ausstellungsstücke, die noch keinen Eintrag haben. Das soll besser werden. Vollständiger. „Ich habe bei Wikipedia vor etwa zehn Jahren angefangen“, erinnert sich Rohwedder. „Bei den Recherchen zu meiner Doktorarbeit habe ich meine Notizen nicht mehr auf Karteikarten gemacht, sondern in Artikeln formuliert.“ Zeitgleich lernte er seine neue Wahlheimat Hamburg kennen und verewigte seine Entdeckungen in der Mitmach-Enzyklopädie. Andere Nutzer vervollständigten seine Themen. „Es ist spannend, online mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten“, sagt er. Ihm gehe es gar nicht um die Motivation der Aufklärung, aber er möchte sein Wissen nicht für sich behalten. Vor zehn Jahren konnte man bei Wikipedia noch Lücken schließen. „Heute sind wir eher beschäftigt, die vorhandenen Texte zu verbessern oder Fotos hinzuzufügen“, erklärt der Historiker.

Ändern kann jeder. Das ist Fluch und Segen zugleich: Rund um die Uhr sind Wikipedianer dabei, Fehler aus Artikeln auszumerzen. „Besonders viel Unsinn kommt von gelangweilten Schülern“, sagt Rohwedder. Er zeigt es an der Bearbeitungshistorie seines Lieblingsbeispiels aus Hamburg: Johann Hinrich Wichern. „Fast jeden Tag wird der Name verballhornt“, sagt er und nennt das „Rumtrollen“. Tatsächlich hat kurz zuvor ein Wikipedianer eine Änderung entfernt: „Biografie: Penis“. Es sei eine Hauptaufgabe, Wikipedia „sauber zu halten von Unrat“. Rohwedder möchte stattdessen den sinnvollen Zugang von Schülern zu Wikipedia unterstützen. Ehrenamtler geben Tipps, wie man aus Wikipedia zitiert – und die Infos darin prüft. Im Wikipedia-Büro liegen dafür auch schon Info-Flyer in einem Metallregal bereit. „Riesendildos“ hat jemand mit schwarzem Edding auf eines der Bleche geschrieben, das hat noch keiner sauber gemacht. Aber das Büro ist noch wie ein frischer Wikipedia-Artikel. Unfertig, aber es ist jetzt angelegt. Mit Leben füllen müssen es die Hamburger selbst.  

> Hier finden Sie das neue Wikipedia-Büro: Wincklerstraße 3, 20459 Hamburg

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