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Sturmflut in Hamburg 1962 : Waltershof: Die Vergessenen der Flutkatastrophe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie erlebten gemeinsam die verheerende Sturmflut von 1962. Am Sonnabend trafen sich in Hamburg etwa 100 Überlebende.

Waltershof/Wilhelmsburg | Es war die größte Katastrophe in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 starben bei einer schweren Sturmflut auf dem Gebiet der Hansestadt 315 Menschen, davon allein 200 auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Wenn seither an die Heimsuchung vor mehr als einem halben Jahrhundert erinnert wird, dann ist fast ausschließlich von Not und Tod auf dieser größten der Elbinseln die Rede. Zu Unrecht. Denn auch in den anderen elbnahen Stadtteilen wütete das Wasser jener Winterflut und forderte Menschenleben.

Daran zu erinnern haben sich Detlef Baade (60) und Johannes Tönnies (75) zur Aufgabe gemacht. Seit 2012, dem 50. Jahrestag der Katastrophe, rufen sie stets am Wochenende nach dem Unglücksdatum ehemalige Bewohner des untergegangenen Siedlungsgebiets Waltershof/Dradenau zusammen.

Sie alle passierten auf dem Weg dorthin den drei Tonnen schweren Findling, der seit Jahren Blicke auf sich zieht. In ihn eingelassen ist eine Bronzeplatte mit 44 Namen – von Anna Adler bis Friedrich Zimmer. Es ist die Liste der Menschen, die in der verheerenden Flutnacht 1962 in Waltershof den Tod fanden, so erläutert Detlef Baade. Er hat die Ereignisse 1962 als Sechsjähriger erlebt und überlebt. Der Waltershofer sagt: „Wir haben die Tafel neu anfertigen lassen. Es musste ein 44. Name ergänzt werden.“ Gertrude Hinz war seinerzeit für eine Hochzeitsfeier von außerhalb nach Waltershof angereist – und wurde zu einem der Opfer.

Vom Wasser eingeschlossene Bewohner des Stadtteils Wilhelmsburg werden am 17. Februar 1962 mit Booten geborgen.
Vom Wasser eingeschlossene Bewohner des Stadtteils Wilhelmsburg werden am 17. Februar 1962 mit Booten geborgen. Foto: dpa
 

Nicht nur das Schicksal der Berlinerin und das der anderen 43 Toten bewegt sich im Windschatten der großen Wilhelmsburger Tragödie. Auch Waltershof selbst als ehemaliges Elbdorf fällt allmählich Vergessenheit anheim. Für das Gebiet, in dem bis 1962 noch knapp 4100 Menschen ihre Heimat hatten, listet das Statistische Landesamt heute gerade noch fünf Einwohner auf. Die Flut markierte den Anfang vom Ende als Siedlungsgebiet. Inzwischen gehört das Areal zwischen Köhlbrand, Norderelbe und Autobahn 7 ausschließlich der Industrie und dem Hafenumschlag.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hier Milchvieh, viele Kleingärten und etliche Behelfshäuser“, erinnert sich Johannes Tönnies. In den Holzhütten waren vor allem Kriegsvertrieben aus dem Osten untergekommen. Und Ausgebombte, so wie seine Familie, die 1943 von Altona übersiedeln musste. Als damaliger Postbote der Insel war Tönnies in den dramatischen Stunden mittendrin. Auch deshalb störte er sich an der merkwürdigen Lücke in der kollektiven Hamburger Erinnerung jener Ereignisse. „Mich hat geärgert, dass immer nur von Wilhelmsburg gesprochen wurde.“ Etwa als die Helmut-Schmidt-Universität eine Schrift zum 50. Jahrestag vorbereitete. Da hätte die Autoren die 44 Waltershofer Toten glatt unterschlagen. Daraufhin schrieb Tönnies ein Buch über seine frühere Heimat und rückte dabei den falschen Endruck zurecht.

Und er trommelte mit anderen für eine Gedenkstätte. 2012, aus privaten Spenden finanziert, bezog der Findling schließlich vor dem „Duckdalben“ Stellung. Daneben stellt eine Infotafel die Waltershofer Geschehnisse von 16./17. Februar kurz dar – in Deutsch und Englisch. Wegen der vielen internationalen Besucher des Seemannsklubs.

Tönnies werden noch immer die Augen feucht, wenn er von den Momenten der Katastrophe erzählt. Gegen Mitternacht habe ihn sein Vater damals aus dem Schlaf geklopft: „Oma und Opa saufen ab!“ Der damals 23-Jährige fuhr im Post-Käfer zum nahen südlichen Köhlbrand. „Im Haus stand das Wasser. Alle saßen auf Stühlen auf den Tischen.“ Seine Großmutter – eine Frau von mehr als zwei Zentnern – schleppte der junge Mann auf den Schultern ins Trockene. Anschließend den Großvater. Dieser starb später an Unterkühlung. „Das Schlimmste waren die Schreie“, erinnert sich der Waltershofer, der nun auf der anderen Elbseite in Sülldorf lebt. Die trüben Fluten der Elbe hätten viele Menschen mitgerissen, die verzweifelt um Hilfe riefen. Eine Frau habe er mit Hilfe eines Taus herausgezogen.

Erinnerung: Detlef Baade (l.) und Johannes Tönnies am Gedenkstein für die 44 Waltershofer Opfer der Flutkatastrophe von 1962.
Erinnerung: Detlef Baade (l.) und Johannes Tönnies am Gedenkstein für die 44 Waltershofer Opfer der Flutkatastrophe von 1962. Foto: Markus Lorenz
 

Detlef Baade hat ähnlich Dramatisches erlebt, aber auch ganz anderes in Erinnerung. „Ich weiß noch, dass ich am Fenster stand und ins Wasser pinkeln durfte.“ Seine Familie und andere Waltershofer hatten sich in dem höher gelegenen Haus in obere Stockwerke gerettet. Auch wenn dort keine Opfer zu beklagen waren – Baade bekam in den folgenden Tagen die schlimmen Folgen zu Gesicht. „In einem Baum hing ein totes Kind. Das werde ich nie vergessen.“

Die meisten der Überlebenden kehrten nie nach Waltershof zurück. Der Senat verzichtete auf einen Wiederaufbau, zumal er die Flächen für die Hafenerweiterung brauchte. Familie Baade allerdings lebte bis 1976 in der alten Heimat. Bis zum nächsten verheerenden Hochwasser. Die Sturmflut von 1976 lief noch höher auf als die 14 Jahre zuvor. Tote gab es keine mehr, weil die Deiche diesmal standhielten.

Was empfinden die Überlebenden heute beim Blick auf riesigen Containerhalden, die lärmige A 7 und die Köhlbrandbrücke? Auf moderne Infrastruktur dort, wo einst ihr Leben war? „Es ist gut so, wie es ist“, entgegnen beide. „Waltershof ist jetzt das pochende Herz unseres Hafens“, sagt Baade. Dann lächelt er. „Ich bin noch immer jeden Tag hier.“ Als Beschäftigter am Eurokai hat er seinen Arbeitsplatz seit fast 40 Jahren auf dem weitläufigen Containerterminal am Waltershofer Hafen.

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erstellt am 22.Feb.2015 | 17:00 Uhr

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