zur Navigation springen

Strahlende Fracht falsch deklariert

vom

Mangelhafter Brandschutz: Atomfrachter hatte schon vor der Beinahe-Katastrophe im Hamburger Hafen Sicherheitsmängel

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Hamburg | Lebensgefährliche Nachlässigkeit oder alles nicht so schlimm? Nach dem Brand auf dem Atomfrachter "Atlantic Cartier" im Hamburger Hafen am 1. Mai bringen neue Hinweise auf Sicherheitsmängel die oppositionellen Grünen auf die Palme. Deren hafenpolitischer Sprecher, Anjes Tjarks, wirft der Besatzung "Schlamperei beim Umgang mit Atomfracht vor".

Auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten räumt der Senat ein, dass die Wasserschutzpolizei Stunden vor dem Brand ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die Schiffsführung eingeleitet hatte. Grund waren zwei Fehler beim Deklarieren der Fracht. Bei der Eingangskontrolle am Morgen des 1. Mai war festgestellt worden, dass für zwei Container die tatsächliche Radioaktivität nicht vermerkt war. Zudem fehlten in den Papieren die Staupositionen von zwei Tankcontainern mit ätzenden Stoffen. Laut Polizei handele es sich um eine "Lappalie". Es sei Verwarngeld von 20 Euro verhängt worden.

In seiner Antwort bestätigt der Senat zudem, dass die "Atlantic Cartier" in der Vergangenheit mehrfach bei Kontrollen in anderen Häfen auffällig geworden war. Unter anderem hätten US-Behörden im November 2012 Mängel beim Brandschutz festgestellt, berichtete der Sender NDR 90,3. Tjarks: "Die Reederei ACL ist den Hamburgern einige Erklärungen schuldig." Am Freitag ist zunächst der Senat am Zug. Die Grünen haben den Atomfrachter-Brand auf die Tagesordnung des Innenausschusses gesetzt.

Auf dem Schiff war am Abend des 1. Mai aus ungeklärter Ursache ein Feuer ausgebrochen, gegen das 250 Feuerwehrleute 15 Stunden ankämpften. Erst Tage später teilte der Senat mit, dass sich an Bord außer Munition auch 20 Tonnen radioaktives Material befunden hatte, darunter das hochgefährliche Uranhexafluorid. Niemand wurde verletzt - dennoch sprechen Grüne und Linke von einer "Beinahe-Katastrophe". Die Behörden weisen das zurück.

Die Senatsantwort zeigt allerdings, dass eine Explosion während der dramatischen Löscharbeiten durchaus im Bereich des Möglichen lag. Der Brandherd habe sich nur zehn bis 15 Meter von der Stelle entfernt befunden, an der tonnenweise hochexplosives Ethanol verstaut war. Und: Hamburgs Feuerwehr hatte das zum Löschen brisanter Stoffe genutzte Kohlendioxid (CO2) nicht vorrätig. Laut Innenbehörde kein gravierendes Problem, da das Schiff über eine eigene CO2-Löschanlage verfüge.

Der Großbrand im Hansahafen hat der Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerufen, dass der Hafen als einer der wichtigsten Umschlagplätze für atomare Fracht in Europa fungiert. Für die drei Monate von Februar bis Mai sind 80 Schiffstransporte mit radioaktiven Stoffen registriert. Hinzu kommen geschätzt 150 Anlässe pro Jahr, bei denen strahlende Fracht per Zug und Lkw durch die Millionenstadt gefahren wird.

Umweltschützer und Links-Fraktion fordern seit langem ein Verbot solcher Transporte, Bürgerschaft und Senat haben das bislang stets abgelehnt. Zuletzt auch 2010, als die Grünen gemeinsam mit der CDU an der Elbe regierten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen