zur Navigation springen

Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg : Tattoo-Ausstellung: Mehr als Anker, Herz und Arschgeweih

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, dass hinter den Bildern auf der Haut weit mehr steckt als ein bunter Modetrend.

shz.de von
erstellt am 29.Mär.2015 | 18:58 Uhr

Hamburg | Ein Mann zieht sein T-Shirt aus und sitzt mit nacktem Oberkörper vor der Kamera. Soweit nichts Besonderes. Doch dann beginnt er, sich abzuschminken. Erst allein, später zusammen mit zahlreichen helfenden Händen. Stück für Stück wird sichtbar, was der Zuschauer zu Beginn nicht mal erahnen konnte: Die Haut des Mannes ist lückenlos tätowiert, sein Gesicht gestaltet wie ein Totenkopf.

Das Video, das eigentlich ein Werbespot für Make-Up ist, können Besucher derzeit als Teil der „Tattoo“-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sehen. Anhand der unerwarteten Verwandlung des jungen Mannes zeigt es, wie leicht der erste Eindruck täuschen kann.

Das gilt sowohl für Tätowierungen, die nur dann sichtbar sind, wenn es ihr Träger darauf anlegt, als auch für den gesamten Themenkomplex. Denn die Welt der Tattoos steht für weit mehr als nur das Klischee versiffter Tätowierstuben am Hafen, in denen sich Rocker und Kriminelle fragwürdige Bildchen in die Haut stechen lassen. Ganz im Gegenteil: Selbst Adelige trugen einst Tätowierungen unter ihren edlen Roben. So soll sich zum Beispiel Kaiserin „Sisi“ im Jahr 1888 einen Anker auf die Schulter stechen lassen haben.

Timm Ulrichs Tattoo ist nur bei geschlossenem Auge zu lesen.
Timm Ulrichs Tattoo ist nur bei geschlossenem Auge zu lesen. Foto: Kupfer

Sozialgeschichte

Doch die Ausstellung widmet sich Tätowierungen nicht nur als Mittel zur Verschönerung. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Facetten aus kunst- und kulturhistorischer Sicht sowie aus sozialgeschichtlicher Perspektive dargestellt werden, um vorhandene Vorstellungen der Bedeutung von Tätowierungen zu hinterfragen. „Wir haben uns darum bewusst gegen einen chronologischen Aufbau und stattdessen für kleine Themeninseln entschieden“, erklärt Ausstellungsleiter Dennis Conrad. „Quer durch die Zeitachse kann eine viel größere Bandbreite unterschiedlicher Themen gezeigt werden, als wenn man sich an bestimmte zeitliche Rahmenvorgaben halten müsste.“

Und so kommt es in den offenen Ausstellungsräumen zu einem fließenden Übergang unterschiedlichster Themenbereiche. Dazu gehören großformatige Projektionen künstlerischer Tätowierungen ebenso wie Einblicke in das Leben von Tätowierer-Legende Herbert Hoffmann und Interviews mit tätowierten Personen, die von ihren ganz eigenen Geschichten hinter ihrem Körperschmuck erzählen. Daneben gibt es aber auch andere Aspekte, die den Besucher auf eine Vielzahl weiterer Bedeutungen von Tattoos stoßen, die zum Teil keineswegs dem gängigen Lifestyle-Begriff unterzuordnen sind.

Vorbild Thailand

„Zu meinen Favoriten zählen die Bilder der thailändischen Tätowierungen“, sagt Dennis Conrad. Sie zeigen Thais, deren Rücken und Oberkörper Schriftzeichen und Tiersymbole zieren, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, sondern spirituelle Bedeutungen für ihren Träger haben. „Diese sakralen Tätowierungen weichen stark von unserem westlichen Verständnis von Tätowierungen zur Verschönerung ab. Sie zeigen, dass Tätowierungen keine Modeerscheinung sind, sondern eine Jahrtausende alte Kulturpraxis.“

In Kombination mit den anderen Bildern, Videos und Exponaten wird offenbart, wie unterschiedlich die Bedeutungen von Tätowierungen sind und welche gesellschaftliche Funktion sie häufig übernehmen. Dazu zählen beispielsweise die Tätowierungen, mit denen sich Mitglieder unterschiedlicher Gangs im Bandenkrieg in El Salvador gut sichtbar voneinander abgrenzen, aber auch die Muster in den Gesichtern der Frauen aus Birma, die Aufschluss über ihren Familienclan geben. Und auch die Maori in Neuseeland geben anderen mithilfe ihrer Tätowierungen im Gesicht Auskunft über Familienzugehörigkeit und soziale Stellung.

Dunkle Seite

Darüber hinaus zeigt die Ausstellung auch dunklere Facetten des Tattoos – unter anderem am Beispiel russischer Strafgefangener, deren Tätowierungen sich zu einer Art Erkennungsmerkmal entwickelten und symbolisch Informationen über die Anzahl der Verurteilungen oder den Rang in der kriminellen Hierarchie vermitteln. Ein Film zeigt aber auch die Auseinandersetzung eines Ausschwitz-Überlebenden mit der ihm damals unfreiwillig gestochenen Lagernummer.

Das tätowierte Hausschwein „Donata“ hat schon vor Ausstellungseröffnung für Kritik von Tierschützern gesorgt.
Das tätowierte Hausschwein „Donata“ hat schon vor Ausstellungseröffnung für Kritik von Tierschützern gesorgt. Foto: Kupfer

Für Schlagzeilen sorgte schon vor Ausstellungsbeginn jedoch ein ganz anderes Exponat: Donata. Ein Hausschwein, dessen Rücken der belgische Künstler Wim Delvoye von Profi-Tätowierern verzieren ließ – und damit schon vor Jahren für Furore sorgte. In Hamburg ausgestellt, rief das tätowierte, ausgestopfte Tier nun erneut die Tierschützer auf den Plan.

Ob es am Rummel um das Schwein liegt oder am Thema selbst – Tattoos scheinen auf Publikumsinteresse zu stoßen. Seit der Eröffnung im Februar ist die Ausstellung „überraschend gut“ angelaufen, erzählt Dennis Conrad. Neben jenen, die sich ohnehin bereits für das Thema interessieren, kämen auch Besucher, die bisher gar keinen Bezug zum Thema Tattoos hatten. Dennis Conrad: „Gerade für sie ist die Ausstellung interessant, weil man mit vielen Vorurteilen und Vorstellungen zu dem Thema aufräumen kann.“ Schließlich werde deutlich gezeigt, dass das Phänomen Tattoo zu vielschichtig ist, als dass es nur auf Subkulturen beschränkt werden könnte.

Auch Ältere zeigen Interesse

Neben dem erwarteten jungen Publikum kommen auch viele ältere Besucher. „Wir haben ein bunt gemischtes Publikum“, sagt Dennis Conrad. „Es kommen sowohl Schulklassen als auch Seniorengruppen.“ Dass Ältere nichts mit dem Thema anfangen können, sei eben auch oft nur ein Vorurteil. Und wer weiß, vielleicht trägt auch der eine oder andere Besucher, dem man es auf den ersten Blick nicht zutraut, unter seinem Hemd ein ganz besonders wildes Tattoo.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 6. September im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Montags geschlossen. Weitere Informationen gibt es hier.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen