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St. Pauli: Pastor zwischen Party und Rotlicht

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Zum Arbeitsprofil von Sieghard Wilm gehören Besuche in Table-Dance-Bars

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Hamburg | Obwohl die St. Pauli Kirche einst dem Stadtteil zu seinem Namen verhalf, hat St. Pauli nicht gerade das Image, gottesfürchtig zu sein. Pastor Sieghard Wilm wohnt von Berufs wegen seit mehr als elf Jahren im Pastorat im Stadtteil St. Pauli. Das Kirchengelände liegt eingeklemmt zwischen der sündigsten Meile der Welt und dem Hafen. Wilm wollte dahin. "Himmel und Hölle sind hier in St. Pauli sehr dicht beieinander", sagt er. Eine gewöhnliche Gemeinde betreut er nicht. Nicht nur, weil zu Wilms Arbeitsprofil Besuche in Table- Dance-Bars gehören. "Wir haben hier eine Tag-Gemeinde und eine Nacht-Gemeinde", sagt Wilm. Wer nicht zum Gottesdienst am Sonntagmorgen kommen kann, weil er die ganze Nacht Bier ausgeschenkt hat, wird von Wilm bei der Arbeit besucht. "In den Table Dance Bars ist um 21 Uhr noch nicht so viel los, die Leute freuen sich, wenn ich komme", sagt Wilm und lächelt. "Von einer Tänzerin erfahre ich dann, dass sie einen Kindergartenplatz für ihr Kind sucht", sagt der Seelsorger.

Oft werden er und sein Kollege auch eingeladen, wenn eine neue Bar aufmacht. Der Pastor ist bekannt. "Wir leben hier mitten in der Party", sagt Wilm. Morgens spielen Kindergartenkinder mit Blick auf den Hafen. Gleichzeitig ist die Jugendsozialarbeit sehr wichtig - viele erleben auf St. Pauli keine romantische Kindheit. "Sobald die Haie rauskommen, sind die kleinen Fische weg", sagt Wilm. Haie sind Leute, die auf der Straße grölen, trinken, sich schlagen. Neue Bürgerlichkeit, Partytourismus, Kriminalität: Alles vor Wilms Haustür. "Diese Ambivalenz wird man nie aus St. Pauli rauskriegen", sagt Wilm. "Das Besondere an dieser Kirchengemeinde ist, dass sie sich so zwischen den Polen bewegt", sagt auch Remmer Koch, Sprecher der evangelisch-lutherischen Kirche Hamburg-Ost. Geboren wurde Wilm in einem kleinen Ort im Kreis Segeberg nahe Hamburg. Im Zivildienst arbeitete er mit Drogenabhängigen. Es war die Zeit, als er beschloss Theologie zu studieren - und Ethnologie. Ein Jahr lang lebte Wilm in Ghana. Als die Stelle in St. Pauli frei wurde, bewarb er sich und zog 2002 mit seinem Lebensgefährten ins Pastorat, das eingeklemmt zwischen der sündigsten Meile der Welt und dem Hafen liegt. "Bei den vielen verschiedenen Milieus in St. Pauli bin ich als Ethnologe hier genau richtig", sagt der 47-Jährige. Seit 2008 hat sich das Paar dort um drei Pflegekinder gekümmert, auch um einen Jungen aus einer muslimischen Familie. "Wir haben den Verwandten gleich gesagt: Wir sind Christen und wir sind schwul", erzählt Wilm. Das sei akzeptiert worden. Der Stadtteil kennt fast alle Formen von Familie. Laut Wilm sind von rund 21 000 Menschen im Viertel knapp 5300 Mitglieder der Kirchengemeinde. Die Zahl wird eher größer als kleiner. St. Pauli wandelt sich. "Wir haben hier mittlerweile 50 Taufen und diverse Hochzeiten im Jahr", sagt Wilm. Früher sei St. Pauli nur Junggesellenabschied gewesen, niemals Heirat.

Abenteuer ist Wilms Job dennoch. Vor ein paar Jahren platzte eine Gruppe Männer in seinen Gottesdienst und forderte lautstark nach "Acqua Santa" - Weihwasser. "Sie hatten Hühner auf dem Fischmarkt gekauft und wollten sie schlachten. Dafür mussten sie aber noch geweiht werden", erzählt Wilm. Dieser Brauch war selbst dem Pastor von St. Pauli neu.

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