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Von Rumpelkammer zur Requisitenbörse

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Einzigartig: Hanseatische Materialverwaltung bietet alte Filmrequisiten an

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erstellt am 22.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Hamburg | Der alte Bahnhofsschuppen am nördlichen Rand der Hafencity hat in den vielen Jahrzehnten schon allerlei in sich geborgen. Was aber Petra Sommer und Jens Gottschau nun auf 600 Quadratmetern in der Lagerhalle am Oberhafen versammelt haben, ist nicht nur für Hamburg einzigartig, sondern deutschlandweit. Hinter Backstein stapelt sich ein Fundus aus Tausenden ausgedienten Gegenständen, die Theater, Filmgesellschaften, Messerveranstalter und andere mehr aussortiert haben. Die Hanseatische Materialverwaltung hat den Wust von Requisiten - vom Lampenschirm über Wahlurnen bis zum historischen Filmprojektor, - vor dem Müllofen bewahrt, um sie für einen geringen Beitrag an Menschen und Initiativen mit großem Herzen, großer Fantasie, aber furchtbar kleinem Geldbeutel weiterzureichen.

"Ich konnte nicht mehr fassen und ertragen, was so alles weggeworfen wird", sagt Petra Sommer, die früher in der Filmausstattung tätig war. Wenn TV-Produktionsfirmen, Schauspielhaus und Staatsoper sowie Eventveranstalter ihre Kulissen nicht mehr brauchen, landet das Meiste davon im Abfallcontainer. Eine völlig unsinnige Verschwendung, fand Petra Sommer schon lange. Als sie schließlich den gleichgesinnten freien Künstler Jens Gottschau traf, wurde aus Wunsch Wirklichkeit, Vorbild ist eine entsprechende Materialsammlung in New York.

Seit anderthalb Jahren hat das Duo die Requisitenbörse Stück für Stück zusammengetragen, das Lagerhaus auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs gesucht und gefunden. In den vergangenen Wochen wurde mit Hilfe etlicher freiwilliger Helfer aus einer Rumpelkammer ein gut sortiertes Eldorado. Auch die Kostenfrage ist vorerst geklärt. Die Stadt leistet eine Anschubfinanzierung, Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) wird das Fundstücke-Paradies morgen persönlich eröffnen. Auch deshalb, weil das Lager Teil des entstehenden Kreativquartiers in der Hafencity sein wird. Am Oberhafen sollen Künstler aller Art heimisch werden und so dem bisweilen als künstlich beschriebenen Stadtteil eine künstlerische Seele geben.

Die Hanseatische Materialverwaltung versteht sich als "zentrale Anlaufstelle für Materialien & Ideen". Kultureinrichtungen, öffentliche Schulen, Universitäten, Künstler und Vereine erhalten dort Materialien, die sie für die Realisierung ihrer sozialen, ökologischen und kreativen Projekte benötigen. Gedacht ist der offene Fundus beispielsweise für temporäre Architekturen, materialorientierte Berufsförderung, Kunstfilmkulissen, Baumhäuser für Kindergärten und, und, und.

Die Kulturszene reagierte wohlwollend auf den Plan. "Na endlich", sagen all diejenigen in der Branche, denen die Wegwerfmentalität schon lange missfällt. An Lieferanten dürfte es in der Kulturstadt Hamburg angesichts dreier Staatstheater, Dutzender Privatbühnen und diverser Filmgesellschaften kaum mangeln.

So hat zuletzt das St.Pauli-Theater seinen Fundus aufgeräumt und etliche Requisiten und Kulissen aus Kinderstücken vergangener Spielzeiten trennen ausgemustert. Was früher die Profis nutzten, kann bald in Schulaulen und auf Amateurbühnen nochmals für Freude sorgen. Nahezu kostenlos - und umweltfreundlich. Die Materialverwaltung hat errechnet, dass sie mit ihrem Kultur-Recycling 190 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr einspart.

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