Neues geschlossenes Heim : Standortsuche in SH: Niemand will Hamburgs jugendliche Kriminelle

Die Hansestadt Hamburg findet keinen Standort für ein geschlossenes Heim in den Nachbarländern.

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20. Januar 2015, 06:25 Uhr

Hamburg | Der Hamburger Senat will kriminelle Jugendliche künftig wieder in einem geschlossenen Heim unterbringen. Auf der Suche nach einem Standort sieht sich die Hansestadt derzeit auch im schleswig-holsteinischen Speckgürtel um. „Wir suchen eine geeignete Fläche im Umland oder am Rand Hamburgs“, bestätigte Marcel Schweitzer, Sprecher von Sozialsenator Detlef Scheele (SPD). Doch die heikle Angelegenheit gestaltet sich schwieriger als gehofft, längst nicht jeder Bürgermeister ist angetan, wenn der große Nachbar in seiner Kommune eine Einrichtung für schwer kriminelle Teenager eröffnen möchte. Schweitzer: „Die Begeisterung im Umland hält sich in Grenzen.“

Deshalb zieht sich die Sache hin. Die sozialpolitische Kehrtwende in Sachen geschlossene Unterbringung hatte der SPD-Senat bereits vor mehr als einem Jahr angekündigt. Wegen der skandalösen Zustände in den Haasenburg-Heimen (Brandenburg), in denen Hamburg bis dahin minderjährige Intensivtäter untergebracht hatte, stellte Scheele im November 2013 ein eigenes Heim in Aussicht. Damals hieß es noch, dieses solle keinesfalls auf dem Territorium der Stadt, sondern in einem der Nachbarbundesländer stehen. Die Nähe zum kriminellen Milieu erschwere Jungtätern den Ausstieg aus der Szene. Doch bis heute ist die Sozialbehörde im Umland nicht fündig geworden, obwohl sie diverse Standorte ins Auge gefasst hat. Nach Behördenangaben sind Grundstücke in den Kreisen Stormarn, Segeberg, Plön und Herzogtum Lauenburg (alle Schleswig-Holstein) sowie in den niedersächsischen Landkreisen Harburg und Stade geprüft – und sämtlich verworfen worden. Welche Orte dies betraf, verrät die Stadt nicht.

Weil die Standortsuche im Speckgürtel nicht vorankommt, schließt die Behörde nun doch auch ein Grundstück im Stadtgebiet nicht mehr aus. „Aber natürlich nicht innenstadtnah, sondern in Randlagen“, versichert Schweitzer. Der Schwenk habe auch einen pädagogischen Grund. Inzwischen erscheine es besser, Hamburger Intensivtäter nicht auf dem „platten Land“ zu betreuen, sondern zumindest in der Nähe der Großstadt. Dann falle ihnen die Rückkehr in ihr Lebensumfeld später leichter.

Die Opposition in der Bürgerschaft kritisiert den Sinneswandel scharf. Der FDP-Sozialpolitiker Finn-Ole Ritter: „Wären die Verlockungen für Jugendliche wie die Risiken für Anwohner im dicht besiedelten Hamburg nicht viel zu hoch?“ Sein CDU-Abgeordnetenkollege Christoph de Vries plädiert für eine gemeinsame Einrichtung der norddeutschen Länder und drängt auf eine schnelle Lösung: „Schwer straffällige Jugendliche, die mit offenen pädagogischen Angeboten nicht erreichbar sind, laufen derzeit in Hamburg frei herum und können ungehindert neue Straftaten begehen.“

Dabei wird die Einrichtung ohnehin keine städtische werden. An der im August gegründeten Betreibergesellschaft PTJ (Pädagogisch Therapeutische Jugendhilfe GmbH) hält Hamburg nur zehn Prozent. Je 45 Prozent liegen beim gewerblichen Sozialträger Social Unitas GmbH sowie bei den Grone-Schulen Niedersachsen. Mit Bau oder Umbau des Gebäudes hat die PTJ die Pinneberger Neuhaus Wohnungsbau beauftragt. Ein Hinweis auf einen etwaigen Standort im Kreis Pinneberg ist dies allerdings nicht.

Die Einrichtung soll insgesamt 16 Plätze erhalten: vier für die geschlossene Einstiegsphase, acht in der halbgeschlossenen Übergangsphase sowie vier zur Entlassungsvorbereitung. Längst nicht alle Plätze will Hamburg selbst belegen. Behördensprecher Schweitzer: „Wir sind offen, Jugendliche aus anderen Bundesländern aufzunehmen.“

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