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shz.de macht den Test : Wie kann ich meine Flugangst überwinden?

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Aus der Onlineredaktion

Einmal um die ganze Welt reisen - mit Aviophobie bleibt das nur ein Traum. Unsere Autorin Mirjam Rüscher hat beschlossen, ihre Flugangst zu bekämpfen und ein Seminar für entspanntes Fliegen besucht.

shz.de von
erstellt am 05.Okt.2014 | 19:42 Uhr

Hamburg | Flugangst-Seminar! Wessen Idee war das bloß? Ach richtig, meine. Na ja, nicht nur. Eigentlich hat mir jeder, der mal das Vergnügen oder besser das Pech hatte, mit mir in ein Flugzeug zu steigen, ein solches Seminar nahegelegt. Der Grund dafür ist klar: Ich habe Flugangst. Nicht so sehr, dass ich gar nicht einsteige, aber doch so sehr, dass jeder Flug zum Albtraum wird. Tage vorher bin ich gestresst, danach brauche ich eigentlich gleich wieder Urlaub, um die Todesängste  loszuwerden, die ich ausgestanden habe. Nicht zu vergessen, dass ich mich von allen verabschiede, als wäre es das letzte Mal, bevor ich fliege – sicher ist sicher.

Schon in der S-Bahn zum Flughafen habe ich ein mulmiges Gefühl. Was wird gleich passieren? Mit lauter Musik auf den Kopfhörern und einem Buch versuche ich das, was gleich kommt, so lange wie möglich zu verdrängen. Als ich zum fünften Mal den gleichen Satz lese, wird mir klar: Das wird nichts. Also quäle ich mich mit Gedanken an die letzten Flüge und hadere mit meiner Entscheidung, dieses Seminar zu machen.

Angekommen am Flughafen Fuhlsbüttel geht es in den Tagungsraum des angrenzenden Hotels. Ich stolpere hinein, zehn fremde Gesichter erwarten mich. Eines ist das von Antonia Arboleda-Hahnemann. Die Diplom-Psychologin leitet das Lufthansa-Seminar für entspanntes Fliegen. Es beginnt im Stuhlkreis,  nacheinander erzählen alle, seit wann sie Angst vorm Fliegen haben und warum. Einer ist seit Jahren nicht geflogen; ein anderer ständig beruflich mit dem Flieger unterwegs. Einer hat Angst bei Turbulenzen; ein anderer vor einem Absturz, vorm Kontrollverlust, vorm Sterben... Danach geht es mir besser. Ich befinde mich in der richtigen Gesellschaft.

Seit über zehn Jahren leide ich an Flugangst. Damals bin ich nach Barcelona geflogen, zurück bin ich 23 Stunden mit dem Zug gefahren. Was der konkrete Auslöser war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, wenn ich im Flieger sitze, dann denke ich: „Ich überlebe das nicht.“

An vieles gewöhnt man sich durch Wiederholung, man wird besser darin. Arboleda-Hahnemann sagt, was allen irgendwie klar ist: Beim Fliegen funktioniert das nicht. „Wenn man Angst hat, dann hat man die.“ Auslöser für diese Angst sei oft fehlendes Wissen. Die Teilnehmer sollen nun in den kommenden Stunden ihre Ängste erkennen und verstehen lernen. „Ich verspreche Ihnen, Sie werden den Flug morgen anders erleben“, sagt Arboleda-Hahnemann.

„Atmen Sie noch?“

Sie beginnt über den Teufelskreis der Angst zu sprechen, darüber, wie wir unsere Wahrnehmung schulen sollen. Wie wir unsere Gedanken steuern und so weniger körperliche Reaktionen hervorrufen – Herzrasen, Übelkeit, Kopfschmerz, Verspannung, Zittern.

„Atmen Sie noch?“, fragt sie und es geht ein Seufzen durch die Gruppe. Schon beim Zuhören haben sich alle verspannt, die Atmung wurde flacher. Immer wieder wird sie uns im Laufe des Seminars daran erinnern, zu atmen, uns zu bewegen. Das tut gut. Ich schnappe förmlich nach Luft, als sie uns dazu auffordert.

Sich beim Fliegen unwohl zu fühlen, sei völlig normal. „Wir sind nicht zum Fliegen gebaut, deswegen spielt uns der Körper Streiche“, erklärt die Psychologin.

Wir Teilnehmer seien nicht psychotisch oder zwangsgestört, sondern einfach „normal neurotisch“. Jeder Dritte fühle sich unwohl beim Fliegen, jeder fünfte leide unter Flugangst. Kein Wunder, man erwarte, dass die Leute vertrauen haben – in das Flugzeug, den Piloten – ohne, dass man ihnen erklärt, was passiert. Das wird sich ändern. Die Piloten Peter Hatlapa und Tobias Hinsch kommen in das Seminar. Sie berichten uns von den strengen Auswahlverfahren für Piloten, der Ausbildung, den Kontrollen und Überprüfungen. Sie erklären, wie ein Flugzeug fliegt und dass es nicht einfach runterfällt, weil die Luft es trägt. 

Die Theorie vom Fliegen

Danach steht die Flugzeugbesichtigung an. Mit den Boarding-Karten in unseren Händen machen wir uns auf zum Sicherheitscheck. Da ist es wieder, das mulmige Gefühl. Es reicht schon, im Flughafen zu sein und zu wissen, dass es gleich ins Flugzeug geht, um mich unwohl zu fühlen. Und nicht nur mir geht es so.

Auf dem Rollfeld erklärt uns Peter Hatlapa jedes Detail des Fliegers, die Tragflächen, die Triebwerke, das Fahrwerk. Wir wandern einmal um den Flieger herum, fassen ihn an. Dann geht’s hinein. Es ist nur eine kleine Maschine, alles sehr eng. Die Psychologin fordert uns auf, uns zu bewegen. „Hüpfen Sie doch mal, bekommen Sie ein Gefühl dafür, wie sich das Flugzeug schon am Boden bewegt.“

In kleinen Grüppchen gehen wir im Anschluss mit dem Piloten ins Cockpit, dürfen Platz nehmen, die Pedale treten, den Steuerknüppel bewegen. Es ist Zeit für ein Gespräch mit Peter Hatlapa. Im Vordergrund stehen Fragen zu Gefahren: „Ich habe eine Frau und Kinder, glauben Sie ich würde diesen Job machen, wenn er gefährlich wäre?“, gibt er ruhig zurück. Stimmt!

Hatten Sie denn nie Angst? „Vorm Fliegen? Nein. Aber nach dem 11. September habe ich mir natürlich auch Sorgen gemacht oder damals, als die Maschine nach Mogadischu entführt wurde. Vor Terror kann man aber überall Angst haben, außerdem sind die Sicherheitsvorkehrungen mittlerweile sehr streng“, gibt der Pilot zu bedenken.

Das Gesehene und Gehörte ist noch nicht so recht verdaut, da geht es im Seminarraum schon zum nächsten Themenfeld:  Wetter, Turbulenzen, Treibstoff, Berechnungen der Menge, TCAS – Traffic Alert and Collision Avoiding System. „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, die gibt es aber nie. Uns geht jeder Unfall an die Seele, es wird sehr ernst genommen, sodass das gleiche nicht nochmal passieren kann“, betont Hatlapa. Ich glaube ihm. Dem Menschen und dem Piloten.

Einfach einsteigen

Am nächsten Morgen geht es schon deutlich entspannter nach Fuhlsbüttel, und dass, obwohl der Flieger diesmal auch abheben wird. Über Nacht haben sich alle so ihre Gedanken gemacht, es sind Fragen geblieben. Die Gruppe kreist um die „Was-wäre-wenns“, bis die Psychologin unterbricht: „Letztlich geht es  um die Frage, wie viel Raum geben Sie Ihrer Angst?“ Grüblerisches Schweigen.

Arboleda-Hahnemann spricht derweil über das Innenohr und das Starten und Landen, erklärt anhand einer Art akustischen Fluges alle Geräusche an Bord. Dann bewegen wir uns wieder. „Je entspannter Sie sind, desto weniger befindet sich Ihr Körper in Alarmbereitschaft. Stress entsteht auch durch Muskelanspannung“, erklärt sie.

Dann brechen wir auf. Zum Sicherheitscheck, zum Terminal. Die  Anspannung steigt. Ich atme tief ein, versuche locker zu bleiben. Alles geht ziemlich schnell, die Schlangen sind kurz, dann dürfen wir als erste ins Flugzeug.

Vor dem Einstieg zögere ich kurz, atme tief ein, streiche einmal mit der Hand über die Außenhaut des Fliegers, einen Schritt, dann habe ich es geschafft. Was ich gerade wirklich geschafft hab, wird mir erst später klar. Kein Gezeter, keine Tränen, keine große Theatralik. Ich bin einfach eingestiegen.

Wir begrüßen die Crew, werfen einen Blick ins Cockpit, schütteln dem Piloten die Hand. Dann geht es auf die Plätze. Anspannung macht sich breit. Nervös sehe ich mich um, bis mein Blick an Arboleda-Hahnemann hängen bleibt. Sie lächelt und redet beruhigend auf uns ein, erklärt uns jeden einzelnen Vorgang, sagt uns, worauf wir achten sollen.

Dann rollen wir. Wie ein Mantra rede ich mir immer wieder ein: Atmen, entspannen, locker lassen. Als wir starten, drückt mich die Fliehkraft in den Sitz; diesmal gehe ich nicht dagegen an, sondern gehe mit.

Als das Anschnallzeichen ausgeht, sollen wir aufstehen, rumlaufen. Kurze Zeit später landet der Flieger auch schon wieder. Die halbe Stunde bis zum Rückflug schlendere ich durch den Frankfurter Flughafen, stöbere sogar im Buchladen. Dann geht es schon wieder los. Diesmal sollen wir allein versuchen, mit der immer mal wieder aufsteigenden Angst klarzukommen.

Bei der Landung in Hamburg ist die Gruppe stolz, beinahe euphorisch. Wir haben es geschafft, ich habe es geschafft. Die Gruppe geht auseinander. Nicht ohne sich vorher wie alte Freunde zu verabschieden. Das Erlebte schweißt zusammen.

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