Fußball-Bundesliga : St. Pauli lehnt Sicherheitskonzept komplett ab

Fans im Hamburger Millerntorstadion sprechen sich gegen das Sicherheitskonzept aus. Foto: dpa
Fans im Hamburger Millerntorstadion sprechen sich gegen das Sicherheitskonzept aus. Foto: dpa

Mit großer Mehrheit haben sich 36 Proficlubs auf das neue Sicherheitskonzept im Fußball geeinigt. St. Pauli und Union Berlin lehnen die Vereinbarung ab.

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14. Dezember 2012, 09:07 Uhr

Frankfurt/Hamburg | Die Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin und FC St. Pauli haben den Anträgen zum Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga nicht zugestimmt. Das bestätigten beide Clubs nach der Ligaversammlung am Mittwoch in Frankfurt. In keiner der geplanten Änderungen sei ein wirklicher Sinneswandel zum Beispiel im Hinblick auf die statuarische Verankerung eines Fandialoges erkennbar, bemerkte Union in einer Mitteilung zu seiner Ablehnung.
Insgesamt ist das neue Sicherheitskonzept im deutschen Fußball von den 36 Proficlubs mehrheitlich verabschiedet worden. St. Paulis Sprecher Christian Bönig bestätigte, dass der Verein nicht von seiner auf der Mitgliederversammlung beschlossenen Linie der Ablehnung abgewichen ist. Keinem der Anträge wurde zugestimmt. Auch der 1. FC Union lehnte alle 16 Anträge ab.

Fußballkultur soll nicht gefährdet werden

Die anderen Proficlubs der Deutschen Fußball Liga (DFL) hatten das neue Sicherheitskonzept im deutschen Fußball mit großer Mehrheit verabschiedet und alle Anträge abgesegnet. "Ich glaube, dass unter dem Strich der professionelle Fußball als Gewinner aus der Veranstaltung herausgeht", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball nach der Ligaversammlung am Mittwoch in Frankfurt und versicherte, die Beschlüsse würden die Fußballkultur in Deutschland nicht gefährden.
Wie aber beispielsweise die Einlasskontrollen künftig genau aussehen sollen und ob die Anzahl von Gästetickets bei Risikospielen begrenzt werden kann, war zunächst genauso wenig bekannt wie andere Details der Einigung. Nach Angaben der DFL sollen unter anderem die Fan-Beauftragten verstärkt einbezogen werden, für Pyro-Technik gebe es auch künftig keinen Spielraum. Die DFL kündigte an, das gesamte Konzept zeitnah zu veröffentlichen.

"Ein wichtiges Zeichen für den gesamten Fußball"

Bei den meisten Anträgen gab es nach Angaben von Rauball eine Zustimmung von mindestens 90 Prozent. Den Vorstoß des Zweitligisten FC St. Pauli auf Verschiebung des Votums hätten fünf Clubs unterstützt, sagte Rauball. 31 Vereine lehnten dies ab.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) begrüßte die Entscheidung. "Dass die deutliche Mehrheit der Lizenzvereine Geschlossenheit demonstriert und für das Sicherheitskonzept gestimmt hat, ist ein wichtiges Zeichen für den gesamten Fußball und die überwältigende Mehrheit der friedlichen Fans in Deutschland", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der mit dem deutschen U 18-Team in Israel weilte.

Fans sind sauer

Die Vertreter der Vereine einigten sich in einer gut einstündigen nichtöffentlichen Sitzung auf das besonders bei Fanvertretern umstrittene Maßnahmenpaket. Philipp Markhardt, Sprecher der Organisation "ProFans" wertete die Entscheidung als "absolut negativ" und kündigte weitere Proteste an. "Wir machen uns nicht zum Büttel von Herrn Rauball", sagte Markhardt. Fanvertreter hätten von Beginn in einen Dialog mit einbezogen werden müssen. "Der Stil ist unter jeder Kanone."
Die Punkte, die die DFB-Richtlinien betreffen, müssen vom DFB-Präsidium bei seiner Sitzung am 25. Januar noch abgesegnet werden. Dabei könne es aber nur "unwesentliche inhaltliche Anpassungen" geben, so die Deutsche Fußball Liga. "Wir haben uns von den Fans nicht entfernt, es scheint nur in der Kommunikation etwas schiefgelaufen zu sein", erklärte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München am Rande der Veranstaltung.

Polizeigewerkschaft erfreut

Innenminister von Bund und Ländern hatten DFL, DFB und die Vereine aufgefordert, nach vermehrten Ausschreitungen in den Arenen zu einer Entscheidung zu kommen. Rauball verlangte von der Politik nach den zum Teil hitzigen Debatten der vergangenen Wochen, von Drohungen in Richtung der Verbände, Vereine und Fans, etwa in Bezug auf die Bezahlung von Polizeieinsätzen, abzusehen. Solche Drohungen müssten "ein für alle Mal vom Tisch sein", monierte der Präsident von Borussia Dortmund.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft zeigte sich ebenfalls von der Verabschiedung des Sicherheitskonzepts erfreut. "Es war höchste Zeit, dass der zunehmenden Gewalt in und um deutsche Fußball-Stadien mit konkreten Maßnahmen begegnet wird. Die Richtung, die die DFL jetzt einschlägt, ist nachvollziehbar", erklärte der Gerwerkschaftsvorsitzender Rainer Wendt. Das Papier war nach dem Sicherheitsgipfel mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Lorenz Caffier (CDU), Vorsitzender der Innenministerkonferenz, DFB und Ligaverband im vergangenen Juli in Berlin entstanden.

Schweigeminuten in eisiger Kälte

Mehrere hundert Fans hatten sich trotz bitterer Kälte vor dem Frankfurter Hotel versammelt, ein Polizeiaufgebot riegelte die Tagungsstätte ab. An den vergangenen drei Spieltagen hatten die Anhänger in den Bundesliga-Stadien mit ihrer Schweige-Aktion über 12 Minuten und 12 Sekunden lautlos, aber eindrucksvoll protestiert.
Zudem gab es am vergangenen Wochenende noch Demonstrationen. Die Fans hatten es bislang nicht geschafft, Übeltäter in ihren Reihen auszugrenzen. Mit dem Urteil gegen die Gewalttäter von Dynamo Dresden hatte die Entscheidung weiteren Zündstoff bekommen. Nach dem Ausschluss des Zweitligisten vom DFB-Pokal der nächsten Saison durch das DFB-Sportgericht protestierten Dynamo-Anhänger auch am Mittwoch in Frankfurt gegen das neue Konzept.

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