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Taufe mit Jörg Pilawa in Hamburg : Warum Walross-Baby Loki an Helene Fischer erinnert

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In Hamburg tauft Moderator Jörg Pilawa das neue Walross-Baby. Doch die Zeremonien sind weniger Tradition als Marketing.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2015 | 15:37 Uhr

Jede Menge Speck, Kulleraugen und ein Damenbärtchen: Das kleine Walrossmädchen im Hamburger Tierpark Hagenbeck erobert die Herzen der Besucher durch bloße Schwabbeligkeit. Jetzt soll das Tierbaby von Jörg Pilawa auf den Namen Loki getauft werden. Die Zeremonie findet am 13. Oktober am Eismeer in Hagenbeck statt. Ein putziges, speckfaltiges Tierchen, ein sympatischer, allzu glatter Moderator: Was nach einer familienfreundlichen Show klingt, hat längst nicht mehr nur mit Spaß zu tun.

Wenn es um Taufen geht, wird immer häufiger geklotzt, nicht gekleckert. Dazu nehme man einen A- bis F-Promi als Taufpaten, ein bizarr-beklopptes Spektakel, Champagner oder ähnliches, Medien, die grade kein anderes Thema haben und irgendwas Großes, aber noch Namenloses. Wenn man grad kein Walrossbaby zur Hand hat, gehen auch Elefanten, Eisbären – oder Schiffe. Ach ja, einen Namen braucht man auch. Entweder man nummeriert einfach durch oder macht ein Online-Voting. So wie bei Walross Loki.

Nicht Loki Schmidt ist Namenspatronin der jungen Wuchtbrumme, man muss also nicht befürchten, dass das Tierchen künftig für Zigaretten werben muss. Der Gott aus der nordischen Religion ist Namenspate – analog zu Walross-Lokis großem Bruder Thor. Das mythologische Vorbild ist eigentlich ein männlicher Gott – der wegen seiner manchmal etwas schelmisch-hinterhältigen Art nicht unbedingt beliebt war. Aber das interessierte die Mopo-Leser herzlich wenig, die mit der Abstimmung über den Namen betraut waren. 36 Prozent votierten für den Namen.

Ob so viele auch für Jörg Pilawa als Taufpaten gestimmt hätten, bleibt unklar. Galt er 2012 noch als Nachfolge-Kandidat für das Show-Schlachtschiff „Wetten dass...?“, ist er seit der Rückkehr zur ARD offenbar alleinig auf die Vorabend-Quizshow „Quizduell“ abbonniert. Genau die, die nach der gleichnamigen App benannt wurde und deren Premiere an der Technik so grandios scheiterte. Mit der Sendung erreicht der 50-Jährige zwar regelmäßig ein Millionenpublikum, doch ein Walross könnte eine willkommene Abwechslung sein. Böse Zungen mögen behaupten, es ist nur ein weiterer Schritt runter auf der Karriere-Leiter. Bleibt die Quizfrage: Welche Taufe hatte bislang den größten Show-Effekt: Die Luxusliner Meinschiff, der  Kaventsoschi von Astra, Eisbär Knut oder Giraffe Nakuru.

Mein Schiff-Taufen: Helene Fischer oder das 15-Meter-Kleid

Die prominente Taufpatin für „Mein Schiff 3“: Schlagerstar Helene Fischer.
Die prominente Taufpatin für „Mein Schiff 3“: Schlagerstar Helene Fischer. Foto: tuicruises
 

Namen sind wichtigster Bestandteil einer Taufe? Weit gefehlt. Warum Namen ausdenken, wenn man auch durchnummerieren kann? Die unzähligen Mein Schiff-Schiffe werden mit einer penetranten Regelmäßigkeit in aufsteigender Zahlenfolge getauft. Nahezu jedes Jahr erblickt eine neue schwimmende Bettenburg das Licht der Welt in und muss selbstredend gebührend gefeiert werden. Und obwohl die Schiffe unter maltesischer Flagge fahren, findet das Großereignis stets in Norddeutschland statt. Mit Feuerwerk und Musik. Die Reederei lässt sich das Spektakel einiges kosten, schließlich sind die Parties auch Werbung vom Allerfeinsten. Und es wurde mit jedem Jahr pompöser.

Für Mein Schiff 3 verpflichtete man in Hamburg die überpräsente Schlagerikone Helene Fischer als Taufpatin. Damit stellte die Reederei sich selbst ein Bein. Denn die hübsche Sängerin ist bei den Massen so derartig beliebt, dass man zumindest den Promipart nicht mehr toppen kann. Nie wieder. Wie man trotzdem immer spektakulärer wird? Ganz einfach – so:

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Das Taufkleid war 15 Meter lang.
Das Taufkleid war 15 Meter lang. Foto: dpa

Schwimmstar Franzi van Almsick mangelnde Prominenz nachzusagen, würde dem ehemaligen Schwimmstar nicht gerecht werden. Doch wie gesagt: Niemand sticht die Schnulzenkönigin aus. Die Zeiten als B-Promi sind für die Sportlerin vorbei. Trotzdem überragt sie bei der Taufe in Kiel Helene Fischer, buchstäblich. Mit einem 15-Meter Kleid reckt van Almsick sich hoch über dem Bug des Schiffes mit dem prosaischen Namen „Mein Schiff 4“, während die krachende Champagnerflasche zur Nebensache wird. Wie man das Spektakel noch einmal toppen will, werden wir am 16. Juli bei der Taufe des nächsten Schiffes in Travemünde sehen. Der Name steht ja schon fest:  „Mein Schiff 5“. Es besteht das ungeschriebene Gesetz, dass entweder Promi oder Kleid noch toller werden. Wie wäre es mit Lady Gaga, die auf einem glitzernd geschmückten Pferd angeritten kommt? Oder auf einem Walross? Wir hätten da einen Vorschlag.

Die Rache der Flasche

Die einzigen anderen Arten, diese Glitzerwelt zu toppen, sind Bescheidenheit oder Ironie. Und da Bescheidenheit im Marketing-Business niemanden interessiert, zieht die Hamburger Brauerei Astra diesen Tauf-Wahn durch den Kakao. Beziehungsweise durch die Hopfenbrause. Zum Reeperbahnfestival wurde eine Dreiliterflasche hergestellt, die den wohlklingenen Namen Kaventsoschi erhielt. Die Flasche wurde von halbnackten Kraftpaketen feierlich zur Taufe getragen – und diesmal zerschellte nicht die Flasche, sondern das Schiff. Ein Modellschiff aus Zucker zwar, aber immerhin, die Rache war perfekt.

Oder auch nicht. Denn die Rache der Flasche wurde schon einmal zelebriert. Kurz zuvor rächte sich eine Champagner-Flasche für die jahrzehntelange Tradition der Demütigung und Zerstörung. In einer beispiellos effekthascherischen Werbe-Show mit Promi-Auflauf ließ ein Hersteller des so schön prickelnden Getränks ein Modellschiff an einer überdimensionierten Champagnerflasche zerschellen.

Wie Eisbär Knut die Sozialdemokratie rettete

Eisbär Knut als süßes Neugeborenes.
Eisbär Knut als süßes Neugeborenes. Foto: DPA

Statt mit Feuerwerk und Alkohol muss es bei Tiertaufen allerdings etwas weniger pompös zugehen. Was nicht heißen muss, dass man darauf kein Großereignis machen kann. Eine wirkliche Taufe war es nicht, die Knut, seines Zeichens Eisbärbaby vom Beliebtheitsrang einer Helene Fischer, an Sigmar Gabriel band. Die Patenschaft, die der damalige Umweltminister für das Tier übernahm, basierte auf dem, was Knut mutmaßlich spannender fand als knallende Champagnerkorken – Futter. Am 23. März 2007 war Gabriel bei der öffentlichen Vorstellung des Tiers zugegen, live übertragen im Fersehen. Knut war einfach zu passend: Zuckersüß, ein Medienhype und zugleich Symbol für eine überfällige Änderung in der Klimapolitik. Gleich drei Dinge auf einmal. Gabriel hängte sich einfach dran und versuchte beim wahlmüden Publikum mittels Bär zu punkten, egal ob die Westerwelles dieser Welt das als „skurrile Symbolpolitik“ diffamieren oder die FDP ihm Verschwendung von Steuergeldern vorwirft (12.000 Euro). Half der kostspielige Knut-Hype ihm, nach der Wahlniederlage zwei Jahre später den Parteivorsitz einzunehmen? Vielleicht. Vielleicht half Gerhard Schröder dann doch noch etwas mehr. Die Karriere ging jedenfalls bergauf für den Minister. Da störte es auch nicht, dass er nach dem tragischen Tod des Tieres die Patenschaft nicht mehr häufig ansprach.

Giraffe im Hechtsprung: Wie Nakuru die Show sabotierte

Der beste Show-Effekt ist immer noch die Überraschung. Ein Feuerwerk mag bezaubern, eine Helene Fische als Massenmagnet wirken, aber Dank großer Ankündigungen werden die großen Taufzeremonien erwartbar. Fast schon langweilig. Das Protokoll wird abgespult und spätestens beim nächsten HSV-Trainerwechsel wieder vergessen. Also recht schnell. Offenbar nicht zeremoniell genug fand Giraffenbaby Nakuru seine offizielle Vorstellung in Hagenbeck im April. Da weder Helene Fischer, noch ein 15-Meter-Kleider oder Champagner zugegen waren, setzte das Tierchen voll auf das Überraschungsmoment. Der kleine Langhals sprang spontan via Hechtsprung ins Wasser und musste von Tierpflegern aus dem Tauf- bzw Plantschbecken gerettet werden. Leider kann Loki als wasseraffines Walross diese Überraschung nicht toppen. Und so wird die Taufe in etwa so wenig pompös wie die des kleinen Elefantenmädchens Anjuli im September in Hagenbeck. Die Musikerinnen von Salut Salon gossen Kokosmilch auf den Nachwuchs. Das war erfrischend schlicht und nimmt den Druck von Likis Taufe. Jörg Pilawa im 15-Meter-Kleid bleibt dem Publikum also erspart.

 
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