zur Navigation springen

Hamburger Hauptbahnhof : Video-Appell löst neue Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge aus

vom

Viele Flüchtlinge brauchen viele Helfer. Aber die Freiwilligen am Hamburger Hauptbahnhof sind nach monatelangem Einsatz erschöpft. Ein spontaner Video-Appell im Internet sorgt umgehend für Verstärkung.

Hamburg | „Hilfe - Wir - brauchen - Helfer - bitte“. Die Hamburger Flüchtlingshelferin Emma hält Zettel mit diesen Worten in die Kamera. Dann schildert sie die Lage am Hamburger Hauptbahnhof, wo derzeit nach Angaben der Helfergruppe täglich rund 1000 Flüchtlinge kampieren. In dem neunminütigen Video schildert sie, dass die Zahl der Freiwilligen von 100 im September/Oktober auf jetzt unter 50 gesunken ist. Die verbliebenen arbeiten zum Teil rund um die Uhr und seien am Ende ihrer Kräfte. „Es kann nicht sein, dass sich nachts und frühmorgens zwei Leute um 500 ankommende Flüchtlinge kümmern“, sagte sie. „Bitte, bitte, bitte, helft den Geflüchteten und auch uns, dass wir mehr schlafen können, dass alle positiver arbeiten können.“

Emma redet weder flüssig, noch professionell. Aber ihr Appell zeigt Wirkung. Das Video wird bis zum Donnerstag, zwei Tage nach der Veröffentlichung, bereits mehr als 28 000 Mal geklickt. Medien greifen das Thema auf, und die Unterstützung wächst. Vor dem Infopoint der Initiative im Hauptbahnhof drängen sich neben Flüchtlingen auch viele Helfer. Am Mittwoch kamen nach Angaben eines Sprechers rund 100 Freiwillige, bis zum Donnerstagnachmittag weitere 50. Wer hilft, schreibt seinen Vornamen auf ein Stück Kreppband und klebt es sich auf die Brust. Und schon melden sich weitere Freiwillige. „Ich kann fließend Englisch, ich kann auch Brötchen schmieren“, ruft ein gut gekleideter Rentner einem der Helfer zu.

Carla macht vor dem Infopoint eine Spontan-Unterweisung. Es gebe keinen Dienstplan, erklärt sie vier interessierten Frauen. Aber wenn Züge etwa aus München ankämen, dann müssten die Leute in Empfang genommen werden. Die meisten wollten nach Schweden weiter und bräuchten Fahrplaninformationen. Viele hätten Hunger und Durst. Es müsse Tee ausgeschenkt werden, jemand müsse Brötchen schmieren, Müll einsammeln, und vor allem Dolmetscher seien wichtig.

Kirsten Vierling ist eine der Frauen, die helfen wollen. Die junge Ärztin hat am Morgen im Radio von dem Hilfsappell gehört. Spontan hat sie sich an ihrem ersten Urlaubstag entschlossen zu helfen. „Refugees welcome“ steht auf ihrem Pulli. Sie hat auch an die Helfer gedacht.

Ein Flüchtlingskind nimmt sich am Hauptbahnhof in Hamburg einen Pullover aus einem Kleiderhaufen neben den Zelten verschiedener Hilfsgruppen für Flüchtlinge.
Ein Flüchtlingskind nimmt sich am Hauptbahnhof in Hamburg einen Pullover aus einem Kleiderhaufen neben den Zelten verschiedener Hilfsgruppen für Flüchtlinge. Foto: dpa
 

Eine Limonadenflasche nach der anderen zieht sie aus ihrem Rucksack und drückt sie Carla in die Hand. „Das ist hier wie in der Notaufnahme“, sagt die Medizinerin. Sie wisse von vielen Kollegen, die auch gern helfen würden, aber immer nur stundenweise nach Feierabend Zeit hätten.

Medizinische Probleme gibt es reichlich, wenn man Emma glaubt. Die Flüchtlinge kämen oft mit ganz kleinen Babys, die unterwegs geboren worden seien. Sie habe in den Zelten gerade ein zwei Monate altes Frühchen und vier Wochen alte Drillinge gesehen. „Die haben nix zum Anziehen. Die Kinder laufen barfuß. Die sind abgemagert. Die haben Angst“, sagt sie mit eindringlicher Stimme in ihrem Video.

Vierling ist voller Elan. Sie erzählt, dass sie schon Kleider gespendet und auch schon dem Gesundheitsamt Altona ihre Dienste angeboten habe. Dort habe man sie aber nicht vermitteln können. „Die Mühlen der Behörden arbeiten zu langsam“, meint sie. Aber auch die Helfergruppe am Hauptbahnhof kann sie nicht sofort einsetzen. Sie laden sie wie die anderen neuen Freiwilligen zu einer Einführungsveranstaltung am Samstagabend ein.

zur Startseite

von
erstellt am 05.Nov.2015 | 18:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert