Wahlkampf in Hamburg : Wie links sind "Die Linken"?

Die Partei "Die Linke" entpuppt sich als volksnahe Partei mit realistischen Ideen und Vorhaben. Die Mitglieder haben mit dem Kommunisums wenig zu tun.

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08. Februar 2011, 09:07 Uhr

In Hamburg gibt es zur Zeit nicht einen einzigen Tag, an dem Interessierte keine Gelegenheit hätten, sich in mehreren, über die ganze Stadt verteilten Wahl-Veranstaltungen die Parteien vor Ort, an der Basis anzuhören und gründlich selbst zu befragen. Politik zum Anfassen. Ohne Berliner Prominenz, die volle Säle garantiert, aber selten neue Erkenntnisse für lokale Fragen. Neulich war Finanzminister Schäuble Gast der CDU und versicherte ebenso treuherzig wie rätselhaft, Hamburg brauche "solide Finanzen, wofür Christoph Ahlhaus steht". Ein guter Grund, den nächsten Redenschreiber zu feuern.
"Die Linke" bat in das Jugendzentrum Bahrenfeld zu einer Veranstaltung mit ihrem Bürgerschafts-Abgeordneten Norbert Hackbusch. Das Treffen findet in einem Gebäude statt, das die Abrissbirne redlich verdient hätte, nebenan ein Rotlichtladen, dahinter ein riesiger Parkplatz vor dem Lidl-Markt. Auf den Doppelfahrbahnen der Straße davor rauscht um 19 Uhr abends in beide Richtungen der tägliche Berufsverkehr in beängstigender Dichte. Ein etwas anderes Wohnviertel als an der Außenalster. Bahrenfeld war einmal Industrie- und Arbeiterviertel.
"Zeit der proletarischen Internationalen ist vorbei"
"Die Linken" sind vielen immer noch rätselhaft. Alt-Kommunisten? PDS-Anhänger? Unbelehrbare, gefährliche Umstürzler, oder einfach nur Spinner? Nichts von alledem. In der fast familiären Veranstaltung mit etwa 30 Teilnehmern in einem kleinen Büro mit einer bizarren Mischung von Sitzgelegenheiten, unterbricht hin und wieder ein kleiner dicker, griechisch Gebürtiger mit ständigen Hinweisen, er sei Kommunist - kein "Linker", was im Raum Heiterkeit erregt. Der Genosse wird von einer Teilnehmerin streng belehrt, die Zeit der proletarischen Internationalen sei vorbei. Hier ständen kommunale Fragen zur Diskussion. Das Auditorium ist wach und gesprächssicher. Die Sieger der sozialen Marktwirtschaft sind es nicht.
Zweieinhalb Stunden dauert die höflich-freundliche, durchgehend unaufgeregte Veranstaltung. Jede Frage wird von den Rednern geduldig und sachlich beantwortet, gelegentlich sogar mit dem Eingeständnis, keine endgültige Antwort zu haben. Fast alle Themen könnten in jeder anderen Partei vorkommen: Es geht um die Sorgen derer, die nicht auf der Sonnenseite stehen, arbeitslos sind oder waren. Hartz IV ist ein Thema, preiswerte Wohnungen ein anderes. Und, immer wieder, "Gerechtigkeit".
Mehr Staat, weniger Militär
"Die Linken" bekennen sich dabei regelmäßig als enttäuschte "Grüne" und Ex-Sozialdemokraten, denn als gestandene Kommunisten. Bürgerschaftsabgeordneter Hackbusch: Die "etablierten" Parteien nähmen die sozialen Fragen nicht mehr ernst. Deshalb habe er eine Alternative als echte Oppositionspartei gesucht. Auch als Reaktion auf den Nato-Einsatz im Kosovo. Tenor: Wir bräuchten wieder mehr Staat, weniger Militär und keine "Protzbauten für Millionäre". Der schon erwähnte Grieche forderte, "das Volk" müsse regieren. Dann wurde es wieder wirklichkeitsnäher. Die Bezirksabgeordneten fühlten sich zu häufig vom Rathaus gegängelt und forderten mehr eigenständige Handlungsfreiheit, am Beispiel der neuen Bebauungsfläche am Altonaer Bahnhof und der dort völlig verkorksten Autoverladung.
Und solange es bezirklich, lokal und praktisch blieb, waren einige bemerkenswerte Überlegungen zu hören, absolut diskutabel. Von Ikea bis zur Wohnsituation, vom Haushaltsrecht zum "Vorbehalts gebiet". Als es wieder einmal um die angeblich dringend notwendige "Systemveränderung", die "Beendigung des unhaltbaren, zerstörerischen Prozesses des Kapitalismus ging, um "irgendeine Form irgendeiner gerechteren Verteilung zu verwirklichen", wurde Hackbusch deutlich: Die Geschichte des Kommunismus sei eine "entsetzliche". Die Linke werde für machbare Verbesserungen vor Ort kämpfen - in der Demokratie. Für den einen oder anderen Genossen Grund genug, die abgegriffene Behauptung zu bemühen, bisher habe es bekanntlich nie wirklichen Kommunismus gegeben. Danach wandte sich das Gespräch wieder dem Alltag zu, nämlich der Dauer der Ampel-Phasen auf der Bahrenfelder Chaussee. Die Weltrevolution war mal wieder zurückgestellt.
Klaus May beobachtet für unsere Zeitung den Wahlkampf in Hamburg. Nächste Folge: Die CDU

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