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Betrug : Um die Erbschaft gebracht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bernd Rädel hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinem Vater – doch dann erschlich sich dessen Haushaltshilfe den gesamten Nachlass.

Bernd Rädel sitzt am Esszimmertisch und betrachtet alte Fotos. Auf fast allen sieht ein kräftiger Mann in die Kamera. Gerhard Rädel, Bernds Vater. Dem Rahlstedter wird das Herz schwer, wenn er sich diese Bilder ansieht. „Sie sind alles, was mir von meinem Vater geblieben ist“, sagt er. „Und mein Vater war kein armer Mann.“

Gerhard Rädel ist vor knapp drei Jahren im Alter von 92 Jahren gestorben. Doch das Reihenendhaus in Freiburg, das er seinem Sohn einst notariell überschrieben hatte, ist weg. Erinnerungsstücke an das familieneigene Rittergut in Schlesien, Orden, die er als U-Bootfahrer im Zweiten Weltkrieg verliehen bekommen hatte. „Es ist weg, alles im Müll gelandet“, vermutet Bernd Rädel. Eines weiß der Elektro-Ingenieur seit der Testamentseröffnung vor zwei Jahren jedoch gewiss: Sein Vater, ein früherer Oberamtmann, ist einer Erbschleicherin aufgesessen. „Und das, obwohl ich mein Leben lang engsten Kontakt pflegte“, ergänzt er. „Weil ich die Signale nicht erkannt habe.“
Auch nach der Scheidung von seiner Frau Ilse, die vor einigen Jahren starb, möchte Gerhard Rädel seinen Sohn so oft wie möglich sehen. „Ich habe ihn bewundert, ja, sicherlich auch geliebt“, überlegt Bernd Rädel. „Gesagt hat er zwar nie etwas. Das ist in dieser Generation ja nicht üblich. Aber Vater hat mich immer spüren lassen, dass ich ihm etwas bedeute.“

Als junger Familienvater lebt Bernd Rädel später gut zwei Autostunden vom Vater entfernt. Mindestens einmal im Monat verbringt er ein Wochenende beim ihm. Er schneidet ihm häufig den Rasen, wechselt Glühbirnen aus, stockt den Weinvorrat auf, damit Vater abends sein geliebtes Gutedel-Viertele genießen kann. Und er chauffiert den alten Mann regelmäßig zu seinen geliebten Treffen der U-Boot-Veteranen.
Mit achtzig Jahren bricht der Vater plötzlich ohnmächtig zusammen: Die Ärzte diagnostizieren Schlafapnoe – der Vater erleidet Atemstillstände und muss künftig nachts eine Atemmaske, tagsüber eine Sauerstoffbrille tragen. „Also habe ich Vater in jedem Zimmer Vorrichtungen gebaut, an denen er sich mit seiner Sauerstoffbrille andocken konnte. Ich wollte ihm ermöglichen, in seinem Haus bleiben zu können“, erzählt Bernd Rädel, der mittlerweile von seiner ersten Frau getrennt lebte. Kurze Zeit später verfasst sein Vater sein Testament. Bernd sollte sein Alleinerbe sein.

Wieder einige Jahre später treffen Vater und Sohn, letzterer mittlerweile mit seiner jetzigen Frau Marta verheiratet, eine verhängnisvolle Entscheidung: Sie suchen eine Reinigungskraft für den alten Herrn. In einem Anzeigenblatt bietet eine Brasilianerin ihre Dienste an: Maria Rodriguez (Name geändert), eine attraktive, temperamentvolle Frau. Acht Jahre ist das her. „Vater war sehr angetan von ihr“, sagt Bernd Rädel. „Vermutlich auch, weil sie eine geschickte Art an den Tag legte, sich unentbehrlich zu machen.“ Bernd Rädel lebt mit seiner neuen Frau Marta und ihren gemeinsamen beiden Jungen inzwischen im Hamburger Stadtteil Rahlstedt, fährt aber mehrmals im Monat zum Vater. „Das Haus war mittlerweile in einem fürchterlichen Zustand“, erzählt die Diplompädagogin.

„Zu diesem Zeitpunkt stellten wir fest, dass Maria schon damals meinen Vater ausgenommen hatte wie eine Weihnachtsgans. Er hatte ihr ein Auto gekauft, finanzierte ihr jedes Jahr einen Flug nach Brasilien, und zahlte ihr einen Stundenlohn von 50 Euro“, berichtet Bernd Rädel. „Als ich feststellte, dass er ihr seinen Tresor-Inhalt in Höhe von 30.000 Euro geschenkt hatte, gab es Krach zwischen uns. ,Das geht dich nichts an‘, konterte mein Vater. ,Mach dir mal keine Gedanken, es bleibt genug übrig für dich.‘“

Nach dem heftigen Streit bekommt Bernd Rädel Post von Vaters Anwalt: Ein Hausverbot. Nun zieht Maria bei dem mittlerweile Neunzigjährigen ein, ihr neuer Lebensgefährte gleich mit. Sie vermietet einzelne Zimmer des Hauses, unter anderem an eine Naturwissenschaftlerin der Universität Freiburg. „Eines Tages erhielten wir eine Mail dieser Dame, die uns entsetzte. Besorgt schilderte sie einen Wortwechsel zwischen Maria und Gerhard, bei dem sie ihn lautstark erpresste. ,Entweder du tust, was ich dir gesagt habe, oder du musst ins Heim‘, hatte Maria meinen Vater angebrüllt.“ Bernds flehende Briefe, das Hausverbot aufzuheben, werden nicht beantwortet. Es ist anzunehmen, dass er seine Post nie gesehen hat.

Mit 92 Jahren stürzt Gerhard Rädel in seinem Garten, Nachbarn finden den hilflosen Mann erst nach Stunden und rufen den Notarzt. Von Maria keine Spur. „Nun lag Vater im Krankenhaus, er hatte sich den Arm gebrochen“, erzählt Bernd Rädel. Mit seiner Frau fliegt er sofort zu ihm. Doch um Vaters Wohnung betreten zu können, um frische Wäsche zu holen, muss das Hausverbot aufgehoben werden. „Also setzte ich einen entsprechenden Satz auf und ließ Vater unterschreiben“, so Bernd Rädel. „,Ich hab‘ Mist gebaut‘, sagte er mir. Es war eine absurde Situation für uns beide.“

Drei Wochen nach seinem Sturz stirbt der Vater, drei Tage vor Weihnachten 2010. „Dabei war es immer sein großer Wunsch, in den eigenen vier Wänden das Leben zu beenden“, weiß Bernd Rädel. Maria Rodriguez plant eine stille Urnenbestattung, doch Bernd Rädel weiß, dass sein Vater im Sarg beerdigt werden wollte. „Nun hat er von seinem Grab aus einen herrlichen Blick auf den Schönberg, wo die Reben für seinen Gutedel wachsen“, sagt Bernd Rädel und lächelt. Maria Rodriguez blieb der Bestattung fern.

Vier Wochen später liegt Vaters Testament im Rahlstedter Briefkasten. „Ich las mit großem Entsetzen, dass mein Vater Maria Rodriguez als Alleinerbin eingesetzt hatte. Ihr gehört jetzt das Haus, das mein Vater 50 Jahre lang bewohnt hatte. In dem ich all die Jahre ein- und ausgegangen bin, wo wir eine Familie waren“, sagt er. „Und nicht nur das. Alle Erinnerungsstücke an meinen Vater hat sie offensichtlich vernichtet. Alles.“ Die alten Fotos sind das Einzige, was ihm von seinem Vater geblieben ist.

Sofort ficht er das Testament an, verliert zwei Prozesse. „Der Wille des Erblassers wurde berücksichtigt“, urteilt der Richter. Nun bleibt Bernd Rädel nur noch, um seinen Pflichtteil in Höhe von 70 000 Euro zu streiten.

Ob dieses Verhalten seinen Vater nun postum vom Sockel gestoßen hat? „Nein“, antwortet Bernd Rädel. „Ich kann ihm nicht böse sein. Er ließ sich von dieser Frau blenden, manipulieren. Ich mache eher mir Vorwürfe, dass ich die Signale nicht erkannt habe. Ich kam nie mehr allein an meinen Vater heran. Immer hat diese fremde Frau alles überwacht.“ Das Erbe hätte Bernd Rädel gern auch den Kirche, den SOS-Kinderdörfern oder einem nahestehenden Menschen seines Vaters gegönnt. „Aber dass es nun einer skrupellosen Betrügerin gehört, das macht mich unendlich wütend.“
 

Internet-Tipps zum Thema:
www.deutsches-forum-fuer-erbrecht.de
www.rechtstipps.de
www.erbrecht.de






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erstellt am 29.Sep.2013 | 09:13 Uhr

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