Anklage gegen Hamburger : Tonnenweise Gift an Gartenbaubetriebe

Er deklarierte hochgefährliches Nikotinsulfat einfach um und verkaufte das verbotene Lindan: Einem 67-jährigen Hamburger drohen bis zu zehn Jahre Haft.

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11. Juli 2011, 09:37 Uhr

Hamburg | Verbotene und teils hochgiftige Pflanzenschutzmittel soll ein 67-Jähriger aus Hamburg tonnenweise an Gartenbaubetriebe in Deutschland und Europa verkauft haben. Nach dem jahrelangen illegalen Handel hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Mann erhoben, sagte gestern Sprecher Wilhelm Möllers. Unter den Substanzen seien allein 80 Tonnen gefährliches Nikotinsulfat, das schon in kleinen Mengen für Menschen sehr giftig ist. "Das ist ein beachtlicher Schlag gegen den Handel mit illegalen Pflanzenschutzmitteln." Dem 67-Jährigen drohe eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.
Bei Durchsuchungen in Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hatten Ermittler vor mehr als zwei Jahren fässerweise teils hochgiftige Substanzen beschlagnahmt. Firmen aus dem Gartenbau, die etwa Zierpflanzen und Weihnachtsbäume herstellen, hatten die illegalen Mittel laut Staatsanwaltschaft von dem Mann aus Hamburg gekauft. In seiner Wohnung und den Geschäftsräumen hatten die Beamten Unterlagen mit zahlreichen Geschäftskontakten entdeckt, in der Garage lagerten Hunderte Kilo Pflanzenschutzmittel.
225 Ordnungswidrigkeiten
Die Staatsanwaltschaft hat den 67-Jährigen wegen Verstößen gegen das Chemikaliengesetz und das Markengesetz sowie wegen Urkundenfälschung angeklagt. Die Behörde wirft ihm außerdem 225 Ordnungswidrigkeiten wegen Verstößen gegen das Pflanzenschutzgesetz vor. Nach dem Willen der Ankläger soll sich der Mann vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts verantworten. Der Beschuldigte - er ist nicht vorbestraft - hat bisher zu den Vorwürfen geschwiegen. Die Ermittler beschlagnahmten 240.000 Euro und Vermögenswerte bei ihm, etwa ein hochwertiges Auto und Wertpapiere.
Die Behörde wirft dem 67-Jährigen vor, er habe 80 Tonnen Nikotinsulfat in China gekauft und die Fässer in Hamburg mit falschen Etiketten in das weniger gefährliche Mittel "Alzogur" - eine geschützte Marke - umdeklariert. In den Rechnungen an die Abnehmer in Deutschland und Europa tauchte nur der Begriff Kalkstickstoffdünger auf, wie Möllers sagte. Das Schädlingsbekämpfungsmittel Nikotinsulfat könne zur Lähmung des Nervensystems führen. Den chemischen Stoff hatte ein als "Hühnerbaron" bekannt gewordener Geflügelgroßzüchter in Niedersachsen Mitte der 1990er Jahre eingesetzt.
Außerdem soll er das verbotene Lindan verkauft haben
Der 67-Jährige soll laut Anklage zudem das seit Jahren verbotene, sehr giftige und krebserregende Insektizid Lindan verkauft haben: 680 Liter an einen Betrieb in Ungarn, 1600 Liter nach Dänemark. Lindan könne bei Menschen zu Schäden am Zentralnervensystem führen, sagte Möllers - und auch Gewässer schädigen.
Laut Staatsanwaltschaft hat der Beschuldigte zudem von 2006 bis 2010 knapp 38 Tonnen Pflanzenschutzmittel verkauft, die in Deutschland verboten sind - obwohl die Wirtschaftsbehörde ihm den Handel bereits im März 2009 untersagt habe. Die Abnehmer kamen vor allem aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.
(dpa, shz)

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